Vorstoß nach Bagdad US-Truppen dringen in die "rote Zone" ein

Die Truppen der Alliierten ziehen ihre Ringe um Bagdad und Basra immer enger. Bei ihrem Marsch auf Bagdad drangen sie in die strategisch wichtige Stadt Hindijah ein. Zugleich melden britische Truppen Erfolge beim Umzingeln von Basra. Über Bagdad wurden auch am Abend neue Bomben abgeworfen.


Zielrichtung Bagdad: Von den US-Truppen eroberte Brücke über den Euphrat
AP

Zielrichtung Bagdad: Von den US-Truppen eroberte Brücke über den Euphrat

Bagdad/Hindijah - Die US-Streitkräfte wollen sich Bagdad nach Angaben des Pentagons nun schrittweise aus dem Süden, Westen und Norden nähern. Einige Einheiten seien inzwischen in die "rote Zone" eingedrungen, in der mit besonders erbittertem Widerstand der irakischen Truppen gerechnet wird. Zugleich intensivierten die US-geführten Truppen ihr Trommelfeuer auf die irakische Staaten. "Tag für Tag kommen wir Bagdad ein Stück näher", sagte US-Präsident Bush bei einer Rede in Philadelphia.

Am Nachmittag griffen auch tieffliegende Kampfbomber die Hauptstadt an und erstmals war anhaltendes Artilleriefeuer südlich Bagdads zu hören. Mindestens fünf neue schwere Explosionen wurden auch am Abend im Stadtgebiet registriert, anschließend waren Rauchwolken über der Metropole zu sehen. Die Detonationen gehörten zu den schwersten seit Beginn der Luftangriffe auf Bagdad am 20. März. Auch ein Hotel, in dem sich Journalisten aufhielten, wurde erschüttert. Nach CNN-Angaben gingen in einem nicht näher identifizierten Bezirk der Fünf-Millionen-Stadt die Lichter aus.

Allein am Wochenende seien 3.000 so genannte "Präzisionsbomben" im Irak abgeworfen worden, mehr als ein Drittel der bislang eingesetzten 8.000 Stück. Dadurch seien die Truppen Saddam Husseins erheblich aufgerieben worden, hieß es bei einem Briefing des Pentagon.

Das 4. Bataillon des 6. US-Panzerregiments sei seit dem frühen Morgen in die 80.000-Einwohner-Stadt Hindijah eingerückt, hieß es aus Militärkreisen. Hindijah liegt rund 80 Kilometer südlich von Bagdad nahe des antiken Babylons. Dort wurde eine strategisch wichtige Brücke über den Euphrat erobert.

Ein US-Soldat nahe Diwaniyah an der Autobahn Richtung Bagdad
AP

Ein US-Soldat nahe Diwaniyah an der Autobahn Richtung Bagdad

Dabei wurden die Soldaten von Irakern, die sich hinter Hecken und Mauern verschanzt hatten, mit Granaten beschossen. Bei den Straßenkämpfen wurden nach US-Angaben mindestens 15 Iraker getötet und mehrere Dutzend gefangen genommen. Diese Kämpfer sollen sich als Mitglieder der Republikanischen Garde ausgegeben haben, der Elitetruppe von Staatschef Saddam Hussein. Sie präsentierten das dreieckige Emblem der Nebutschadnessar-Brigade, die in Saddam Husseins Heimatstadt Tikrit stationiert ist.

Mindestens hundert irakische Kämpfer in Nadschaf getötet

Heftige Kämpfe wurden auch aus Nadschaf, rund 80 Kilometer weiter südlich gelegen, gemeldet. Nach der Errichtung eines Belagerungsrings blieb zunächst unklar, ob die US-Truppen in die Stadt einmarschieren wollten. In Nadschaf hatte sich am Samstag ein Iraker in die Luft gesprengt und vier Amerikaner mit in den Tod gerissen. Bei Gefechten in der Region seien etwa hundert paramilitärische Kämpfer getötet und 50 Iraker gefangen genommen worden, teilte das US-Zentralkommando mit.

