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29. September 2005, 23:33 Uhr

Volksabstimmung

Algerier entscheiden über Versöhnung

Nach jahrelangem Bürgerkrieg haben die Algerier über eine Friedenscharta in ihrem Land abgestimmt. Dabei geht es um eine nationale Aussöhnung mit islamischen Fundamentalisten und eine Amnestie. Ersten Schätzungen zufolge gab es eine hohe Wahlbeteiligung.

Algier - Zwei Stunden vor Schließung der Wahllokale hatten 65,15 Prozent der Wahlberechtigten abgestimmt, teilte das Innenministerium mit. Eine besonders starke Beteiligung zeichnete sich in Bezirken ab, die besonders unter dem Terrorismus gelitten hatten. In dem "schwarzen Jahrzehnt" seit der Annullierung der Parlamentswahl 1992 wurden nach Schätzungen in Algerien etwa 150.000 Menschen getötet.

Mehr als 18 Millionen Wahlberechtigte des nordafrikanischen Ölstaates waren aufgerufen, sich zu einer Charta für Frieden und nationale Versöhnung zu äußern. Präsident Abdelaziz Bouteflika will mit der Charta einen Schlussstrich unter die "blutigen Jahre" ziehen und die noch 800 bis 1000 Untergrundkämpfer zur Aufgabe bewegen. Die Charta ebnet den Weg zu einer Amnestie. Militante Islamisten sollen straffrei bleiben, wenn sie ihre Waffen niederlegen und nicht an Massakern, Bombenanschlägen oder Vergewaltigungen beteiligt waren. Angehörige der mehr als 6000 von Polizei und Militär verschleppten Algerier sollen bis zu 50 000 Euro bekommen, aber auf gerichtliche Aufklärung der Fälle verzichten.

Beobachter rechneten mit einer breiten Zustimmung zu dem Referendum. Dies würde die Position des 2004 wiedergewählten Staatschefs stärken, der sich nach Einschätzung der Opposition damit den Weg zu einem dritten Mandat freimachen will. In Frankreich, wo 40 000 Algerier bereits an den Vortagen ihre Stimme abgeben konnten, zeichnete sich nach Presseberichten eine große Mehrheit für die Amnestie ab.

Algerische Oppositionsparteien kritisierten dagegen einen Versuch, auf diese Weise die Streitkräfte von Kriegsverbrechen rein zu waschen. Menschenrechtsorganisationen nennen die Amnestie eine "Straffreiheit für Bürgerkriegsverbrecher". In den Berbergebieten war am Referendumstag zum Streik aufgerufen worden. Das Endergebnis soll am Freitag bekannt gegeben werden.

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