Vizeminister für Öl Erster syrischer Top-Politiker läuft zu Aufständischen über

Er will "das sinkende Schiff" verlassen - und rät seinen Kollegen, das gleiche zu tun: Per Internetvideo hat der erste syrische Spitzenpolitiker dem Assad-Regime entsagt. Vize-Ölminister Hussameddin schließt sich der Revolution an und rechnet nun mit der Rache der Regierung.

AFP/YouTube

Damaskus - Er sitzt im dunklen Anzug vor der Kamera und verkündet mit ruhiger Stimme seine Entscheidung, die nicht nur in Damaskus für Aufsehen sorgen dürfte. Erstmals seit Beginn der Revolte vor einem Jahr ist ein ranghohes Mitglied der syrischen Regierung zu den Aufständischen übergelaufen. Vize-Ölminister Abdo Hussameddin kündigte seinen Rücktritt in der Nacht zu Donnerstag an und empfahl anderen Politikern, ebenfalls "das sinkende Schiff" zu verlassen.

"Ich, der Ingenieur Abdo Hussameddin, stellvertretender Ölminister, kündige hiermit meine Abkehr vom Regime und meinen Rücktritt an", sagte Hussameddin in dem auf YouTube veröffentlichten Video. Er schließe sich nun der Revolution des Volkes an, "das die Ungerechtigkeit und die brutale Kampagne des Regimes zurückweist". Das Volk fordere lediglich "Freiheit und Würde".

Der Vizeminister sagte in dem Clip, er habe 33 Jahre lang für die syrische Regierung gearbeitet. Nun aber wolle er nicht im Dienst eines "kriminellen Regimes" enden. Er sei sich durchaus bewusst, dass seine Entscheidung Folgen haben werde. "Dieses Regime wird mein Haus niederbrennen, meine Familie verfolgen und Lügen verbreiten", sagte er. Trotzdem rate er all seinen Kollegen, seinem Beispiel zu folgen.

Schwere Vorwürfe gegen Russland

Ein Aktivist namens Rami, der das Video nach eigenen Angaben gedreht und ins Internet gestellt hat, sagte der Nachrichtenagentur AFP, die Opposition habe dabei geholfen, Hussameddins Übertritt zu organisieren. Wo dieser sich aufhielt und wo das Video aufgenommen wurde, wollte er aus Sicherheitsgründen nicht sagen. Auch die Echtheit des Clip ist noch nicht eindeutig belegt.

Hussameddin kritisierte in dem gut vierminütigen Stück zudem Russland und China scharf für ihr Veto gegen eine Verurteilung der Gewalt in Syrien durch den Uno-Sicherheitsrat. Diese Länder seien "keine Freunde des syrischen Volkes" sondern Verbündete der "Morde am syrischen Volk". Russland gilt als einer der wichtigsten Unterstützer Syriens und macht für die eskalierende Gewalt sowohl die Aufständischen als auch die Führung von Staatschef Baschar al-Assad verantwortlich.

Aus Moskau kamen in dem Dauerkonflikt am Mittwoch neue Anschuldigungen - dieses Mal gegen Libyen. Im Uno-Sicherheitsrat sagte Russlands Uno-Botschafter Witalij Tschurkin, ihm lägen Informationen über ein von den libyschen Behörden geduldetes Lager vor, in dem "syrische Aufständische" geschult würden. Dies sei "vollkommen inakzeptabel" und untergrabe die Stabilität in der Region. Tschurkin äußerte sich während eines Treffens, an dem auch der Chef der libyschen Übergangsregierung, Abd al-Rahim al-Kib, teilnahm. Dieser verweigerte eine Stellungnahme zu den Vorwürfen.

USA prüfen "zusätzliche Schritte" in Syrien

Unterdessen mehren sich die Anzeichen für eine westliche Intervention in der Krisenregion. US-Verteidigungsminister Leon Panetta kündigte an, die Aufständischen mit Kommunikationsmitteln versorgen zu wollen. Derzeit würden "mögliche zusätzliche Schritte" geprüft, wie dem syrischen Volk in Zusammenarbeit mit den internationalen Partnern geholfen werden könne, sagte er. Einseitigen Militäraktionen erteilte die US-Regierung aber bereits eine Absage. Der tunesische Präsident Moncef Marzouki erneuerte sein Angebot, Assad politisches Asyl zu gewähren.

Die Zahl der Toten während des seit einem Jahr anhaltenden Konflikts stieg nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten mittlerweile auf knapp 8500, die Uno geht von mehr als 7500 Getöteten aus. Am Mittwoch besuchte die Uno-Nothilfekoordinatorin Valerie Amos die drittgrößte Stadt Homs. Sie ist ihren Angaben zufolge "total zerstört" und nahezu menschenleer.

Außenminister beraten über Krisenregion

Die Lage in Syrien sowie der Friedensprozess im Nahen Osten werden auch im Mittelpunkt eines Ministertreffens im Weltsicherheitsrat am kommenden Montag stehen. Er habe die Außenminister der 15 Mitgliedstaaten sowie deren Amtskollegen aus Tunesien, Libyen und Ägypten zu den Gesprächen eingeladen, sagte der britische Außenminister William Hague, dessen Land in diesem Monat die Präsidentschaft im Uno-Sicherheitsrat innehat.

