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04. Juni 2008, 13:07 Uhr

Vorwahl-Finale bei US-Demokraten

Clinton pokert um Posten und Macht

Von , New York

Noch weigert sich Hillary Clinton, ihre Niederlage im US-Vorwahlkampf offiziell anzuerkennen, denn sie will sich eine Machtposition im Dunstkreis Barack Obamas sichern - womöglich sogar die Vizepräsidentschaft. Der Sieger könnte am Ende keine andere Wahl haben.

New York - Sie will einfach nicht aus dem Rampenlicht treten. Selbst am Ende, als alles gesagt ist, keine Stimmen mehr zu holen sind und ihr Rivale den Sieg proklamiert hat, selbst dann weigert sie sich, das Feld zu räumen.

Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Nie zuvor ist Hillary Clinton nach einer Rede so lange in der Halle zurückgeblieben, um Hände zu schütteln, Autogramme zu geben und für die Handy-Kameras zu posieren.

Eine geschlagene Stunde stürzt sie sich in die Menge, umarmt jede einzelne Person, als stünden sie für alle fast 18 Millionen, die in den letzten fünf Monaten für sie gestimmt haben. Greift nach Schultern, Fingern, Gesichtern, verteilt Küsschen, hört sich geduldig Geschichten an, signiert Plakate, Bücher, Fotos. "Ich liebe dich, du bist meine Heldin", flüstert ihr ein weißhaariger Mann zu, Tränen in den Augen, und fasst sie fest. "Danke, danke", antwortet Clinton, selbst mit wässrigem Blick.

Am Dienstagabend, in einer bedrückend nüchternen Sporthalle des Baruch Colleges auf Manhattans East Side: Es ist eine anrührende und zugleich deprimierende Szene, mit der Clintons Vorwahlkampf endet. Bezeichnend vor allem auch dafür, was nun als nächstes kommt - für Clinton und den designierten Kandidaten der Demokraten, Barack Obama.

Denn sie gönnt ihm seinen historischen Sieg noch immer nicht, verwehrt ihm den vollen Triumph, indem sie diesen stoisch einfach nicht anerkennt, obwohl die Zahlen nun ein für allemal gegen sie sprechen. "Denver! Denver! Denver!", skandiert das Publikum wie besessen - eine Aufforderung, den Kampf bis zum Wahlparteitag im August weiterzutragen, so aussichtslos, absurd, schädlich das auch wäre.

Diese irrwitzige Idee verfolgt im Clinton-Lager zwar längst keiner mehr. Doch lassen sie die Leute hemmungslos brüllen, um so ihre eigene Agenda zu pushen - einen Ehrenplatz Clintons in der künftigen Machtkonstellation um Barack Obama. Als Vizekandidatin, als Top-Beraterin, was auch immer. Und dabei machen sich wütende Anhänger als Argument nun mal gut.

Es ist ein riskantes Spiel, das Clinton an diesem Abend bei ihrem letzten Vorwahlauftritt beginnt, als eigentlich ein "Farewell" erwartet war. Es ist ein Pokerspiel um Posten und Power, das ab sofort hinter den Kulissen beider Camps ausgetragen wird. Es geht um die Zukunft der angeschlagenen Marke Clinton.

Obama wird keine Ruhe haben, bis Clinton Ruhe gibt. Er will, so ist zu hören, eigentlich so wenig wie möglich mit ihr (oder ihrem Gatten Bill) zu tun haben, auch wenn er sie in seiner Siegesrede über den grünen Klee lobt. Doch wird ihm keine andere Wahl bleiben. Millionen verbitterte Clinton-Jünger lassen sich nicht so wegwünschen. Vor allem nicht im November.

Und das weiß Clinton am besten. "Ich will, dass die fast 18 Millionen Menschen, die mich gewählt haben, respektiert werden!", ruft sie. Ein klassischer Schachzug: Ich habe eine Armee hinter mir - um mich kommst du nicht herum. "Die Frage ist, wohin gehen wir von hier aus? Heute Abend werde ich keine Entscheidungen treffen." Stattdessen werde sie sich die "nächsten Tage" Zeit zum Nachdenken nehmen. Der Saal explodiert im Jubeltaumel.

Das wollen sie hören: keine Abschiedsrede, sondern eine flammende Wahlkampfrede, voller "Fleisch", Appelle, Versprechungen - eine Rede, die Clinton vor ein paar Monaten noch gut getan hätte und deren Tenor klar erkennen lässt, wie es nun weitergeht. "Ich verstehe, dass sich viele Leute fragen: Was will Hillary Clinton?" Ihre Miene verzieht sich zum kecken Schmunzeln, als fordere sie Obama heraus, mitzuraten.

Was Clinton wirklich will, das hat sie Stunden zuvor unzweifelhaft demonstriert. Da hielt sie Kriegsrat mit den engsten Beratern, daheim in Chappaqua, wo sie im Januar 2007 ihren langen, historischen Weg begonnen hatte - mit diesem weichgezeichneten Web-Video auf der Pastellcouch: "Lasst uns einen Dialog beginnen über eure Ideen und meine."

Selbst in der Niederlage beherrschen die Clintons das Drama

Es kam anders, und so rief Clinton die New Yorker Kongressfreunde am Dienstagnachmittag - als ihre Niederlage absehbar wurde - zum telefonischen Pow-Wow. Die Abgeordnete Nydia Velásquez fragte sie, ob sie denn als Vizekandidatin in Frage käme. "Sie sagte, dass sie annehmen würde, wenn es ihr angeboten würde", sagte Velásquez anschließend, und auch die Kollegin Carolyn McCarthy sekundierte: "Sie würde auf jeden Fall akzeptieren."

Und damit stiehlt Clinton Obama schon die Show, noch bevor der seinen Sieg erklären kann. Denn an diesem Sieg zweifelt ja keiner mehr, er ist fast schon "old news" - weshalb sich auf einmal alle nur noch über die Vizefrage die Köpfe heiß reden (oder, wie es Tim Russert im Kabelsender MSNBC nennt, "das Problem Clinton"). Die Clintons waren immer schon Meister des Spins - auch diesmal: Selbst in der Niederlage beherrschen sie das Drama weiter.

"Die Obama-Leute müssen einsehen, wie wichtig sie ist"

Und was für ein Drama, das sich bis zum Schluss weiter hochschaukelt: Clinton werde am Abend abdanken, meldet AP. "Zu 100 Prozent falsch", dementiert Wahlkampfchef Terry McAuliffe. Vor allem Bill Clinton, berichtet Watergate-Legende Carl Bernstein, wolle nicht. CNN-Kommentator Jeffrey Toobin mokiert sich offen über diesen "gestörten Narzissmus".

Im Saal herrscht trotzdem zunächst spürbare Wehmut. Clintons Fans werden tief ins zweite Untergeschoss des Colleges bugsiert, in eine fensterlose Sporthalle, in der es keinen Handy-Empfang gibt. In ihrer Not stürzen sich die Leute auf die Bar: Amstel, Heineken, Merlot, Pinot Grigio, fünf Dollar pro Plastikbecher.

Ein letztes Mal wird das Sternenbanner hinter dem Rednerpult gehisst, ein letztes Mal das Licht justiert. Wahlhelfer umarmen einander, sagen Goodbye, melden Zukunftspläne ("Ich habe ein Praktikum") - und meiden den Blickkontakt mit den Hunderten Journalisten.

Viele Honoratioren sind da, Top-Spender, Fundraiser, Aktivisten. "Wir müssen wieder zusammenfinden", beschwört die Abgeordnete Maloney (die Clinton nun zur Vizekandidatur drängt) die Einheit der Partei nach den bitteren Vorwahlen. Die Differenzen zwischen Clinton und Obama seien nichts im Vergleich zu den Spannungen, die John McCain in seiner Partei aushalten müsse. "Wir müssen geeint vorangehen."

Doch all das Gerede von Abschied und Einheit und gemeinsamer Zukunft ertrinkt im steigenden Alkoholpegel - während immer lauter bockiger Trotz zu hören ist. "Dies wird kein Begräbnis", schwört die schwarze Kongressabgeordnete Sheila Jackson-Lee, Clintons Vize-Wahlkampfvorsitzende.

Clinton-Freund Lanny Davis rennt herum und zeigt jedem auf seinem Blackberry, dass er eine Petition gestartet habe, um Clinton zur Vizekandidatin zu befördern. "Die Obama-Leute müssen einsehen, wie wichtig sie ist."

"Der nächste Schritt ist Hillarys Entscheidung, nicht Obamas", proklamiert auch Society-Lady Lynn Forester de Rothschild. Die Gattin des britischen Bankiers Sir Evelyn de Rothschild ist eine der aktivsten Förderinnen der Clintons - und eine von 311 "Hillraisers": Spendensammler, die mindestens 100.000 Dollar zusammengetrommelt haben und die Clinton persönlich hergebeten hat.

Lady de Rothschild hat eine klare Vorstellung, wie es nun bitteschön weitergehen soll. "Wenn Obama nicht auf sie zukommt und sagt: Ohne dich schaffe ich es nicht", weiß sie, "dann wird das nichts. Sie ist eine Heldin und muss als solche behandelt werden. Sonst kämpfen wir einfach weiter. Wir, die alten, weißen Frauen."

Um 21 Uhr erklärt CNN Obama zum Kandidaten. Im Saal bekommt dies keiner mit - anders als sonst wurden absichtlich keine Bildschirme und Beamer aufgebaut. Stattdessen plärrt ein Oldie aus den Lautsprechern: "Still The One."

Das Wort Sieg oder Niederlage nimmt sie nicht in den Mund

Das ungebrochene Anspruchsdenken offenbart sich spätestens auch dann, als Terry McAuliffe auf die Bühne springt. Mit einem Satz verdeutlicht er, wie schwer es allen fällt, die Niederlage zu akzeptieren, den Realitäten zum Trotz: "Seid ihr bereit für die nächste Präsidentin der Vereinigten Staaten, Senatorin Hillary Clinton?", brüllt er heiser.

Willkommen im Phantasieland des ewigen Wahlkampfs.

Ein weiterer Oldie begrüßt Clinton, die alte Motown-Hymne des Durchhaltewillens: "Ain't No Mountain High Enough." Als erstes würdigt sie den Rivalen und seine Anhänger "für all das, was sie erreicht haben". Das Wort Sieg oder Niederlage aber nimmt sie nicht in den Mund, und im Vergleich zu Obamas verbaler Verbeugung fällt ihre bescheiden aus.

Stattdessen präsentiert sie sich erneut als "stärkste Kandidatin und stärkster Präsident". Als einzige, die im November die wahlentscheidenden Swing States" gewinnen könnte. Diese Worte sind ebenso an Obama gerichtet wie an Clintons Weggefährten. "Wenn ich Obama wäre und diese Rede gehört hätte", sagt die Polit-Analystin Gloria Borger später, "dann wäre ich nicht besonders glücklich."

Und immer wieder unterbrechen die Leute Clinton. Als wollten sie sie nicht loslassen. "Hillary!" - "Thank you!" - "Wir lieben dich!" - "Wir brauchen dich!" Auch sie mag nicht loslassen: Am Schluss, als sie bereits Hunderte Hände geschüttelt hat und die meisten ihrer Anhänger gegangen sind, dreht sie sich auf dem Weg nach draußen noch einmal um und greift sich die letzten, die noch ausharren. Damit keiner zu kurz kommt.

Erst dann zieht sie ein Secret-Service-Beamter vorsichtig, aber bestimmt hinter den Vorhang.

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