SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

14. April 2015, 18:53 Uhr

Verteidigungsministerin von der Leyen

Angriff der Cyber-Krieger

Aus Tallinn berichtet

Bei ihrer Reise ins Baltikum lässt sich Verteidigungsministerin von der Leyen in die Szenarien der digitalen Kriegsführung einweihen. Die CDU-Politikerin wittert die Chance, ein Zukunftsthema zu besetzen.

Zu Hause ist es momentan wieder etwas ungemütlich. Die Gewehre der Bundeswehr schießen neben das Ziel, der Hersteller stellt sich gegen die Kritik, alles ist unübersichtlich. Eine unangenehme Lage für Ursula von der Leyen. Und eine gute Zeit für eine Auslandsreise, um die Probleme daheim zumindest für kurze Zeit hinter sich zu lassen.

Traditionelle Gewehre spielen dabei glücklicherweise keine Rolle, auch wenn die Angst in den baltischen Staaten vor dem großen Nachbarn Russland wegen der Ukraine-Krise plötzlich wieder ganz real ist. Natürlich gehört es da zur Pflicht der deutschen Verteidigungsministerin, den Balten ihre volle Solidarität und Unterstützung zuzusichern. Aber von der Leyen geht es bei ihrem Trip ins Baltikum auch um etwas ganz anderes: um die Kriegsführung von morgen, um ausländische Hacker, die auf Regierungscomputer zugreifen wollen. Um neue, digitale Konflikte, den Angriff der Cyber-Krieger.

Zwei Tage verbringt die Verteidigungsministerin in Estland, Lettland und Litauen, das Thema Cyber Defence steht ganz oben auf der Tagesordnung. In Estland hat die Nato ein Cyber Defence Centre eingerichtet. Zudem fürchtet das Land, Russland könnte das Land mithilfe digitaler Methoden attackieren. 2007 kam es bereits zu einer derartigen Attacke.

Unerwartete Aktualität hat das Thema zudem erst vor wenigen Tagen gewonnen, als der französische Fernsehsender TV5 Monde für Stunden durch einen Cyberangriff lahmgelegt wurde. Belgische Medien wurden zuletzt innerhalb kurzer Zeit ebenfalls zweimal zum Ziel von Cyberattacken. Und auch die Bundesregierung kennt das Phänomen nur zu gut: 2014 wurde sie täglich 15- bis 20-mal aus dem Netz "hochwertig" angegriffen. Das wird ein großes Thema. Entsprechend elektrisiert ist Ursula von der Leyen.

Simulation des digitalen Großangriffs

Los geht es am Dienstagmorgen bei einem Besuch des Cyber Defence Centres in Tallinn. 14 Länder haben Fachleute entsandt, um gemeinsam Mittel und Strategien gegen Angriffe zu finden. Es ist der wichtigste Nato-Thinktank in diesem Bereich. In einem Computerraum starren ein Dutzend Männer, teilweise in Uniform, auf Bildschirme. Die Computer-Experten stecken gerade mitten in den Vorbereitungen für kommende Woche: In einem gigantischen Experiment mit 1200 angeschlossenen Rechnern soll ein digitaler Großangriff simuliert werden.

Wie das genau ablaufen soll, erläutert der Ministerin der Chef des Zentrums. Ein rotes Team greift zwei blaue virtuell an, die versuchen sich gegen die Attacke zur Wehr zu setzen. Statt Panzerbildern blickt von der Leyen in diesem Kriegsszenario auf kleinteiligste Folien mit Computer-Nummern. Ein digitaler Konflikt eben. Da gibt es keine schönen Bilder.

Von der Leyen interessiert sich trotzdem auffällig dafür. Man ahnt, dass sie für sich eine politische Chance wittert. Cyber-Kriege, das klingt nach einem modernen Thema, das ist ihr Ding. "Das wird unseren Alltag bestimmen", sagt sie in Tallinn. Die Ministerin rechnet damit, dass das Wort Cyber irgendwann nicht mehr aus dem Wortschatz eines Militärs wegzudenken ist.

Im Bendlerblock sind parallel zur Reise bereits Planungen angestoßen worden, wie Referate verschoben werden können, damit es nicht nur bei Ankündigungen bleibt. Und von der Leyens Leute beginnen, im Ausland nach geeigneten Experten für das Thema zu suchen.

Am Dienstagabend fliegt von der Leyen nach dem Estland-Aufenthalt über Lettland weiter nach Litauen. Am Mittwoch geht es schließlich wieder zurück in die Heimat. Das Problemgewehr G36 und seine eigenartige Historie müssen noch anständig erklärt werden. Die alten Sorgen eben, aus der analogen Welt.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung