Volksfeststimmung Massendemo gegen Österreichs Regierung

Rund 250.000 Menschen protestierten am Samstag abend gegen die neue österreichische Regierung. Dabei herrschte regelrechte Volksfeststimmung. Ganze Familien waren ebenso erschienen, wie Hippies, Punks, Pelz tragende Damen, Rentner und Schüler. Ein Querschnitt der Bevölkerung wollte beweisen, dass "Österreich kein Naziland" ist.


Massenprotest gegen die neue Mitte-Rechts-Regierung
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Massenprotest gegen die neue Mitte-Rechts-Regierung

Wien - In Anspielung auf die Fliege (Mascherl) des neuen österreichischen Bundeskanzlers Wolfgang Schüssel sprachen Demonstranten vom "Mascherldrahtzaun", der Österreich jetzt vom übrigen Europa abgrenze. "Vom Herzen in den Arsch Europas", stand auf einem Plakat. "Mit 27 Prozent ins Neandertal", lautete ein Slogan unter Anspielung auf den Stimmenanteil von Jörg Haiders FPÖ bei der letzten Wahl. Andere Spruchbänder waren noch direkter: "Mehr Sex - weniger FPÖ" oder "Österreich, du schönes Land in schwarz-blauer Zerstörerhand", war dort zu lesen.

Schüssel zeigte sich angesichts des Massenprotestes betont gelassen. Nachdem wochenlang öffentlich über das Ende seiner Ehe wegen politischer Meinungsverschiedenheiten spekuliert worden war, machte der Kanzler im Freizeitlook einen Spaziergang mit seiner Frau Krista (Gigi) im Lainzer Tiergarten - und ließ sich bereitwillig fotografieren. Für die Medienfotografen eine kleine Sensation, weil die letzten Fotos des Paars in der Öffentlichkeit bereits Jahre alt sind.

Am Ende des Massenaufmarsches musste selbst Innenminister Ernst Strasser seinen politischen Gegnern zugestehen, sie hätten sich vorbildhaft und gewaltfrei verhalten. Auf der anderen Seite waren die Demonstranten überrascht, dass während ihrer Proteste so wenig Polizisten zu sehen waren. Die rund 1000 Ordnungshüter hätten sich auffällig bemüht, im Hintergrund zu bleiben. Zu Rangeleien kam es nur mit einigen österreichischen und deutschen "Autonomen", die jedoch offenbar andere Ziele verfolgten als die Demonstranten. Die witzelten über das neue Regierungsprogramm "Budgetsanierung superflott - mit Stornos und EU-Boykott".

Thomas Brey



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