Volksaufstand in der Ukraine Opposition bejubelt die Überläufer

Der zivile Ungehorsam in der Ukraine nimmt weiter zu: Der Amtssitz des Präsidenten Kutschma und das Regierungsgebäude von Premier Janukowitsch werden von Demonstranten blockiert. Führende Generäle des Geheimdiensts liefen unter dem Jubel der Menge zum Juschtschenko-Lager über - die Staatsmacht bröckelt.

Aus Kiew berichtet Alexander Schwabe


Übergelaufene Polizisten in Kiew: "Hier sind wir, das Volk"
REUTERS

Übergelaufene Polizisten in Kiew: "Hier sind wir, das Volk"

Gestern Abend gegen 20 Uhr sah es für einen Moment so aus, als ob der falsche Film im Freilichtkino Kiew läuft. Mehr als 200.000 Menschen hatten sich auf dem Platz der Unabhängigkeit und den angrenzenden Hängen, die den Ort zur Arena machen, versammelt. Lauthals skandierten sie: "SBU, SBU!". Die "Shzlusba Bespeki Ukrainj" (Dienst für die Sicherheit der Ukraine) ist der ukrainische Geheimdienst, die Nachfolgeorganisation des KGB. Der Sprechgesang der friedlichen Revolutionäre klang wie aus Überschwang herausgeschrien, wie aus einem Gefühl der Überlegenheit vor sich hingestellt: "Schaut her, ihr Spitzel und Schergen, hier sind wir, das Volk, und wir haben keine Angst vor euch."

Doch so war es nicht. Die rhythmischen SBU-Rufe waren Ausdruck einer neuen überraschenden Begeisterung für den Sicherheitsapparat und einer tiefen Erleichterung darüber, dass das Unerwartete geschehen war: Der Geheimdienst lief - zumindest in Teilen - zum Volk über. Sechs hochrangige Generäle erklärten ihre Solidarität mit den Demonstranten. Und auch der frühere Verteidigungsminister Jewgenij Martschuk wurde fahnenflüchtig. Die Hoffnungen, dass Ukrainer nicht auf Ukrainer schießen werden, erfüllen sich damit Schritt für Schritt.

Jetzt, so ist man überzeugt, könnten nur noch die Einheiten des russischen Präsidenten Wladimir Putin gefährlich werden, die informierten Kreisen zufolge ins Land gebracht wurden und sich in Kasernen bereit halten. Niemand weiß genau, wie stark die russischen Truppen sind. Schätzungen schwanken zwischen 800 und 4000.

Immer mehr Überläufer

Frierende Polizisten in Kiew: Opposition blockierte das Regierungsviertel
AP

Frierende Polizisten in Kiew: Opposition blockierte das Regierungsviertel

Die Staatsmacht unter Präsident Leonid Kutschma, den viele nur noch "Verbrecher" nennen, hat angesichts der jüngsten Erosion erneut einen schweren Rückschlag erlitten. Zuvor hatten sich bereits andere wichtige Repräsentanten und Institutionen von der Staatsführung losgesagt: der Kiewer Bürgermeister Oleksandr Omeltschenko, die Kiewer Stadtpolizei, der Kiewer oberste Staatsanwalt. Dazu kamen gestern führende Mitglieder der Nationalbank und die mächtige Gewerkschaft.

Die Kraft der Straße nimmt weiter zu. Der Protest nimmt nationale Dimensionen an: In Kiew waren es nach Angaben aus dem Büro von Oppositionsführer Wiktor Juschtschenko 250.000 Menschen, in Lviv (Lemberg) 100.000, im unterinformierten Osten der Ukraine 50.000 und in diversen Städten des Südens 10.000 Menschen. In Kiew sind die Proteste so stark, dass Aktionen zivilen Ungehorsams erfolgreich sind. Gestern Abend riegelten Demonstranten das Hauptregierungsgebäude ab.

Heute Morgen gingen die Blockadeaktionen weiter: Demonstranten versperren nun auch den Zugang zur Nationalbank und zum Amtssitz des Präsidenten. Wie eine Kriegserklärung nahm das Juschtschenko-Lager heute Morgen einen Beitrag im "Urjdowyj Kurier" auf. Das Regierungsblatt veröffentlichte die Wahlergebnisse vom vergangenen Sonntag, obwohl das Oberste Gericht gestern einem Antrag von Juschtschenko stattgab und entschied, die Wahlergebnisse dürften noch nicht öffentlich verkündet werden.

Am Montag werden die Richter den Einspruch Juschtschenkos gegen das Wahlergebnis hören. Eine Entscheidung darüber, ob die Abstimmung in den 225 Distrikten annulliert wird oder ob es zu einem erneuten Urnengang kommen wird, kann sich Wochen hinziehen.

Polizeikadetten im Einsatz: Respekt vor der Kraft der Straße
AP

Polizeikadetten im Einsatz: Respekt vor der Kraft der Straße

Die Veröffentlichung der Ergebnisse vor dem endgültigen Gerichtsentscheid hat die Gemüter erhitzt. "Dies zeigt uns klar, dass die Regierung kein Interesse an einem normalen Dialog hat", heißt es bei den Organisatoren des Widerstands. Die Reaktion folgte auf dem Fuß: Präsident Kutschma wurde in der Früh daran gehindert, zu seiner Arbeitsstelle zu kommen. Zehn Busse voller Milizionäre begleiteten seinen Konvoi ins Stadtzentrum, kamen jedoch nicht durch. Die Milizionäre versuchten, ihm den Weg zu bahnen, scheiterten jedoch. Als sie sahen, dass sich die Demonstranten nicht einschüchtern ließen, machten sie kehrt.

Es wird immer deutlicher, dass nicht nur Kutschma und seine Marionette Wiktor Janukowitsch, sondern auch Wladimir Putin im fernen Moskau auf verlorenem Posten stehen. Erst gestern machte sich Putin in Den Haag beim EU-Russland-Gipfel für Janukowitsch stark. Wie bereits Kutschma sprach auch er davon, die Probleme ließen sich nicht auf der Straße lösen. Er plädierte für eine gerichtliche Lösung. Die ist immerhin angeschoben.

Die Demonstranten beeindruckt das nicht. Sie sehen sich so sehr im Aufwind, dass sie überzeugt sind: Ihr Elan wird früher oder später auch in die Nachbarstaaten Weißrussland und Russland übergreifen. Sie hoffen: Was vor einem Jahr in Georgien möglich war - der Sturz der Regierung - ist jetzt in der Ukraine möglich - und später könnte es einmal Lukaschenko oder Putin treffen.



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