Von Iran verschleppte Soldatin "Manchmal ist es wie auf einer Kreuzfahrt"

Seit knapp einer Woche ist sie in iranischer Gefangenschaft. Stunden vor ihrer Verschleppung sprach die britische Marinesoldatin Faye Turney mit einer Reporterin der britischen Zeitung "The Independent" über die Stimmung an Bord des Navy-Schiffes, die Sehnsucht nach ihrer kleinen Tochter in England - und die Gefahren ihres Einsatzes.


Hamburg - Am Abend bevor die 15 britischen Seeleute verschwanden, war die Stimmung an Bord der "HMS Cornwall" ausgelassen. 17 Stunden Arbeit lagen hinter den Matrosen - aber unbeeindruckt von ihrer langen Schicht sind sie am Abend in ihren kleinen Booten über das Wasser gerast. Sie haben den Einbruch der Dunkelheit zusammen mit einheimischen Fischern verbracht und von den Erlebnissen des Tages erzählt - davon, wie sie verdächtige Boote auf Schmugglerware kontrollieren.

Britisches Marineschiff: "HMS-Cornwall": "Bislang ist uns nichts Schlimmes passiert - das ist ein gutes Zeichen",
AFP

Britisches Marineschiff: "HMS-Cornwall": "Bislang ist uns nichts Schlimmes passiert - das ist ein gutes Zeichen",

14 Männer und eine Frau: Faye Turney, 25 Jahre alt - blonde Haare, voller Abenteuerlust, selbstbewusst - immer einen Spruch auf den Lippen - so sei sie, die britische Matrosin von der "HMS Cornwall". Die Macho-Sprüche, die Witze, die auf einem Kriegsschiff mit fast nur Männern üblich sind, hätten sie vollkommen kalt gelassen. Terri Judd, Reporterin der britischen Zeitung "The Independent", hatte die Crew des Schiffes am Tag vor ihrer Verschleppung durch die iranischen Revolutionsgarden besucht. Die Journalistin wollte recherchieren, wie die Briten irakische Marinesoldaten ausbilden und wie es ihnen gelingt, die Ölterminals der Region zu sichern. Judd hat sich lange mit der jungen Soldatin der britischen Navy unterhalten.

Faye Turney war guter Dinge. "Die Atmosphäre an Bord ist wirklich gut. Wir sind uns darüber im Klaren, dass einige Dinge wirklich heikel sein könne. Aber bislang ist uns nichts Schlimmes passiert - das ist ein gutes Zeichen", sagte sie Reporterin Judd.

Nichts Schlimmes bis dahin. Stunden später wurde Turney zusammen mit 14 anderen Crewmitgliedern verschleppt - bis heute weiß die britische Regierung nicht, wo die britischen Seeleute sind. Es gibt Gerüchte, dass sie in Teheran verhört werden. Iran wirft ihnen vor, mit ihren Schlauchbooten unerlaubt in iranische Gewässer eingedrungen zu sein. Die britische Regierung und Augenzeugen der Festnahme erzählen eine andere Version: Die Marinesoldaten haben sich auf irakischem Hoheitsgebiet aufgehalten, als die Crew festgenommen wurde.

"Meine Tochter würde immer gewinnen - ohne jeden Zweifel"

Faye Turney konnte von den Verwicklungen nichts ahnen: Ihr Job auf dem Schiff im Persischen Golf war für sie eine aufregende Art und Weise ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Aber auch sie, die Besatzung der "HMS Cornwall", seien sich der Gefahren ihres Einsatzes durchaus bewusst gewesen. Ihre Eltern hätten ihr stets klar gemacht, dass ihr Einsatz jederzeit Krieg bedeuten könnte. "Der Navy zu dienen, kann manchmal wie eine Kreuzfahrt sein - aber es kann eben auch anders kommen. Und dann musst du bereit sein - dafür wirst du bezahlt", erzählte sie der Reporterin. Es sei die Freundlichkeit der Menschen am Persischen Golf gewesen, die die Situation für die britischen Soldaten so harmlos erscheinen ließ, berichtet die Journalistin Terri Judd.

Die Crew der "HMS", der Turney angehört, war Teil einer massiven Militäroperation - die begann, als vor drei Jahren Selbstmordattentäter versuchten, Anschläge auf die Ölverladestationen von Basra und Chaur al-Amaja zu verüben. Drei Amerikaner kamen dabei ums Leben - danach wurden Sicherheitszonen um die Terminals errichtet - Iraker, Briten, Amerikaner und Australien patroullieren dort.

Aber über Angst habe Turney nicht sprechen wollen, sagt die Journalistin vom "Independent". Sondern vor allem über ihre kleine Tochter: Molly, drei Jahre alt, lebendig, eigensinnig, mädchenhaft - "ein absolutes Juwel", so die 25-jährige Soldatin. Mit ihrem Job in der Navy könne sie ihrer Tochter im Leben alle Türen öffnen, hoffte die junge Mutter.

Opfer nahm sie dafür gerne in Kauf, zum Beispiel die ständige Sehnsucht nach ihrem Kind: Es sei sehr schade, dass sie Molly, die bei ihrem Ehemann in England lebt, nicht jeden Tag erleben könne. Das Wichtigste aber sei, dass die Kleine zu einer selbstbewussten Frau heranwachse. "Durch meinen Job kann ich meiner Tochter alles im Leben ermöglichen und hoffentlich versteht sie, wenn sie mich sieht, dass eine Frau Familie und Beruf gleichzeitig haben kann".

Wenn sie ihren Job nicht so lieben würden, sie könnte ihn nicht machen, sagte Turney. Aber bei aller Lust am Abenteuer: "Wenn mich jemand vor die Wahl zwischen meiner Tochter und meiner Arbeit stellen würde: Meine Tochter würde immer gewinnen - ohne jeden Zweifel."

Ende Januar wollte Faye Turney zu ihrer Familie nach England zurückkehren. Ein dreiviertel Jahr davor, habe sie sich unglaublich darauf gefreut, erzählt die Journalistin Judd. Wann aber die junge Mutter ihr Kind und ihren Mann wieder sehen kann - im Moment weiß das niemand.

anr



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