Vizekandidat Lieberman McCains neuer bester Freund

Der Wirbel um Barack Obamas Vize drängt John McCains Suche in den Hintergrund. Der muss unbedingt auf die religiöse Rechte Rücksicht nehmen. Umso ungewöhnlicher, dass er mit einem Ex-Demokraten liebäugelt: Al Gores einstigem Vizekandidaten Joe Lieberman.

Washington - Wahlkampf ist ein anstrengendes Geschäft, und John McCain ist dabei nicht gerne alleine. Seine Helfer sind angewiesen, dem republikanischen Präsidentschaftsbewerber immer ein paar Kumpel auf den langen Reisen an die Seite zu stellen. Zum Glück können sie dabei gerade auf einen besonders treuen Freund zählen. Seit Monaten weicht Joe Lieberman kaum mehr von McCains Seite. Gerne greift er bei Wahlkampfstopps sogar selbst zum Mikro, wie in York, Pennsylvania. "Wir haben die Wahl zwischen einem Kandidaten, für den sein Land immer an erster Stelle steht", verkündete Lieberman den Zuhörern - und blickte zu John McCain. "Und einem, der das nicht tut." Damit meinte er Barack Obama.

McCain (l.) mit Lieberman: Sein neuer bester Freund

McCain (l.) mit Lieberman: Sein neuer bester Freund

Foto: REUTERS

Attacke. Lieberman macht diesen Job so gut, dass viele in ihm schon McCains Vize sehen. Immerhin fällt einem Stellvertreter in der Regel auch die Rolle des aggressiven Pitbulls zu, der den Rivalen der anderen Seite in Stücke reißt. Genug Erfahrung hätte Lieberman: Er war schon einmal Vizepräsidentschaftskandidat, im Jahr 2000. An der Seite von Al Gore. Doch da war Lieberman noch ein Parteifreund Obamas - ein Demokrat.

Der radikale Sinneswandel macht die Männerfreundschaft zwischen McCain und Lieberman so ungewöhnlich. Lieberman, ein 66 Jahre alter Senator aus Connecticut, kann eine der seltsamsten Karrieren der US-Politik vorweisen. Lange hielt er sich eher am rechten Flügel der Demokraten auf und galt vielen als Moralapostel. Als einziger Demokrat übte er öffentlich im Senat scharfe Kritik an den ethischen Verfehlungen von Präsident Clinton in der Lewinsky-Affäre, obwohl die Clintons ihm einst während ihrer Studentenzeit in Yale im Wahlkampf geholfen hatten. Auch deswegen kürte Al Gore, der sich vom Clinton-Schmuddel distanzieren sollte, Lieberman zu seinem Partner - als ersten Bewerber jüdischen Glaubens für dieses Amt.

Ein Ex-Demokrat als Zünglein an der Waage

Aber schon im Wahlkampf vor acht Jahren erschien der Senator vielen Demokraten lethargisch und nicht gerade als feuriger Parteisoldat. Nach dem 11. September entfremdete Lieberman sich vor allem in Sicherheitsfragen immer mehr von seiner Partei - etwa durch seine strikte Unterstützung der Irak-Invasion. 2006 verlor er die demokratischen Vorwahlen für seinen Senatssitz gegen einen Herausforderer, der die Invasion vehement ablehnte. Doch Lieberman bewarb sich als Unabhängiger und gewann.

Nun ist er im US-Senat das Zünglein an der Waage. Wenn er nicht mehr, wie jetzt bei den meisten Themen außer Irak, für die Demokraten stimmt, haben die Republikaner dort die Mehrheit. Sein Verhältnis zu Obama hat sich so abgekühlt, dass die beiden schon in erregter Auseinandersetzung im Senat gesichtet wurden.

McCain aber hat Lieberman umarmt. Bei den meisten Auslandsreisen ist er dabei, doch auch an der Heimatfront steht er als treuer Recke zur Verfügung - etwa in prominenter Rednerrolle beim Republikaner-Parteitag in St. Paul in der übernächsten Woche. Lieberman wird dort am Montagabend sprechen, wenn auch Präsident Bush und sein Vize Dick Cheney auftreten. Das Thema: nationale Sicherheit.