Nassirija: US-Soldaten kontrollieren irakische Gefangenen
REUTERS

Nassirija: US-Soldaten kontrollieren irakische Gefangenen

Laut BBC sind die US-Truppen um die Stadt Nassirija im südlichen Euphrat-Tal erneut um rund 5000 Mann verstärkt worden. Sie sollen den anhaltenden Widerstand der Iraker brechen. Erneut gab es Berichte, dass in aufgegebenen irakischen Stellungen in Nassirija Gasmasken und Chemie-Schutzanzüge gefunden worden seien.

Briten ziehen Ring um Basra immer enger

Unterdessen setzten britische Truppen ihre bislang größte Offensive im Irak-Krieg fort. Sie sei von dem südlichen Vorort von Basra, Abu el Chasib, ausgegangen. Die Einheiten, insgesamt rund 1.000 Mann, seien nur noch etwa eineinhalb bis zwei Kilometer von Basra entfernt, hieß es. Die Stadt sei praktisch eingeschlossen, sagte eine BBC-Reporterin.

Ein britischer Militärsprecher sagte, nördlich von Basra seien hunderte irakischer Soldaten gefangen genommen und 17 irakische T-55-Panzer zerstört worden. Die Angriffe würden fortgesetzt.

Britische Truppen vor Basra
AFP

Britische Truppen vor Basra

Der Sprecher machte auch einen Wandel in der Haltung der Bevölkerung Basras aus. "Sie kommen auf uns zu, sprechen mit uns und fassen Vertrauen", sagte er. Außerdem gäben sie Hinweise auf irakische Stellungen in der Stadt.

Bei Gefechten um die Kontrolle über die zentralirakische Stadt Nadschaf wurden nach Angaben des BBC-Fernsehens etwa hundert irakische Kämpfer getötet.

Arabische Fernsehsender berichteten unterdessen von Angriffen der Amerikaner auf ein Dorf nördlich von Nassirija, in dem irakische Offiziere und Funktionäre der Baath-Partei vermutet wurden. Die irakischen Medien sprachen von einem "barbarischen Angriff", bei dem ausschließlich Zivilisten verletzt worden seien.

Feuer in Bagdads Informationsministerium

Die Alliierten hielten am Montag auch an ihrem Dauerbeschuss Bagdads fest. Erstmal wurden nach Angaben der USA bei den Angriffen auf Bagdad gleichzeitig schwere Bomber der Typen B1, B2 und B52 eingesetzt. Nach den Luftangriffen brannte das Informationsministerium rund 30 Minuten, ehe das Feuer gelöscht werden konnte. Bei den jüngsten Bombardements sollen nach irakischen Angaben auch zwei Kinder ums Leben gekommen sein. In der Nähe eines Einkaufszentrums wütete ebenfalls ein Feuer

In den vergangenen Tagen hatten sich die Luftangriffe der Alliierten auf Stellungen der Republikanischen Garde südlich von Bagdad konzentriert. Nach Angaben von Generalstabschef Richard Myers wollen die US-Streitkräfte den Druck auf die Elitetruppen weiter erhöhen: "Wir werden einfach weiter die Schlinge immer enger ziehen."

Franks bestreitet Ruhepause

Oberbefehlshaber Tommy Franks widersprach wie schon zuvor andere US-Militärs Meldungen, die Truppen würden bei ihrem Vormarsch eine Pause einlegen. "Unser Plan sieht kontinuierliche Angriffe vor, die bisher auch zu sehen waren. Sie werden auch in den kommenden Tagen nicht abreißen�, sagte Franks. Generalstabschef Richard Myers sagte dem amerikanischen Sender NBC, dass Kritiker der Kriegspläne nicht fair wären: �Niemand hat einen kurzen Krieg versprochen. Das wird ein harter Krieg und niemand hat je etwas anderes behauptet."

