Völkermord im Kongo Die Killer aus der Okapi-Bar

Mit der Operation „Artemis“ sollen EU-Soldaten den Völkermord im Kongo stoppen. Doch noch müssen Flüchtlingshelfer dem Grauen in der Stadt Bunia tatenlos zusehen. 200 Kilometer südlich bahnt sich indes schon das nächste Drama an.

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Berüchtigter Milizenchef: Lubanga
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Berüchtigter Milizenchef: Lubanga

Bunia - Bier und Beef werden in der Okapi-Bar überwiegend nur noch für die neue Kundschaft serviert. Denn die Milizen der UPC (Union kongolesischer Patrioten) haben sich auch des einzigen Restaurants bemächtigt, das es in Bunia noch gibt. "Sie trinken sich dort stark und schwingen große Reden", berichtet Rüdiger Sterz, der seit einem Jahr als Projektleiter für die Deutsche Welthungerhilfe (DWHH) in der umkämpften Stadt im Nordosten des Kongo arbeitet.

Die UPC-Milizen haben die Macht in Bunia übernommen. Von den einst 130.000 Einwohnern sind viele in Flüchtlingscamps in den Bergen der Provinz Ituri geflüchtet - aus Angst vor den grauenvollen Kämpfen zwischen den verfeindeten Stämmen der Hema, die von den Killern der UPC unterstützt werden, und der Lendu. Vielleicht kommen die Einwohner von Bunia zurück, wenn jetzt europäische Soldaten in der Stadt präsent sind. Aber Sterz mag noch nicht daran glauben: "Viele bleiben noch in den Camps, weil die Männer Angst um ihre Familie haben. Sie haben Angst davor, dass ihre Töchter vergewaltigt werden."

Grauenhaftes hat Sterz erlebt. "Man sieht viel Elend in den Krankenhäusern", berichtet er gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Männer, denen mit der Machete das Gesicht zerfetzt wurde, Kinder mit abgehackten Armen." Die Brutalität der verfeindeten Stämme sei unvorstellbar: "Der eine will dem anderen nicht mehr vergeben. Als einzige Lösung bleibt in ihren Augen nur das Ausradieren des Gegners."

Mindestens 50.000 Tote hat der Konflikt zwischen Hema und Lendu in der jüngeren Vergangenheit gefordert, ohne dass die überforderten Blauhelm-Soldaten aus Uruguay und Uno-Mitarbeiter eingreifen konnten. Im Gegenteil: Sie waren selbst Opfer von Übergriffen. Beobachter der Vereinten Nationen gerieten kürzlich in die Hände von Milizen, die sie folterten, kastrierten und schließlich zerstückelten. Eine Uno-Mitarbeiterin bezeichnete die verfeindeten Stämme als "außer Kontrolle geratene Irre".

Franzosen sind erst in 50 Tagen einsatzfähig

130.000 Menschen sind in der Region auf der Flucht. Eskaliert war die Situation Anfang Mai, nachdem Uganda seine 6000 Soldaten aus der Ituri-Provinz abgezogen hatte. In Bunia waren bislang 625 Uno-Soldaten stationiert, ihnen stehen schätzungsweise 25.000 bis 28.000 Kämpfer der Lendu und der Hema gegenüber.

Alle Hoffnung der internationalen Helfer in Bunia ruht nun auf die Operation "Artemis" der EU, auf 1400 überwiegend französischen Soldaten, die nach und nach in dem Krisengebiet eintreffen. Der Auftakt verlief jedoch alles andere als viel versprechend für Sterz und seine Kollegen. "Der französische General hat uns berichtet, dass seine Soldaten erst in 50 Tagen voll einsatzfähig sein werden. Das hat uns ziemlich schockiert." Denn erst wenn die EU-Soldaten die Kontrolle in der Stadt übernehmen, könnten die Helfer in Viertel gelangen, zu denen sie jetzt noch keinen Zutritt haben.

Bunia: UPC-Milizen stehen den ersten französischen Soldaten misstrauisch gegenüber
DPA

Bunia: UPC-Milizen stehen den ersten französischen Soldaten misstrauisch gegenüber

Die EU-Eingreiftruppe wird es mit Thomas Lubanga zu tun bekommen, dem selbst ernannten Chef der UPC-Milizen in Bunia. "Er möchte die Stadt zusammen mit den Franzosen kontrollieren, aber das ist ja wohl indiskutabel", meint Sterz. "Eine Entwaffnung dürfte wohl schwierig werden", glaubt er. Denn Lubanga hat schon klargestellt, dass seine Soldaten auf keinen Fall ihre Kalaschnikows abgeben werden. Sonst gebe es Ärger.

"Wir sind nicht das Afrikakorps"

Seinen in den letzten Wochen rücksichtslos mordenden Kindersoldaten hat Lubanga inzwischen offenbar etwas Zurückhaltung befohlen. "Sie fahren zwar nicht mehr in den Pick-ups durch die Stadt, sind aber immer noch präsent", berichtet Sterz. Eine Kontaktaufnahme mit den oft mit Drogen voll gepumpten Acht- oder Neunjährigen zwar möglich, aber nur sehr vorsichtig anzugehen: "Sie kommen sich natürlich sehr stark vor mit ihren Waffen. Es sind halt Kinder."

Gefährlicher Knirps: Ein Kindersoldat zeigt seine Waffe
DPA

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Doch während in Bunia durch die Ankunft der europäischen Eingreiftruppe Hoffnung aufkommt, wird 200 Kilometer südlich schon das nächste Kapitel des blutigen Stammeskonflikts eröffnet: In Butembo mit seinen 500.000 Einwohnern kommt es bereits zu schweren Kämpfen zwischen Truppen, die von der Zentralregierung in Kinshasa unterstützt werden, und Einheiten der mit der UPC verbündeten RCD, die von Ruanda unterstützt wird und den ganzen Osten vom Rest der Republik abspalten will. Rund 150.000 Flüchtlinge sind dort zwischen den Fronten eingekesselt. "Uns fehlen die Nahrungsmittel, um diesen Menschen zu helfen", berichtet Kai Grulich, der dortige Projektleiter der Deutschen Welthungerhilfe. "Die Lage ist ziemlich prekär." Der politische Druck auf die in den Konflikt verwickelten Länder wie Uganda und Ruanda müsse verstärkt werden.

Denn Hema und Lendu führen auch einen Stellvertreter-Krieg in Ituri. Es geht Uganda und Ruanda um die Bodenschätze, um Gold, Diamanten - und um Coltan, ein seltenes Mineral, das von Handy-Herstellern aus Europa, Asien und den USA benötigt wird.

Alle Helfer sind sich deshalb einig, dass 1400 EU-Soldaten nicht ausreichen, um für Frieden in der Krisenregion zu sorgen. Mindestens 2000 bis 3000 Mann seien notwendig, um die Milizen zu entwaffnen, sagt Marcus Sack, ebenfalls DWHH-Projektleiter im Kongo. Doch davon will EU-Chefdiplomat Javier Solana nichts wissen. Der Einsatz bleibe streng auf Bunia begrenzt: "Wir sind nicht das Afrikakorps."



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