Völkermordprozess Karadzic will Pflichtverteidiger boykottieren

Das Uno-Kriegsverbrechertribunal hat einen Pflichtverteidiger für Radovan Karadzic ausgesucht: Ein Londoner Anwalt soll den früheren bosnischen Serbenführer vertreten, wenn dieser sich weiter weigert, vor Gericht zu erscheinen. Karadzic kündigte Widerstand an.

REUTERS

Den Haag - Im Völkermord-Prozess gegen Radovan Karadzic hat das Uno-Tribunal für Ex-Jugoslawien einen Pflichtverteidiger bestellt. Das Gericht reagierte damit auf Karadzics Ankündigung, an seinem Boykott des Verfahrens festzuhalten. Nach der Entscheidung für den Londoner Anwalt Richard Harvey bekräftigte Karadzic seine Ablehnung eines Pflichtanwalts. Er sei nicht bereit, mit Harvey zu kooperieren, ließ der Angeklagte über einen Sprecher mitteilen.

Zur Ernennung eines Pflichtverteidigers entschloss sich das Uno-Tribunal nachdem Karadzic im Oktober bereits die Eröffnung seines Prozesses boykottierte. Das Verfahren war daraufhin unterbrochen worden. Da Karadzic erlaubt worden war, als sein eigener Anwalt aufzutreten, konnte das Verfahren nach der Verlesung der Anklage nicht ohne ihn fortgesetzt werden. Der nun benannte Verteidiger soll Karadzic zumindest immer dann vor Gericht vertreten, wenn dieser sich wieder weigert zu erscheinen.

Der Prozess kann frühestens am 1. März fortgesetzt werden. Bis dahin hat Harvey Zeit, sich in die Anklage einzuarbeiten, die einschließlich der Beweisdokumente mehr als eine Million Seiten umfasst. Der Anwalt, dessen berufliche Laufbahn 1971 begann, war bereits früher an Prozessen vor dem Jugoslawien-Tribunal beteiligt, darunter gegen zwei Kosovo-Albaner, denen Kriegsverbrechen zur Last gelegt wurden. Er vertrat unter anderem die Familie eines in Nordirland von der britischen Armee getöteten katholischen Aktivisten und war als Rechtsberater für die Organisationen Greenpeace und Amnesty International tätig.

Karadzic, ehemaliger Führer der bosnischen Serben, ist in elf Punkten wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen angeklagt. Er soll persönlich für die Vertreibung und Ermordung Zehntausender Muslime und Kroaten während des Bosnienkrieges von 1992 bis 1995 verantwortlich sein. Insgesamt fielen dem Krieg etwa 100.000 Menschen zum Opfer.

amz/AFP/dpa



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Seite 1
semir, 26.10.2009
1.
Zitat von sysopEiner der größten Völkermord-Prozesse am Uno-Balkantribunal beginnt - doch der Angeklagte kam nicht ins Gericht. Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic beklagte sich, er habe zu wenig Zeit gehabt, seine Verteidigung vorzubereiten. Droht ein endloses Ringen um Gerechtigkeit?
Er weiß das er schuldig ist und verurteilt wird.Deswegen baut er schon jetzt an einem neuen serbischen Opfermythos um eine Auseinandersetzung mit dem serbischen Nationalismus während des Krieges und der Gegenwart unter der serbischen Bevölkerung zu verhindern. Es gibt keine Gerechtigkeit, denn seine Eroberungen wurden - zumindest bis jetzt - legitimiert.
SaT 26.10.2009
2.
Zitat von sysopEiner der größten Völkermord-Prozesse am Uno-Balkantribunal beginnt - doch der Angeklagte kam nicht ins Gericht. Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic beklagte sich, er habe zu wenig Zeit gehabt, seine Verteidigung vorzubereiten. Droht ein endloses Ringen um Gerechtigkeit?
Die Kroaten und Bosniaken hatten in den 90'er auch wenig Zeit ihre Verteidigung vorzubereiten.
spontanous 26.10.2009
3.
Zitat von sysopEiner der größten Völkermord-Prozesse am Uno-Balkantribunal beginnt - doch der Angeklagte kam nicht ins Gericht. Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic beklagte sich, er habe zu wenig Zeit gehabt, seine Verteidigung vorzubereiten. Droht ein endloses Ringen um Gerechtigkeit?
Man möge ihn verurteilen. Aber wirkliche Gerechtigkeit wird es erst geben, wenn auch die albanischen, kroatischen und bosnisch-muslimischen Verbrechen an serbischen Zivilisten aufgeklärt werden. Solange ein Verbrecher wie z.B. Thaci unter NATO-Schuld Staatsmann spielen darf, wird es nie Gerechtigkeit geben. Gerechtigkeit ist eine Einbahnstrasse!
Daniel Freuers, 26.10.2009
4. Karadzic boykottiert seinen Kriegsverbrecherprozess
"Er blieb in seiner Zelle. " Unglaublich was heute alle so geht...
spontanous 26.10.2009
5.
Zitat von semirEr weiß das er schuldig ist und verurteilt wird.Deswegen baut er schon jetzt an einem neuen serbischen Opfermythos um eine Auseinandersetzung mit dem serbischen Nationalismus während des Krieges und der Gegenwart unter der serbischen Bevölkerung zu verhindern. Es gibt keine Gerechtigkeit, denn seine Eroberungen wurden - zumindest bis jetzt - legitimiert.
[QUOTE=semir;4478944]Deswegen baut er schon jetzt an einem neuen serbischen Opfermythos um eine Auseinandersetzung mit dem serbischen Nationalismus während des Krieges und der Gegenwart unter der serbischen Bevölkerung zu verhindern. QUOTE] Wie wäre es, wenn Sie diese Auseinandersetzung auch mal bei den Albanern (UCK-Banditen, Grossalbanien) oder Kroaten (Ustascha, Operation Oluja) einfordern würden.
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