Die Stippvisite heizt weiter die Gerüchteküche um eine Vizerolle an. "Lieberman macht Sinn als Vize für McCain. Er würde seine außenpolitische Stärke unterstreichen - und McCain könnte signalisieren, dass er über Parteigrenzen hinweg zusammenarbeiten kann", sagt Vic Matus vom konservativen Magazin "The Weekly Standard" zu SPIEGEL ONLINE.

Verheerende Reaktion bei der religiösen Rechten

Doch die Reaktionen auf die Idee sind bislang vernichtend, auf beiden Seiten des politischen Spektrums. Sie zeigen, welche Narben Schwenks zur anderen Partei hinterlassen, die im ideologisch verkrusteten US-Zweiparteiensystem ungewöhnlich sind. Demokraten schäumen öffentlich über den "Verräter". "Lieberman must go", eine rasch gegründete Web-Seite, hat schon über 50.000 Unterstützer für eine Petition versammelt, die ihn aus dem Demokraten-Kreis verbannen wollen - dem er im Senat noch angehört. Lieberman ist eine Art amerikanischer Wolfgang Clement geworden.

Die Republikaner könnten eigentlich frohlocken. Doch viele von ihnen sind von McCains neuem besten Freund auch nicht begeistert. Denn bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass der außer in der Sicherheitspolitik mit konservativen Republikanern wenig gemein hat. Besonders im Blickpunkt: Seine Unterstützung für das Recht auf Abtreibung. Angeblich soll McCains Team schon bei einflussreichen Führern der religiösen Rechten vorgefühlt haben, wie ein Vize Lieberman ankäme.

Doch das Echo war verheerend. David Limbaugh schreibt auf WorldNetDaily über den religiösen Flügel der Republikaner: "Sie werden ganz sicher nicht für McCain stimmen, wenn er einen Vize auswählt, der für Abtreibung ist. Sie wollen kein Blut an ihren Händen." Der mächtige konservative Radiomoderator Rush Limbaugh warnt: "Das würde die Republikanische Partei zerreißen." McCain braucht aber die evangelikale Rechte - die vor vier Jahren jeden vierten Wähler stellten - für den Marsch ins Weiße Haus.

Also schätzen Polit-Auguren die Vize-Chancen von Lieberman eher gering ein. Bessere Aussichten soll etwa Tim Pawlenty zu haben - ein junger populärer Gouverneur aus Minnesota, mit dem McCain ebenfalls gut klarkommt. Oder doch dessen ehemaliger Rivale im Vorwahlkampf, Mitt Romney. Der erfolgreiche Geschäftsmann und Ex-Gouverneur von Massachusetts bringt Wirtschaftserfahrung mit, die McCain kaum vorweisen kann. Allerdings ist Romney wegen seines mormonischen Glaubens auch nicht unumstrittenen bei der religiösen Basis. Doch der bestens vernetzte "Time"-Reporter Mark Halperin berichtete gestern unter Berufung auf hochrangige Republikaner, McCain habe sich für Romney entschieden.

Der Kandidat aber will seine Entscheidung erst am 29. August bekannt geben - um so den Einfluss der Nominierungsrede von Barack Obama am Vorabend beim Demokraten-Parteitag in Denver zu mindern.

Lieberman spielt derweil seine Rolle als Provokateur weiter. Gerade weilt er in Georgien, inoffiziell natürlich als McCain-Gesandter - Obamas möglicher Favorit, Joseph Biden, ist von dort gerade zurückgekehrt. Lieberman meldet sich weiter mit Kritik am demokratischen Kandidaten zu Wort: "Obama ist einfach nicht, was wir als Präsident wollen." Auf die Kritik von allen Parteien reagiert er bloß mit Achselzucken.

Das wiederum könnte McCain doch noch von ihm überzeugen. Denn der einstige Kampfflieger präsentiert sich ja selber gerne als Parteirebell - und hat eine Schwäche für Kollegen, die sich was trauen.