SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

04. November 2009, 21:27 Uhr

Vorfall in Helmand

Afghanischer Polizist schießt britische Ausbilder nieder

Aus Kabul berichtet

Ein afghanischer Polizist hat fünf britische Soldaten erschossen: Sie waren seine Ausbilder. Die Bluttat wirft die Frage auf, ob die einheimischen Sicherheitskräfte von den Taliban infiltriert werden. Westliche Sicherheitsexperten verfolgen die Entwicklung mit großer Sorge.

Es geschah kurz nach dem Mittagessen. Gemeinsam mit einer Gruppe afghanischer Polizisten, die sie ausbilden und bei ihrer Arbeit unterstützten, saßen 16 britische Soldaten auf dem Dach einer kleinen Wache im Dorf Shin Kalay in der Provinz Helmand. Kurz zuvor waren die Briten, darunter zwei Militärpolizisten, von einer gemeinsamen Patrouille zum Checkpoint Blue 25 zurück gekommen. Die meisten Afghanen waren beim Mittagsgebet. Die Briten dösten ein wenig.

Dann zerriss das Feuer eines Maschinengewehrs die Stille. Von hinten schoss ein afghanischer Polizist in Uniform auf die Briten, tötete fünf von ihnen und verletzte mindestens fünf weitere Männer schwer. Die Soldaten hatten ihre Schutzwesten abgelegt. Die Waffen lagen zwar neben ihnen, doch der Angriff überraschte sie. Als sein Chef den Angreifer stellte, schoss er auch auf ihn, verletzte den Vorgesetzten und einen weiteren Polizisten. Dann raste der Mann auf einem Motorrad davon.

Der Angriff im südafghanischen Helmand hat sich bereits am Dienstag ereignet, doch erst am Mittwoch informierte das britische Verteidigungsministerium die Öffentlichkeit. Und obwohl die internationalen Truppen an den täglichen Tod ihrer Männer gewöhnt sind, schockiert diese Tat: Dass einer der Polizisten, die von den Isaf-Soldaten trainiert werden, seine Ausbilder angreift und tötet, wirft die Frage auf, wie sehr die lokalen Sicherheitskräfte möglicherweise von den Taliban infiltriert sind.

Was den Täter, dessen Namen der Chef der Polizeiwache mit Gulbudin angab, getrieben hat, ist noch nicht ganz klar. Das britische Militär hat mit dem afghanischen Innenministerium sofort ein Ermittlungsteam gebildet, das den Vorgang gemeinsam untersuchen soll. Am Tag nach dem Blutbad spekulierten lokale Polizisten und Politiker, der Polizist könnte von den Taliban für die Bluttat angeheuert worden sein. Möglich sei aber auch, dass er Drogen genommen hatte.

Probleme beim Aufbau der Polizei in Afghanistan

In jedem Fall kannte der Täter seine Opfer. Seit über zwei Wochen begleiteten die Briten die afghanische Polizeieinheit, sie trainierten die Männer. Der Schütze sei in dieser Zeit nie auffällig gewesen, sagte sein Chef in einem Telefonat mit SPIEGEL ONLINE. "Gulbudin war seit zwei Jahren Polizist in Helmand", so Aji Manan, "erst letztes Jahr hat er die Polizeiakademie abgeschlossen." Seinen Angaben zufolge kam der junge Mann aus Musa Qala, einer berüchtigten Hochburg der Taliban, er habe aber nie Sympathien zu den Aufständischen gezeigt.

Es gibt jedoch auch andere Darstellungen des Vorfalls. Demnach war der Schütze erst kürzlich zu der Einheit gestoßen, offenbar war seine Identität nicht überprüft worden. Ein lokaler Politiker, der nicht mit seinem Namen zitiert werden wollte, sagte SPIEGEL ONLINE zudem, sowohl der Schütze als auch der Chef der Polizeiwache seien als Taliban-Sympathisanten bekannt gewesen. Ob diese Einschätzung auch den Briten mitgeteilt worden war, konnte er nicht sagen.

Großbritanniens Regierungschef Gordon Brown machte die Aufständischen umgehend für die Attacke verantwortlich. Sie hätten entweder ein Mitglied der afghanischen Polizei benutzt oder ihre eigenen Leute in die Polizeikräfte eingeschleust, so Brown. Nach seinen Worten bekannten sich die Taliban auch zu dem Anschlag. Wer dies getan hat, blieb jedoch offen. Die bekannten Sprecher der Taliban jedenfalls konnten den ganzen Tag lang nicht erreicht werden, auch mehrere lokale Kommandeure wussten nichts von der Tat oder dem Schützen.

Schlecht bezahlt und kriminell

Gleichwohl wirft der mögliche Hintergrund der Tat ein Licht auf die vielen Probleme beim Aufbau der Polizei in Afghanistan. Kritiker bemängeln seit Jahren, dass die Polizei so schlecht bezahlt ist, dass sie für Offerten der Taliban oder anderer Krimineller anfällig ist. Die internationalen Truppen wissen aus Erfahrung auch, dass viele Polizisten auf beiden Seiten arbeiten und Pläne für Operationen gegen die Taliban verraten. Wirkliches Vertrauen zu den lokalen Behörden gibt es deshalb sehr selten im Einsatzgebiet.

Zudem fällt die Tat in eine Zeit, da die Nato intensiv über eine Ausweitung der Polizeiausbildung diskutiert. Schon jetzt ist klar, dass der massive Ausbau des Trainings der lokalen Sicherheitskräfte ein zentraler Bestandteil der neuen US-Strategie sein wird, die US-Präsident Barack Obama in einigen Wochen vorstellen wird. Dass nun ein Auszubildender seine ausländischen Trainer erschießt, wirft eine ganz neue Frage auf: Wie sehr kann man den Afghanen, die angeblich Polizisten sind, eigentlich trauen?

Die Ermittlungen zu dem Fall müssen diese Frage schnell beantworten, glauben westliche Diplomaten in Kabul. "Wenn sich herausstellt, dass ein Taliban-Rekrut in keinem Schritt der Ausbildung erkannt wurde, haben wir ein ernstes Problem", sagt ein ausländischer Experte, der sich intensiv mit der Polizeiausbildung beschäftigt. Möglicherweise müssen die Strategen in den westlichen Hauptstädten sich nun überlegen, wie man vor der Ausbildung erst einmal den Hintergrund der Rekruten überprüft. Einfach wird das ganz sicher nicht.

Der tödliche Vorfall ist gleichwohl nicht der erste in Afghanistan. Vor rund einem Monat hatte im Bezirk Wardak nahe Kabul ebenfalls ein Polizist auf seine amerikanischen Ausbilder geschossen und zwei von ihnen getötet. Die genauen Hintergründe der Tat wurden zumindest öffentlich nie aufgeklärt. Eine solche Geheimhaltung wird bei der Zahl der getöteten Briten und der hitzigen Diskussion in Großbritannien um einen möglichen Anzug wohl kaum möglich sein, zumal es der blutigste Angriff seit deren Einmarsch in Afghanistan war.

URL:


Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung