"Voluntourismus" in armen Ländern "Kommt nicht für Instagram-Bilder hierher"

Weltweit steigt die Zahl der Touristen, die in angeblichen Waisenhäusern helfen wollen. Das kann dazu führen, dass Familien getrennt und Kinder ausgebeutet werden. Woran Sie gute Programme erkennen.
Aus Kambodscha berichten Vanessa Steinmetz und Maria Feck (Fotos)
Kinder in einem Waisenhaus in Kambodscha

Kinder in einem Waisenhaus in Kambodscha

Foto: Maria Feck

Mit dem Rucksack durch Südostasien - die Australierin Tara Winkler erfüllte sich diesen Reisetraum, als sie 19 Jahre alt war. In Kambodscha allerdings fühlte sie sich bald unwohl dabei, Urlaub zu machen, während um sie herum so viel Armut herrschte. Sie wollte etwas zurückgeben, spendete Essen, Kleidung und Geld an Waisenhäuser.

Ein Jahr später kam sie zurück nach Kambodscha, um für einige Monate als Freiwillige in einem der Heime zu helfen, so erzählt sie es in ihrem Ted-Talk . Sie gab Englischunterricht, kaufte Essen und Medizin und brachte die Kinder zum ersten Mal in ihrem Leben zum Zahnarzt.

Doch bald fand sie heraus, so erzählt sie, dass der Betreiber des Heimes korrupt war, sich das Geld selbst einsteckte und die Kinder manchmal so hungrig waren, dass sie sich Mäuse fingen, um sie zu essen. Noch dazu soll sich der Betreiber an den Kindern vergangen haben, behauptet Winkler. Ihre gut gemeinte Hilfe unterstützte ein System, das den Kindern mehr schadete als half.

Tara Winkler als Volontärin in Kambodscha

Tara Winkler als Volontärin in Kambodscha

Foto: Privat

Wie Winkler wollen immer noch viele Menschen im Urlaub vor Ort helfen, laut Unicef  steigt die Zahl der Menschen, die sich am sogenannten "Voluntourismus" beteiligen. Es gibt unzählige Programme dafür, nicht nur in Kambodscha, auch in Nepal, Bangladesch, Uganda, Simbabwe und Ghana. Agenturen vermitteln die Freiwilligen an Organisationen vor Ort, oder die Interessenten setzen sich direkt mit ihnen in Verbindung.

Für ihren Einsatz bezahlen die Ausländer in der Regel Geld, direkt oder indirekt, etwa durch Sachspenden, die sie dann vor Ort kaufen. Viele Pflegeheime und Schulen haben professionelle Internetauftritte und es gibt einige, die tatsächlich Gutes tun für die Kinder und Familien in den jeweiligen Ländern. Von außen betrachtet ist es aber schwierig, die seriösen von den unseriösen zu unterscheiden.

Was ist das Problem?

Wer sein Geld und seine Zeit investiert, um in einem angeblichen Waisenheim zu arbeiten, läuft Gefahr, damit ein System zu unterstützen, bei dem Kinder von ihren Familien getrennt und ausgebeutet werden. In Kambodscha sind nach offiziellen Schätzungen etwa 80 Prozent der Kinder in den Kinderheimen keine Waisen, in Nepal sollen es sogar 85 Prozent sein.

Die meisten Heime werden in Kambodscha nicht durch den Staat finanziell unterstützt, sie können sich also nur durch das Geld und Engagement der Touristen halten. Die Eltern, die ihre Kinder dorthin geben, erhoffen sich, dass die Kinder zur Schule geschickt und mit Essen und Medizin versorgt werden - was sich sehr arme Familien nicht leisten könnten. Selbst die öffentlichen Schulen kosten Geld.

Fotostrecke

Kambodschanisches Waisenheim: Schuften für die Touristen

Foto: Maria Feck

Die "Voluntourismus"-Programme haben noch weitere negative Effekte auf die Kinder. Sie können sich im Stich gelassen fühlen, wenn ein Ausländer nach Wochen oder Monaten der Fürsorge wieder abreist. Es gibt zudem Berichte über Heime in Kambodscha, in denen Besucher Kinder tagsüber zu Ausflügen mitnehmen können. Die Kinder sind damit dem Risiko ausgesetzt, Opfer von sexuellem Missbrauch zu werden.

Was sind Kriterien, an denen man seriöse Programme erkennt?

Michael Horton hat in Kambodscha die Organisation ConCERT für verantwortungsvollen Tourismus gegründet und setzt sich damit auseinander, welche Programme sinnvoll sind. Seine Frau leitet eine Schule für Kinder aus armen Familien in Siem Reap, das "Teak Community Centre", in dem sie nach dem regulären Unterricht noch Englisch lernen können. "Man kann schon an einem halben Tag helfen", sagt Horton. "Wir haben etwa eine tolle Bibliothek, aber niemanden, der sie mal richtig ordnet. Das könnte dann eine Aufgabe sein."

