Vorwahl-Marathon Demokraten ersehnen Ende der Obama-Clinton-Schlacht

Sie kämpft bis zur letzten Minute: Hillary Clinton muss in Texas und Ohio gewinnen - nach elf Siegen des Rivalen Obama in Folge. Führende US-Demokraten hoffen, dass der Machtkampf jetzt endlich entschieden wird.

Aus Austin, Texas, berichtet


Austin - Bill Richardson brachte auf den Punkt, was viele Demokraten in diesen Tagen denken. Das Gezänk zwischen Clinton und Obama dauere zu lange, sagte der Gouverneur von New Mexico, der als möglicher Vizepräsidentschaftskandidat gilt. Der Dienstag solle zum Tag der Entscheidung werden: "Wer auch immer danach die meisten Delegiertenstimmen, eine klare Mehrheit, hat, sollte der Präsidentschaftskandidat werden", sagte Richardson am Wochenende dem Fernsehsender CBS. Dieser Dienstag sei Clintons "D-Day".

Ähnlich äußerte sich sogar Bill Clinton. Seine Frau müsse mindestens in Ohio und Texas siegen, um weiter im Rennen zu bleiben, sagte er. Der Druck ist groß.

Und die Stimmung in der Partei ist immer deutlicher: Die Obama-Clinton-Schlacht muss jetzt rasch beendet werden - sonst geraten die Demokraten in arge Probleme gegenüber den Republikanern, die schon seit Wochen mit ihrem designierten Kandidaten John McCain geschlossen Wahlkampf machen können.

Zerstrittene Demokraten gegen vereinte Republikaner: Das wäre der Horror. Hillary Clinton selbst dagegen betont hartnäckig, ein harter Vorwahlkampf sei der Partei nicht abträglich.

"Ich habe so viel Energie!"

Und so spielt sie zum Abschluss der brutalsten Wahlkampfrunde in Texas noch einmal ihren größten Trumpf aus: Im Dialog mit Anhängern präsentiert sie Programm und Erfahrung. So spricht keine, die aufgegeben hat: "Dieser Wahlkampf macht so viel Spaß!", ruft Hillary Clinton. "Ich habe so viel Energie!" Ihre Stimme und ihr Gesicht strafen sie Lügen: Sie klingt heiser, und unter ihrem Make-up liegen tiefe Furchen der Erschöpfung. Doch ihre Augen funkeln ungetrübt. Und sie streckt die Arme aus, als wolle sie ihr Publikum umarmen, wolle es einzeln zur Wahl ziehen.

Gestern Abend, im Konferenzzentrum der texanischen Hauptstadt Austin. Der Saal ist in ein intimes TV-Studio verwandelt worden. Clinton steht auf einer Bühne, umringt von Kameras und Zuschauertribünen, wie bei Oprah Winfrey. Serienstar Eva Longoria ("Desperate Housewives") spielt Moderatorin. