Von Venezuela nach Spanien Die willkommenen Flüchtlinge

Zehntausende Menschen aus Venezuela fliehen vor Hunger und Verfolgung nach Europa. Fast alle gehen nach Spanien, Erick Zuleta ist einer von ihnen. Wie geht das Land mit den vielen Asylbewerbern um?

Maria Feck

Aus Madrid berichten und (Fotos)


Fast zwei Jahre nach der Flucht aus seiner Heimat Venezuela steht Erick Zuleta plötzlich wieder inmitten von Venezolanern. Die Parroquia de Santa Elena, eine prachtvolle Kirche im Zentrum Madrids, ist gut gefüllt.

Zuleta, 64 Jahre alt, trägt am Handgelenk eine Casio-Uhr, das Armband viel zu groß, die Zeiger zeigen die falsche Uhrzeit an. Er zögert kurz, faltet dann aber auch seine Hände zum Gebet und stimmt ein ins Gemurmel der anderen: "Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern."

Dabei macht sich Zuleta eigentlich nicht viel aus Gott, seit Jahren war er schon nicht mehr in der Kirche. Früher, zu Hause in Venezuela, wäre Zuleta an einem so schönen Sonntag wohl zu seiner Familie gefahren; heim nach Barquisimeto, um bei seinen Verwandten zu sein, vielleicht auf dem Bauernhof, den er gerade gekauft hatte.

Erick Zuleta: Die Kirche ist eigentlich nicht sein Ding
Steffen Lüdke/ SPIEGEL ONLINE

Erick Zuleta: Die Kirche ist eigentlich nicht sein Ding

Doch jetzt ist Madrid seine Gegenwart - die Stadt, die gerade zum Hauptquartier der wachsenden venezolanischen Diaspora in Europa wird.

Wer derzeit vor Hunger, Inflation und Gewalt aus Venezuela flieht, geht meist in die Nachbarländer Kolumbien oder Brasilien. Doch wer irgendwie das Geld für die Tickets zusammenkratzen kann, bucht einen Flug nach Madrid. Fast jeden Tag kommen im Terminal 4 die Flüge aus Caracas an, reisen hier Venezolaner als Touristen ein - und meist nie wieder aus.

21.700 Venezolaner haben im ersten Halbjahr 2019 in der EU Asyl beantragt. Zurzeit verdoppeln sich die Zahlen Jahr für Jahr. Nur aus Syrien und Afghanistan kommen noch mehr Bewerber. Wenn der Trend sich fortsetzt, könnte Venezuela schon bald Herkunftsland Nummer eins werden.

Erick Zuleta mit Frau, Töchtern und seiner Enkelin
Maria Feck

Erick Zuleta mit Frau, Töchtern und seiner Enkelin

Fast alle Venezolaner, die in die EU kommen, bitten in Spanien um Asyl, fast alle gehen nach Madrid. Deswegen verzeichnet Spanien derzeit so viele Anträge wie noch nie. Geschätzte 300.000 Venezolaner leben im ganzen Land. Tendenz steigend. Madrid, scherzt so mancher, verwandele sich gerade in Little Caracas.

Viele Venezolaner haben europäische Vorfahren und bisweilen sogar einen spanischen oder italienischen Pass. Wer keinen hat, bittet in Spanien um Asyl. Die Chancen stehen so gut wie nie. Gerade hat die spanische Regierung beschlossen, abgelehnten Asylbewerbern aus Venezuela - nach einer Einzelfallprüfung - einen Schutzstatus aus humanitären Gründen zu gewähren.

Damit dürfen die Asylbewerber ein Jahr im Land bleiben und arbeiten - bekommen allerdings auch kein Geld mehr vom Staat. Anschließend kann die Aufenthaltsgenehmigung verlängert werden. Die Venezolaner sind die einzige Nation, der Spanien diesen Status zugesteht. Das spanische Asylsystem steht wegen der vielen Anträge kurz vor dem Kollaps, die neue Regelung soll Abhilfe schaffen.

Gut möglich, dass nun noch mehr Venezolaner versuchen werden, an ein Flugticket zu kommen. Doch Angst hat davor in Spanien kaum jemand, die Integration verläuft bisher nahezu geräuschlos.

Zuleta öffnet die Tür seines neuen Apartments in Móstoles
Maria Feck

Zuleta öffnet die Tür seines neuen Apartments in Móstoles

Drei Tage vor der Messe zwängt sich Erick Zuleta an den Esstisch seines kleinen Zweizimmer-Apartments in Móstoles, einem Vorort von Madrid. Hier lebt er mit seiner Frau, drei Töchtern, einem Enkelkind und seinem Schwiegersohn.

Früher residierte die Familie in einer Villa im spanischen Kolonialstil: 86 Meter lang, sieben Zimmer, die Decken sechs Meter hoch. So erzählt es Zuleta. Er muss nicht nachdenken, um die Zahlen zu nennen. Jetzt wohnen sieben Personen auf 65 Quadratmetern, vielleicht sind es auch weniger, so genau weiß es keiner in der Familie. Der Kühlschrank steht auf dem Balkon.

Zuletas Frau kommt gerade vom Probearbeiten nach Hause, sie hat bei einer spanischen Familie geputzt. Auch seine Töchter haben bereits Arbeit gefunden. Die 21-jährige Estefania studiert Jura, nebenbei arbeitet sie an der Kasse eines Supermarktes. Die Töchter versorgen nun die Familie, vor der Flucht war das anders.

Zuletas Töchter mit Enkelin: Plötzlich Hauptverdiener
Maria Feck

Zuletas Töchter mit Enkelin: Plötzlich Hauptverdiener

Daheim in Venezuela hatte Zuleta einen Job, der ihn zum Sprecher von Tausenden Bus- und Taxifahrer machte. Als Chef der Transportgewerkschaft verhandelte er mit der Elite des Landes. Doch als Zuleta die Proteste gegen das Maduro-Regime unterstützte, geriet er ins Visier des Geheimdienstes Sebin. Mehrere Male, so erzählt es Zuleta, setzte die Polizei ihn fest, immer wieder ließ sie ihn frei.

Am entscheidenden Tag im Juli 2017 hatte Zuleta Gewerkschafter aus dem ganzen Land einberufen, als ein Vertrauter ihm eine Nachricht überbrachte: "Der Direktor des Sebin sucht dich mit allen Mitteln." Seine Gewerkschafter blockierten den Eingang zu seinem Büro, er floh in einem Kleinwagen, versteckte sich zunächst in Caracas.

Ein Glücksschrei am Telefon

Am Morgen des 2. August 2017 setzte er sich auf den Rücksitz eines Wagens, vorne ein junges Paar, Zuleta spielte den Großvater. Drei Mal stoppte die Polizei sie, drei Mal bezahlte Zuleta und durfte weiterfahren - bis zur Brücke Simón Bolívar, die den Fluss Táchira kreuzt.

Tausende Menschen überqueren dort jeden Tag zu Fuß die Grenze zu Kolumbien. Zuleta ließ sich von Dutzenden Busfahrern und Chauffeuren umringen, versuchte sich, so gut es ging, in der Menge zu verbergen. "Man sagte mir: Wenn dich jemand erkennt, renn los", erinnert sich Zuleta. 315 Meter musste er auf der Brücke zurücklegen. "Sie kam mir endlos vor." Schritt für Schritt ging die Gruppe in Richtung Kolumbien, bis sie eine weiße Linie erreichten. Dann war der Gewerkschaftschef in Sicherheit.

Zuleta steckte den Chip in sein Handy, rief seine Familie an, ein Glücksschrei fuhr aus dem Telefon, erst dann kaufte er ein Flugticket nach Spanien und eines zurück. Nur so konnte er als Tourist in Spanien einreisen. Wenig später kam er in Madrid an, wo ihn niemand erwartete.

Das Symbol der Heimat: In einer Hosentasche trägt Zuleta ständig die venezolanische Flagge mit sich herum
Maria Feck

Das Symbol der Heimat: In einer Hosentasche trägt Zuleta ständig die venezolanische Flagge mit sich herum

Venezuela war einmal das reichste Land Lateinamerikas. Als Francisco Franco Spanien in eine Diktatur verwandelte, flohen viele in die ehemalige Kolonie, auf der Suche nach einem besseren Leben. Heute hungern die Venezolaner. Sie können Lebensmittel und Medikamente nicht mehr bezahlen. Die Ströme haben sich umgekehrt.

Flüchtlinge sind in Spanien zu einem beliebten Wahlkampfthema geworden. Rechte und Rechtsradikale nutzen jedes Flüchtlingsboot, um zu punkten. Doch dabei geht es meist um afrikanische Flüchtlinge aus der Subsahara.

Die Venezolaner hingegen fallen kaum auf, selbst rechte und konservative Parteien umgarnen sie gar. Die spanische Rechte nutzt die venezolanische Staatskrise gern, um vor dem Sozialismus zu warnen; venezolanische Flüchtlinge, besonders Oppositionelle, sind da gern gesehen.

Luxusapartments in Salamanca: Makler schwärmen von der venezolanischen Kaufkraft
Maria Feck

Luxusapartments in Salamanca: Makler schwärmen von der venezolanischen Kaufkraft

"Natürlich haben es Venezolaner einfacher als andere Gruppen, sich bei uns zu integrieren", sagt Carlos Gómez Gil. Der Migrationsexperte forscht und lehrt an der Universität Alicante und berät die Behörden in Asylfragen. Die Kultur, die Sprache, all das erleichtere das Zusammenleben. "Auch deshalb gibt es bislang keine Probleme."

Und: Vor allem die venezolanische Mittel- und Oberklasse schafft es nach Spanien. Im reichen Zentrum Madrids haben Venezolaner Tausende Apartments gekauft. Immobilienmakler schwärmen von der Kaufkraft der Kunden. Wer in Spanien eine Immobilie im Wert von 500.000 Euro oder mehr erwirbt, bekommt automatisch ein Visum. Zuleta glaubt, dass es vor allem die korrupten Helfer des Maduro-Regimes sind, die hier, im teuersten Viertel Madrids, zugreifen und ihr Geld anlegen.

"In Venezuela würde unser Baby sterben"

Wer dagegen für den Traum von Madrid alles verkaufen muss, fängt bei null an. So wie Kennedy. Der 33-Jährige macht Pause auf der Gran Via im Stadtzentrum, neben seinem Mountainbike. Seit sechs Tagen ist er in Madrid, schon arbeitet er als "Rider" für Glovo, die spanische Variante von Lieferando und Deliveroo.

Die Lizenz und das dazugehörige Profil hat er von einem Bekannten übernommen. Legal ist das nicht. Aber Kennedy muss Geld verdienen, möglichst schnell, 1500 Euro für Miete und einen Flug, damit seine Freundin nachkommen kann. Wenn sie endlich da ist, wollen die beiden Kinder kriegen. "In Venezuela würde unser Baby sterben", sagt Kennedy. "Deswegen bin ich hier."

Sechs Tage in Madrid, schon Fahrradkurier: Kennedy wird heute nur wenige Euro verdienen
Maria Feck

Sechs Tage in Madrid, schon Fahrradkurier: Kennedy wird heute nur wenige Euro verdienen

Auffällig viele Venezolaner fahren in Madrid für Glovo, so können sie relativ einfach ein bisschen Geld verdienen - auch ohne Arbeitserlaubnis. Aber Kennedy kennt Madrid noch nicht. Bis er herausfindet, wohin er fahren muss, vergehen wertvolle Minuten. Endlich ploppt auf seinem Handy die nächste Bestellung auf. An diesem Tag wird er nicht viel mehr als vier Euro verdienen.

Zuleta hofft noch, eines Tages nach Venezuela zurückkehren zu können. Natürlich würde auch er in der Zwischenzeit gern arbeiten, doch er findet nichts. "Zu alt", sagt er mit einem milden Lächeln.

Wenn Zuleta in sein altes Leben eintauchen möchte, öffnet er WhatsApp auf seinem Handy. Freunde und Kollegen berichten dort von unglaublichen Preisen und Stromausfällen. Er schaut sich Videos an von Menschen, die wie Tiere in einen Transporter gepfercht wurden, nur um zum nächsten Ort zu kommen. Sein Lebenswerk, der öffentliche Verkehr, ist zusammengebrochen.

Bild auf dem Handy von Erick Zuleta: Das Verkehrssystem ist zusammengebrochen
Maria Feck

Bild auf dem Handy von Erick Zuleta: Das Verkehrssystem ist zusammengebrochen

Kurz bevor Zuleta in die Kathedrale treten wird, um mit den anderen Venezolanern zu beten, sitzt er im Garten der Kirchengemeinde auf einem viel zu kleinen Kinderstuhl. Der Mann, den Oppositionsführer Juan Guaidó zu seinem Botschafter in Madrid ernannt hat, ist gekommen. Dazu noch der ehemalige Bürgermeister von Caracas.

Es werden Reden gehalten und Arepas gegessen, ein Fladen, der mit Fleisch gefüllt wird. Die Venezolaner sollen ihre Namen und ihre Berufe in eine Liste eintragen. Damit der spanische Staat verstehe, was für gebildete Menschen hier gekommen sind, so heißt es. Bisher hat sich die venezolanische Diaspora kaum organisiert. Der Tag in der Kirche soll ein Anfang sein.

Schließlich tritt ein venezolanischer Sänger auf, singt Coversongs. Zuletas Tochter Estefania singt laut mit, ihr Handy hält sie wie ein Mikrofon.

Sie dreht sich zu ihrem Vater um: "Mach doch mal mit!"

Estefania, 21 Jahre alt, performt ein Lied, das Handy dient als Mikrofon
Steffen Lüdke/ SPIEGEL ONLINE

Estefania, 21 Jahre alt, performt ein Lied, das Handy dient als Mikrofon

Zuleta, immer noch auf dem grünen Kinderstuhl, lächelt kurz. "Für die Kinder ist es einfacher", sagt er.

Die Casio an seinem Handgelenk ist inzwischen stehen geblieben, die Batterie hat den Geist aufgegeben. Auch Monate nach seiner Flucht zeigte die Uhr noch die venezolanische Zeit an. Zuleta hatte sie absichtlich nicht umgestellt.

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