Weitere Meldungen:

  • Dem Pentagon liegen nach eigenen Angaben verschiedene Berichte über die Flucht und Fluchtversuche von Mitgliedern hochrangiger irakischer Funktionäre vor. Pentagon-Sprecherin Victoria Clarke wertete die Tatsache, dass sich die Familienangehörigen abzusetzen versuchten, als Beweis für die Fortschritte der Alliierten im Irak-Krieg.
  • Der irakische Außenminister Nadschi Sabri drohte den Streitkräften der Kriegsallianz mit massiven Verlusten und forderte ihre Soldaten auf, sich zu ergeben. "Wir werden unsere Wüsten in einen großen Friedhof für die Amerikaner und Briten verwandeln", sagte der Minister am Montag in Bagdad.
  • Rund 8.000 irakische Soldaten sind nach Angaben des britischen Verteidigungsministers Geoff Hoon inzwischen von den alliierten Truppen gefangen genommen worden. Vor dem Unterhaus in London sagte Hoon am Montag ohne Nennung von Einzelheiten, es sei zu "beträchtlichen" Aufgaben unter den irakischen Truppen gekommen. Ranghohe Mitglieder des Regimes von Präsident Saddam Hussein seien jedoch noch nicht festgenommen worden. Eine Verstärkung der derzeit rund 45.000 britischen Soldaten am Persischen Golf lehnte Hoon zum gegenwärtigen Zeitpunkt ab.
  • Die US-Streitkräfte haben nach Informationen des Senders CNN im nur 12 Tage alten Irak-Krieg schon ein Drittel ihrer Tomahawk-Raketen verschossen. Die Marine habe bereits um zusätzliche Gelder ersucht, um die Produktion neuer Tomahawks zu beschleunigen, meldete der CNN am Montag unter Berufung auf das Pentagon. Die Raketen werden von Schiffen und U-Booten abgefeuert. Dem Bericht zufolge wurden bisher rund 700 von insgesamt 2000 zur Verfügung stehenden Tomahawks verwendet.
  • Mehrere Todesfälle wegen irrtümlicher Angriffe durch US-Soldaten haben in Großbritannien Besorgnis ausgelöst. Fünf solcher Fälle von "Friendly Fire" aus den eigenen Reihen oder denen der US-Verbündeten haben den britischen Streitkräften am Golf etwa ebenso viele Verluste zugefügt wie Gefechte mit irakischen Einheiten - seit Beginn des Kriegs kamen 25 britische Soldaten ums Leben. "In den Reibungen des Kriegs kommt es unvermeidlich zu solchen gelegentlichen Fällen", sagte am Montag der britische Militärsprecher Chris Vernon.
  • Australiens Regierungschef John Howard befürchtet einen langen und blutigen Kampf um die irakische Hauptstadt Bagdad. "Ein Häuserkampf in Bagdad könnte einen hohen Preis fordern. Wie hoch der Preis genau ist und was davor kommt, darüber will ich nicht spekulieren", sagte Howard am Montag im australischen Fernsehen. Australien beteiligt sich mit rund 2000 Soldaten am Irak-Krieg.
  • In Großbritannien fiel nach einer Umfrage erstmals seit Beginn der Offensive am 20. März die Unterstützung der Bevölkerung für den Krieg. 54 Prozent der Befragten erklärten, die Militäraktion sei richtig. Vier Tage zuvor waren dies noch 59 Prozent. Hatten am 23. März noch 20 Prozent erklärt, der Krieg verlaufe "sehr gut", waren dies in der jüngsten Umfrage nur noch acht Prozent.
  • Die irakische Regierung korrigierte nach CNN-Angaben ihre Angaben über die Zahl der Toten und Verletzten des Krieges erheblich nach unten. Bislang seien 357 Zivilisten getötet und 3.650 verletzt worden, hieß es. Noch am Freitag hatten die Behörden die Zahl der Toten mit 580 und die der Verletzten mit 4.500 angegeben. Ferner hieß es, irakische Truppen hätten mehr als 40 alliierte Soldaten getötet, 13 Panzer und vier Helikopter zerstört.
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