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16. Oktober 2014, 06:11 Uhr

Umstrittene Kommissionskandidatin

EU-Abgeordnete wollen Junckers Schamanin "einweisen" lassen

Von , Brüssel

Eine Esoterikerin in der EU-Kommission? Sloweniens umstrittene Kandidatin Violeta Bulc überzeugte Jean-Claude Juncker im Vorstellungsgespräch. Doch Europa-Abgeordnete haben anderes mit ihr vor.

Violeta Bulc, umstrittene slowenische Kandidatin für die EU-Kommission, hat Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker überzeugt - aber noch nicht Abgeordnete im Europaparlament, die über ihre Personalie kommende Woche entscheiden müssen.

Wie SPIEGEL ONLINE aus Parlamentskreisen erfuhr, kam es bei der Diskussion über die Personalie zu tumultartigen Szenen innerhalb der konservativen Mehrheitsfraktion EVP.

Deren Chef, der CSU-Europaparlamentarier Manfred Weber, will Bulc rasch durchsetzen, um einen pünktlichen Start der Juncker-Kommission zu ermöglichen. Daher soll sich die Slowenin schon am kommenden Montag zu einer Anhörung über das ihr zugewiesene Verkehrsressort stellen. Am Mittwoch oder Donnerstag könnte dann das Parlament die gesamte neue Kommission wählen.

Es sei "eine Farce", dass eine Person, die in ihrem ganzen Leben noch nie politisch mit Verkehrsthemen befasst gewesen sei, so eine komplexe Materie bis Montag beherrschen solle, ereiferte sich der Chef der CDU/CSU-Gruppe im Europaparlament, Herbert Reul.

Kaum politische Erfahrung

Der Christdemokrat äußerte auch offene Kritik an Bulcs bekannt gewordenen esoterischen Interessen - und zürnte, diese Dame würde er in seinem eigenen Haus keine Stunde allein lassen, "wer weiß schon, was sie dort anstellt". Reul sagte sogar, eventuell müsse man Bulc ja "einweisen" lassen.

Die slowenische Kommissionskandidatin und Unternehmerin gilt als Anhängerin von Esoterik und New Age. Kritiker stürzten sich nach ihrer Nominierung rasch auf Onlinevideos, in denen die Slowenin erläuterte, Strukturen hätten "ihre eigenen Leidenschaften."

Blogger sezierten Bulcs eigenen Blog, auf dem sie einen Lauf über glühende Kohlen beschrieb und von der kosmischen Erfahrung schwärmte, "die sie dabei tief innen verspürte". Spötter schlugen vor, man könne Bulc ja zur EU-Kommissarin ernennen, die "positive Energie fördern" solle. Andere tauften sie "Schamanin", weil Bulc eine entsprechende Ausbildung vorweisen kann.

Politische Erfahrung bringt Bulc hingegen kaum mit. Erst vor wenigen Wochen wurde die Unternehmerin slowenische Entwicklungsministerin. Sie fungiert zwar offiziell als stellvertretende Regierungschefin, gilt jedoch vor allem als Vertraute des ebenfalls erst seit kurzer Zeit amtierenden Premiers Miro Cerar.

Eine politisch so unerfahrene Kandidatin in ein so hohes Amt zu berufen, stärke Europaskeptiker, hieß es bei den EVP-Kritikern. Ihnen stößt zudem übel auf, dass durch die Umbesetzung der bislang als Transport-Kommissar vorgesehene Slowake Maros Sefcovic ein ihm ebenfalls völlig unbekanntes Ressort übernehmen muss - die Energie-Union der EU. Sefcovic muss sich dafür einer neuen Anhörung im Parlament stellen.

Dennoch ist nicht mehr mit großem Widerstand der Abgeordneten gegen die neuen Personalien zu rechnen. Offene Kritiker wie Reul befinden sich in der Unterzahl.

Schnell soll es gehen

Schließlich wollen zahlreiche Europaparlamentarier die Juncker-Kommission, deren Bestellung sie auch als ihren eigenen demokratischen Erfolg ansehen, nicht weiter beschädigen.

Die beiden größten politischen Blöcke im Parlament - die konservative EVP und Europas Sozialdemokraten/Sozialisten - sind sich einig, dass die neue Kommissionsmannschaft möglichst zum 1. November die Arbeit aufnehmen soll. Sozialdemokraten freuen sich zudem über den Vizepräsidentenposten für ihren Parteifreund Sefcovic.

Jedoch versicherte EVP-Chef Weber am Ende des Treffens seiner Fraktion, natürlich werde Bulc genauso sorgfältig geprüft wie alle anderen Kandidaten.

Das werteten Anwesende als Einlenken, bei einem desaströsen Auftritt sei eine Ablehnung der Slowenin noch möglich - so wie bei der Frau, die sie ersetzen soll, die ursprünglich nominierte slowenische Ex-Regierungschefin Alenka Bratusec.

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