Orbán empfängt Erdogan "Wir alle wollen so sein wie er"

Viktor Orbán versteht sich blendend mit Recep Tayyip Erdogan. Nun empfängt er den türkischen Staatschef in Budapest - und stellt sich damit demonstrativ gegen die EU.

Hand in Hand: Viktor Orbán und Recep Tayyip Erdogan (Archiv)
SZILARD KOSZTICSAK/ EPA-EFE/ REX

Hand in Hand: Viktor Orbán und Recep Tayyip Erdogan (Archiv)


Gerade erst war der russische Staatspräsident Wladimir Putin zu Besuch, nun empfängt Ungarns Premier Viktor Orbán einen weiteren autoritären Staatsführer in Budapest: den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Es ist der dritte offizielle Besuch Erdogans in Budapest seit 2013 - und auch diesmal wird er sich wieder über einen überaus herzlichen Empfang durch Orbán freuen dürfen.

Während die Beziehung des ungarischen Premiers zu Putin von partnerschaftlichem Pragmatismus geprägt ist, verbindet Orbán und Erdogan ein enges, mitunter kumpelhaftes Verhältnis. Orbán bewundert den türkischen Staatschef aufrichtig für seinen Politikstil. In der Öffentlichkeit nennen sich die beiden gegenseitig "liebe und gute, persönliche Freunde".

Orbán verfolgt in der EU eine "Allein-gegen-den-Rest"-Haltung

Erdogans Besuch bei Orbán findet zu einem heiklen Zeitpunkt statt - das europäisch-türkische Verhältnis hat wieder einmal einen Tiefpunkt erreicht:

  • Ungeachtet massiver Proteste von Nato-Partnerländern und der Europäischen Union ist die türkische Armee in Nordsyrien einmarschiert, um kurdische Milizen zu bekämpfen.
  • Die Europäische Union wollte die Militäroffensive Mitte Oktober in einer scharf formulierten Resolution verurteilen - und scheiterte an Orbáns Veto.

Seine "Allein-gegen-den-Rest"-Haltung verteidigt Ungarns Premier mit dem Argument, die Türkei sei der wichigste strategische Partner Europas in der Flüchtlingskrise, dem man helfen müsse. Andernfalls mache Erdogan womöglich seine Drohung wahr und lasse Millionen Flüchtlinge losziehen. Das, so Orbán, sei nicht in Europas Interesse.

Budapest will gute Beziehungen zu Berlin, Moskau - und Istanbul

Darüber hinaus gibt es laut Orbán ein spezifisches Interesse seines Landes an einem guten Verhältnis zur Türkei. Ungarn bewege sich seit nunmehr tausend Jahren zwischen den Machtzentren Berlin, Moskau und Istanbul, so der Budapester Regierungschef. Daher müsse Ungarn die Beziehungen zu diesen drei Zentren besonders umsichtig pflegen.

Während das deutsch-ungarische Verhältnis in den vergangenen Jahren freilich immer frostiger geworden ist, wird Orbán seine vorbehaltlose Unterstützung der Türkei beim Zusammentreffen mit Erdogan bekräftigen. Vielleicht sogar sehr deutlich - in der Vergangenheit hatte er der EU beispielsweise einen "unehrlichen Umgang" mit der Türkei vorgeworfen.

Orbáns Haltung geht dabei aber über ungarische Interessen- und Realpolitik weit hinaus. Denn die Türkei ist wirtschaftlich keiner der bedeutenden Partner Ungarns:

  • Schon seit Langem strebt Orbán ein bilaterales Mindesthandelsvolumen von jährlich fünf Milliarden US-Dollar an - doch vergangenes Jahr waren es erst drei Milliarden.
  • Künftig soll der Handel mit russischem Gas über die Pipeline "Turkish Stream" die Bilanz aufbessern.
  • Außerdem wünscht sich Orbán eine massive Aufrüstung der ungarischen Armee, dabei will seine Regierung auch in der Türkei Waffen kaufen.

Orbáns Türkei-Affinität hat zudem persönliche Gründe. Ein langjähriger Freund des ungarischen Premiers ist Adnan Polat, der türkische Immobilienmogul und Ex-Präsident des Fußballklubs Galatasaray Istanbul:

  • Der hat in Ungarn unter anderem Geschäfte mit Orbáns Schwiegersohn István Tiborcz getätigt und in Budapest das berühmte Grabmal des Sufi-Heiligen Gül Baba renovieren lassen.
  • Er will zudem künftig mehrere Hundert Millionen Euro in Ungarns erneuerbaren Energiesektor investieren.

Polat hat wohl auch Orbán und Erdogan enger zusammengebracht. Keinem anderen Regierungs- oder Staatschef stand der ungarische Premier in den vergangenen Jahren so nah wie Erdogan.

Er sieht sich und sein Land in einer ähnlichen Situation wie Erdogan und die Türkei. Ungarn suche ebenfalls seinen eigenen Weg und sein eigenes Modell, sagte er einmal, und von Erdogan habe er gelernt, dass man seine nationale Unabhängigkeit erkämpfen müsse, auch um den Preis internationaler Kritik. 2013 lobte Orbán den türkischen Staatschef mit den Worten, er sei ein mutiger Mensch, der schwere Entscheidungen getroffen habe. Und fügte hinzu: "Wir alle wollen so sein wie er".

Orbán hat Erdogan 2017 einen Treueschwur geleistet

Orbáns Loyalität gegenüber Erdogan ging so weit, dass er 2013 als einziger EU-Regierungschef das brutale Vorgehen des türkischen Präsidenten gegen die regierungskritischen Proteste verteidigte und ihm bei einem Besuch in Ankara 2017 versicherte, dass Ungarn sich "niemals irgendwelchen türkeifeindlichen Äußerungen in bedeutenden EU-Staaten anschließen" werde.

Beitragen zu dieser ungewöhnlichen engen Freundschaft dürfte auch, dass die beiden Staatsmänner jeweils einen Erzfeind haben - für Orbán ist es der US-Börsenmilliardär ungarisch-jüdischer Herkunft George Soros, für Erdogan der islamische Prediger Fethullah Gülen.

Es war deshalb wohl kein Zufall, dass ungarische Behörden 2016 gegen eine angebliche Gülen-nahe Schule wegen Terrorverdachts ermittelten. Dafür darf nun Erdogans Maarif-Stiftung in Budapest eine Schule eröffnen. Dass die Stiftung in Verdacht steht, Verbindungen zu radikalen Islamisten zu haben, stört Orbán, der gern vor der Gefahr des islamistischen Terrorismus durch Migration warnt, nicht.



insgesamt 69 Beiträge
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Seite 1
Choucroute 07.11.2019
1. kein Zwang
Niemand zwingt Ungarn in der bösen EU zu bleiben, ist das dem Hern Orban klar ?
mostly_harmless 07.11.2019
2.
Zitat von ChoucrouteNiemand zwingt Ungarn in der bösen EU zu bleiben, ist das dem Hern Orban klar ?
Wenn Ungarn aus der EU austritt, gibts von der EU kein Geld mehr. Und das ist der einzige Grund, weshalb Ungarn Mitglied der EU ist. Also wird Ungarn ganz gewiss nicht austreten
joshmosh 07.11.2019
3. Der politische Wille fehlt
Es gäbe bestimmt Möglichkeiten, den EU-Geldhahn in Richtung Ungarn (und Polen und Tschechien nur noch tröpfeln zu lassen. Das würde Herrn Orbam eventuell zum Nachdenken bewegen. Aber dazu fehlt der politische Mut und/oder Wille. Das gilt in gleichem Maß auch für den Sultan. Das ist die einzige Sprache, die diese Herren verstehen ...
datanific 07.11.2019
4.
Ich könnte mich aber auch nicht daran erinnern das Ungarn mit einem EU-Austritt gedroht hätte, und die die EU kann auch kein Mitglied zwangsweise ausschließen.
Glocknerkönig 07.11.2019
5. Bayern
aber Orban und die bayerische CSU sind doch auch beste Freunde?
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