Mindestens acht Minister hätten die Einladung bereits angenommen, sagten Diplomaten am Mittwoch. Darunter sind der russische Außenminister Sergej Lawrow und US-Chefdiplomatin Hillary Clinton.

jok/AFP/Reuters/dpa/dapd



insgesamt 63 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Subco1979 08.03.2012
1.
Zitat von sysopREUTERSEr will "das sinkende Schiff" verlassen - und rät seinen Kollegen, das gleiche zu tun: Per Internet-Video hat der erste syrische Spitzenpolitiker dem Assad-Regime entsagt. Vize-Ölminister Hussameddin schließt sich der Revolution an und rechnet nun mit der Rache der Regierung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,820020,00.html
Hm... Vor ein paar Tagen hieß es, der Widerstand in Homs ist gebrochen, die Rebellion schon fast (blutig) niedergeschlagen. Gestern Abend kam der Artikel, Obama erwäge ein militärisches Eingreifen. Heute tritt der Vize-Öl-Minister zurück. Daher meine Frage: Wann kommt Israels Angriff auf den Iran? Müsste ja eigentlich vor der Wahl in den USA geschehen. Aber bis dahin ein neues Regime in Syrien installieren? Ist das nicht etwas arg knapp bemessen von der Zeit her? Zum Glück können wir von hier aus der zweiten Reihe zusehen, statt mittendrin dabei zu sein. Und wenn man sich mit den Indizien (mehr ist das alles eh nicht) geirrt hat, ist es dann auch egal.
turekat 08.03.2012
2. Verdient Respekt
Zitat von sysopREUTERSEr will "das sinkende Schiff" verlassen - und rät seinen Kollegen, das gleiche zu tun: Per Internet-Video hat der erste syrische Spitzenpolitiker dem Assad-Regime entsagt. Vize-Ölminister Hussameddin schließt sich der Revolution an und rechnet nun mit der Rache der Regierung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,820020,00.html
Der mutige Schritt des übergelaufenen Politikers verdient Respekt, auch vor dem Hintergrund, dass die Konsequenzen für seine Familie verheerend sein dürften. Mich würde interessieren, ob er selbst noch in Syrien ist oder sich ins Ausland absetzen konnte, denn wenn ihn Assad's Schergen in die Hand bekommen, dann wird es um ihn geschehen sein. Erst vor einigen Tagen wurde berichtet, dass zig Deserteure der syrischen Arme hingerichtet wurden. Dem Beispiel des Politikers werden hoffentlich noch viele folgen und vielleicht ist ja auch bald ein General dabei, der den Despoten Assad entmachtet und dem sinnlosen Blutvergießen ein Ende bereitet. Eine Schlüsselrolle bei der Destabilisierung des Assad-Regimes spielt sicherlich Russland, das nach wie vor seine schützende Hand über Assad hält. Eigentlich unbegreiflich.
platow 08.03.2012
3. Echte Reue
Zitat von sysopREUTERSEr will "das sinkende Schiff" verlassen - und rät seinen Kollegen, das gleiche zu tun: Per Internet-Video hat der erste syrische Spitzenpolitiker dem Assad-Regime entsagt. Vize-Ölminister Hussameddin schließt sich der Revolution an und rechnet nun mit der Rache der Regierung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,820020,00.html
Das ist echte Reue. Nach 33 Jahren hat er nun Konsequenzen gezogen. Solche schmalspur Verantwortlichkeit finden wir doch bei allen Politikern in allen Ländern. Was bekommt er jetzt dafür? Den Friedensnobelpreis?
mehrlicht 08.03.2012
4. Wie gehabt: Geheimdienste kaufen wieder gezielt Überläufer
Alles wie gehabt: Mit Geld und Versprechungen für Posten im zukünftigen Gottestaat werden Überläufer gekauft . Die Medienpropagandaabteilungen speziell von CNN, Skynews, Al Jazeera, BBC senden jeden Tag von Rebellen zusammen gedoktorte Propagandavideos. Danny, die die Stimme von Homs , wurde mittlereweile entlarvt, weil Videos der Rebellen in die Hände der syrischen Regierung gerieten. Syria Danny Caught Staging CNN War Propaganda Stunt | (http://counterpsyops.com/2012/03/06/syria-danny-caught-staging-cnn-war-propaganda-stunt/) Die Befürchtungen, dass die Medien direkt mit den Geheimdiensten zusammenarbeiten bestätigen sich immer mehr. Es wurde ja schon vor währebd des Kosovo Krieges darüber spekuliert dass der CIA eine Psyops Abteilung im Hauptquartier von CNN installiert hat.
markus_wienken 08.03.2012
5. .
Zitat von turekatDer mutige Schritt des übergelaufenen Politikers verdient Respekt, auch vor dem Hintergrund, dass die Konsequenzen für seine Familie verheerend sein dürften. Mich würde interessieren, ob er selbst noch in Syrien ist oder sich ins Ausland absetzen konnte, denn wenn ihn Assad's Schergen in die Hand bekommen, dann wird es um ihn geschehen sein. Erst vor einigen Tagen wurde berichtet, dass zig Deserteure der syrischen Arme hingerichtet wurden. Dem Beispiel des Politikers werden hoffentlich noch viele folgen und vielleicht ist ja auch bald ein General dabei, der den Despoten Assad entmachtet und dem sinnlosen Blutvergießen ein Ende bereitet. Eine Schlüsselrolle bei der Destabilisierung des Assad-Regimes spielt sicherlich Russland, das nach wie vor seine schützende Hand über Assad hält. Eigentlich unbegreiflich.
Wieso unbegreiflich? Rußland wahrt nur seiner eigenen Interessen (so wie wir das auch tun).
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.