Dass die Freiwilligen Geld bezahlten, sei kein Anzeichen dafür, der Organisation nicht zu trauen. Aber: "Es sollte absolut klar sein, wofür das Geld bezahlt wird - Unterkunft, Transport, SIM-Karte - und nicht erst hinterher gefordert werden, etwa um den Kindern noch Schulmaterialien oder Lebensmittel zu kaufen."

Marilynn Geiger, 82 Jahre alt, Ehrenamtliche im "Teak Community Centre" in Siem Reap

Marilynn Geiger, 82 Jahre alt, Ehrenamtliche im "Teak Community Centre" in Siem Reap

Foto: Maria Feck

Es sollte zudem klar sein: Wofür sich die Organisation einsetzt - und dass das Programm auch sinnvolle Lösungsansätze dafür bietet.

  • Die Aufgaben der Freiwilligen: Sie dürfen nur in einer helfenden Rolle sein und die Mitarbeiter von vor Ort unterstützen.

  • Was den Kindern in den Schulen beigebracht werden soll: Dafür sollte es einen konkreten Lehrplan geben.

Horton rät jedem Interessenten für die Freiwilligenarbeit: "Lassen Sie sich mit jemandem in Verbindung setzen, der das Programm schon absolviert hat, das Sie interessiert. Gute Organisationen werden Ihnen gerne einen Kontakt vermitteln."

Welche Anforderungen gibt es für die Ehrenamtlichen?

Jede Organisation hat unterschiedliche Regeln, diese gelten aber fast immer:

  • Die Kinder sollten möglichst nicht angefasst werden, das schließt auch Umarmen und Kopftätscheln mit ein. Sie dürfen nicht einfach auf den Arm genommen und herumgetragen werden.

  • Fotos mit den Kindern sind nicht erlaubt. Am Ende eines Programms gibt es aber meist eine Ausnahme, da können die Freiwilligen dann ein Foto mit allen zusammen machen. In einigen Fällen dürfen diese aber nicht in den sozialen Netzwerken geteilt werden.

  • Die Helfer aus dem Ausland dürfen zu keinem Zeitpunkt mit den Kindern alleine sein.

"Jeder Helfer sollte sehr offen sein und sich bewusst machen, was er von seiner Arbeit hier erwarten kann", sagt Sean McReynolds vom "Honour Village Cambodia", einem Schul- und Gemeinschaftsprojekt in Siem Reap, in dem häufig Westler mithelfen. "Hier sind schon einige in Tränen ausgebrochen, weil sie nicht mit Babys arbeiten dürfen", sagt McReynolds. Die Ehrenamtlichen müssen bei ihnen ein Polizeizeugnis vorlegen und einen Kurs zum Thema Kinderschutz absolvieren. Außerdem gilt ein strenges Handyverbot, McReynolds sagt: "Kommt nicht für Instagram-Bilder hierher."

Sean und seine Frau Sylvia McReynolds in Siem Reap

Sean und seine Frau Sylvia McReynolds in Siem Reap

Foto: Maria Feck

Unicef rät generell: "Wenn Sie nicht ausgebildet sind, um mit Kindern zu arbeiten, überdenken Sie ihr Vorhaben noch einmal."

Was sind gute Alternativen zur Arbeit mit Kindern in Heimen?

Viele Organisationen in Kambodscha - und seit einigen Jahren auch die Regierung - setzen sich dafür ein, den Familien in den Gemeinden zu helfen, die unter extremer Armut leiden, damit es gar nicht erst zu einer Trennung kommt. Zudem gibt es ein Reintegrationsprogramm für Kinder aus Heimen, die wieder in ihre Familien zurückgebracht wurden (eine Reportage dazu lesen Sie hier).

Der Kambodschaner Long Sedtha setzt sich mit seiner Organisation "Build Your Future Today Center" schon seit zwölf Jahren für arme Dorfbewohner ein, sammelt Spenden etwa für den Bau von gebührenfreien Schulen oder landwirtschaftliche Projekte.

Kornelia Kümmel, eine deutsche Ehrenamtliche mit Kindern im "Build Your Future Today Center"

Kornelia Kümmel, eine deutsche Ehrenamtliche mit Kindern im "Build Your Future Today Center"

Foto: Maria Feck

Auch Tara Winkler tritt nun dafür ein, ganze Familien und Gemeinden zu unterstützen. Egal, wie gut ein Waisenheim sei - "ich wusste, es könnte den Kindern nie das geben, was sie brauchen - eine Familie", sagt Winkler. Sie gründete 2012 den "Cambodian Children's Trust", der präventive Hilfe leisten soll. Sie organisiert Workshops für die Eltern, bei denen diese lernen sollen, wie sie ihre Kinder medizinisch versorgen können. Zudem zeigen Winkler und ihre Mitarbeiter den Familien, wie sie Unterstützung vom Staat bekommen, und versuchen, ihnen Jobs zu vermitteln.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

Mitarbeit: Meta Kong