Vormarsch in die rote Zone "Wir sehen die Skyline von Bagdad"

Amerikanische und irakische Truppen stellen sich zur entscheidenden Schlacht um Bagdad auf. Die Alliierten haben sich der irakischen Hauptstadt bis auf rund 30 Kilometer genähert und damit die imaginäre rote Linie überschritten. Die Frontsoldaten rücken nur noch in Schutzanzügen vor. US-Strategen rechnen nun jederzeit mit Chemiewaffenangriffen.

Bagdad/Washington - Die alliierten Streitkräfte haben sich in der Nacht zum Donnerstag der Stadtgrenze von Bagdad bis auf etwa 32 Kilometer genähert. Die Alliierten erreichten nach US-Militärangaben die so genannte rote Zone, in der der härteste irakische Widerstand erwartet wird. "Unsere Leute können die Skyline von Bagdad sehen", sagte ein ranghoher Militärvertreter in Washington, "so nah sind wir herangekommen."

Die US-Truppen bereiten einen Zangenangriff auf Bagdad vor. Die eine Stoßrichtung soll vom Süden der Hauptstadt aus über Kerbela erfolgen, die andere von Südosten dem Tigris folgend. "Der Kreis um Bagdad schließt sich", sagte US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld in Washington.

Einheiten der Republikanischen Garde des irakischen Staatschefs Saddam Hussein bewegten sich zugleich von Bagdad aus Richtung Süden auf die Alliierten zu, wie das Pentagon mitteilte. Wie Reuters unter Berufung auf US-Militärkreise berichtet, verstärken zudem irakische Einheiten ihre Stellungen rund um den Flughafen der Stadt. Aufnahmen eines Aufklärungsflugzeuges hätten dies gezeigt. Welchen Umfang die irakischen Truppenbewegungen haben und welche Einheiten der Republikanischen Garde daran beteiligt sind, ist bisher nicht bekannt.

Am Mittwochabend haben die Eliteeinheiten Saddam Husseins nach US-Angaben eine Niederlage erlitten. US-General Vincent Brooks sagte, die Bagdad-Division der Republikanischen Garde sei "zerstört" worden. Auch die anderen fünf Divisionen würden permanent attackiert. "Die Republikanische Garde ist in Schwierigkeiten", sagte Brooks.

Die BBC berichtete unter Berufung auf US-Militärs, auch die Medina-Division sei deutlich geschwächt. Die Republikanische Garde hat als Elitetruppe des irakischen Machthabers Saddam Hussein nach Einschätzung von Militärexperten eine Schlüsselrolle bei der erwarteten Schlacht um Bagdad.

Das Pentagon bemühte sich indes, Erwartungen über eine rasche Einnahme Bagdads zu dämpfen. "Wir stellen uns auf einen sehr schweren Kampf vor Bagdad ein", sagte Sprecher Generalmajor Stanley McChrystal am Mittwoch. "Wir rechnen nicht damit, plötzlich nach Bagdad vorstoßen und es einnehmen zu können."

Bagdad war auch am Donnerstagmorgen weiter Ziel massiver Luftangriffe. Die Stadt wurde von heftigen Explosionen erschüttert. Laut US-Angaben wurde unter anderem ein Militärlager im Bezirk al-Karch getroffen. Der Fernsehempfang fiel vorübergehend aus.

Nahe Mussajib, rund 60 Kilometer südlich von Bagdad, eroberten US-Soldaten eine Brücke über den Euphrat. Ziel sei es, aus mehreren Richtungen einen Ring um die Stadt zu bilden, sagte ein Sprecher des US-Oberkommandos Mitte in Katar, Leutnant Mark Kitchens: "Die Schlinge um den Hals dieses Regimes zieht sich langsam zu." Man sei darauf gefasst, dass die irakischen Streitkräfte innerhalb der roten Zone womöglich Chemie- oder andere Massenvernichtungswaffen einsetzten würden.

Nach übereinstimmenden Berichten amerikanischer Medien haben US-Truppen bei Kerbela, rund 80 Kilometer südlich der irakischen Hauptstadt, eine umfangreiche Bodenoffensive eingeleitet. Zugleich bombardierte die US-Luftwaffe Verteidigungsstellungen der irakischen Streitkräfte im Umland Bagdads. Der irakische Widerstand nördlich von Kerbela sei geringer gewesen als erwartet, berichtete ein CNN-Reporter, der die US-Truppen begleitet. Kerbela ist die letzte große Stadt auf dem Weg nach Bagdad.

US-Truppen besetzten nach eigenen Angaben einen Damm in der Nähe des westlich von Kerbela gelegenen Sees al-Milh. Es war befürchtet worden, dass die irakischen Streitkräfte den Damm sprengen und die US-Truppen dann von einer Flutwelle erfasst werden.

Weitere Ereignisse des Tages:

  • Die US-geführten Streitkräfte haben in der Nacht zum Donnerstag nach eigenen Angaben knapp 40 Satelliten gesteuerte Bomben auf Bagdad abgefeuert. Ziel seien Lagerstätten gewesen, in denen militärisches Gerät vermutet werde, teilte das US-Central Command in Katar mit.
  • US-Außenminister Colin Powell sagte nach Gesprächen mit der türkischen Führung in Ankara, die amerikanischen Einheiten könnten ab sofort über die Türkei mit Verpflegung und Treibstoff versorgt werden. Ankara untersagte allerdings den Transit von Waffen.
  • Der britische Premier Blair distanzierte sich erstmals von der Position Washingtons im Irak-Krieg. Im Unterhaus stellte er klar, dass Großbritannien "absolut keine Pläne" für eine Invasion Irans oder Syriens habe. US-Verteidigungsminister Rumsfeld hatte Syrien vorgeworfen, dem Irak militärische Ausrüstung zu liefern und von einem "feindlichen Akt" gesprochen.
  • Die Uno-Kulturorganisation Unesco berichtete von ersten Kriegsschäden an irakischen Kulturgütern durch Bombenangriffe der Alliierten. Sie habe "alarmierende Informationen" über Schäden an Museen in Bagdad, Tikrit und Mossul. Der Irak nutzt nach Angaben australischer Militärs Kulturdenkmäler als Schutz gegen alliierte Angriffe.

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