Joe Bidens Duell-Auftritt Obamas bester Mann

US-Vizepräsident Biden wird gerne als Witzfigur verspottet, sogar von Parteifreunden. Doch beim TV-Duell mit Republikaner Paul Ryan zeigte er Obama und Co. den Kampfgeist, auf den es ankommt.

REUTERS

Ein Kommentar von , Washington


Gäbe es Joseph Robinette Biden Jr. nicht, wir Journalisten müssten ihn erfinden. Sie sind einfach zu schön, die verbalen Entgleisungen eines US-Vizepräsidenten, der einst über seinen gegenwärtigen Boss Barack Obama sagte, dieser sei endlich mal ein "sauberer und sprachgewandter Schwarzer". Der afro-amerikanischen Wählern zurief, Republikaner wollten sie "wieder in Ketten packen." Erst vor kurzem gab er zum Besten, Amerikas Mittelklasse sei in den vergangenen vier Jahren - Obamas Amtszeit - "beerdigt" worden.

So wenig vertrauten Obamas eigene Berater ihrem Vize, dass Biden seit Monaten kein großes Interview mehr geben durfte - während Republikaner scherzten, man wünsche sich mehr Auftritte von Biden, dieser sei schließlich der beste Wahlkampfhelfer für Mitt Romney und Paul Ryan.

Doch nach dem TV-Duell der Vizepräsidentschaftskandidaten in Kentucky kann nur ein Mann richtig lachen: Joseph Robinette Biden Jr.

Beinahe im Alleingang hat er den Wahlkampf von Präsident Obama wiederbelebt, der nach dessen verheerendem Debattenauftritt in Denver auf der Intensivstation zu landen drohte. Sicher, Biden wirkte stellenweise so aggressiv und überdreht, dass seinem auffälligen Lachen während der Debatte prompt eine eigene Twitter-Seite gewidmet wurde, mit bereits knapp 8000 Anhängern. Das Urteil in sozialen Netzwerken war eindeutig: Biden hatte wohl ein paar Red Bull zuviel getrunken.

Doch sein wichtigstes Ziel hat der aufgedrehte Vize locker erreicht: Er zeigte, dass er seinen Job unbedingt behalten möchte, was sein Vorgesetzter Obama seltsamerweise vergaß.

"Terroristen bis in die Hölle jagen"

Gleich in der ersten Antwort - es ging um den heiklen und tragischen Tod des US-Botschafters in Libyen, dem die Obama-Regierung möglicherweise nicht so viel Schutz zukommen ließ wie notwendig - ließ der Vizepräsident keinen Zweifel, dass er entschlossen argumentieren wird. Man werde Terroristen, die hinter solchen Anschlägen steckten, "bis zum Eingang der Hölle jagen", rief Biden.

Direkt danach maßregelte er Ryan für dessen kreative Argumentation zu Irans Atomprogramm: "Fakten sind wichtig".

Vor allem aber zeigte Biden keine Hemmungen, an Mitt Romneys heimlich gefilmte Bemerkungen über "47 Prozent der Amerikaner" zu erinnern, die angebeblich keine eigene Initiative für ihr Leben übernähmen und allein auf Staatshilfe vertrauten.

"Es handelt sich dabei um Leute wie meinen Mutter und Vater, Leute aus meiner Nachbarschaft. Hart arbeitende Menschen", entrüstete er sich. Außerdem zahlten diese Menschen, ganz nebenbei bemerkt, mehr Steuern als der Multimillionär und Sparkünstler Romney.

Kurzum: Biden war das genaue Gegenteil des "Präsident Lustlos", als der sich Barack Obama vorige Woche präsentiert hatte. "In einer Antwort hat er mehr effektive Angriffe untergebracht als Obama in 90 Minuten", urteilte Larry Sabato, Wahlkampfexperte von der University of Virginia.

Ist das wichtig? Sollte es nicht eher um Substanz gehen als um Schlagworte? Das einzufordern ist so glaubwürdig, wie anzunehmen, deutsche Bundestagswahlen würden durch Parteiprogramme entschieden. TV-Debatten sind das "Wetten, dass..?" der US-Präsidentschaftswahlen, mehr als 50 Millionen Zuschauer schalteten diesmal ein. Sie sind das große Fernseh-Lagerfeuer, das auch all jene Amerikaner anlockt, die letztlich diese Wahlen entscheiden.

Jetzt muss Obama nachlegen

Bei ihnen handelt es sich nicht um Polit-Junkies, die seit 18 Monaten jedem Twitter-Feed folgen. Viele US-Wähler haben gerade erst eingeschaltet. Sie sind nicht ungebildet, aber oft sind sie uninformiert - und entscheiden nach Bauchgefühl, nicht nach Politikvorschlägen. Sie wollen vor allem Entschlossenheit sehen. Sie möchten erleben, dass ein Kandidat es kaum abwarten kann, im Oval Office zu wirken.

Beim ersten TV-Duell der Präsidentschaftskandidaten hat Romney diesen Willen gezeigt. Amtsinhaber Obama hingegen wirkte, als fühle er sich nicht allein auf der Debattenbühne unwohl, sondern ihm grause regelrecht vor vier weiteren Jahren im Weißen Haus.

Sein seltsamer Auftritt verschreckte die demokratische Basis vielleicht noch mehr als die unentschlossenen Wähler der Mitte. Die Basis muss Obama aber dringend an die Urne locken, um Romney zu besiegen.

Biden hat mit seinem Auftritt diese Demokraten begeistert, aller Überdrehung zum Trotz (oder gerade deswegen). So hat er seinem Präsidenten den Rücken gestärkt. Nun kann Obama im nächsten TV-Duell mit Mitt Romney am Dienstag nachlegen (Mittwoch früh deutscher Zeit).

Wenn Amerika bis dahin über Bidens Lachen diskutiert, gerät wenigstens Obamas eigenes Debatten-Desaster in Vergessenheit. Also war Biden Obamas bester Mann. Und das ist kein Witz.



insgesamt 2 Beiträge
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old-chatterhand 12.10.2012
1.
Nach Obamas uninspirierendem Auftritt letzte Woche war Bidens Performance kämpferisch und motivierend. Ryan hatte keine Antwort auf die Finanzierung von Romneys Programms. Das ist schlicht unseriös. Biden hat dies herausgearbeitet. Das war gut.
spon-facebook-10000069475 12.10.2012
2. Der Biden Twitter Account
im Artikel ist falsch. Der (wahrscheinlich auch gemeinte) ungemein populärere ist der hier: @laughinjoebiden http://twitter.com/laughinjoebiden/
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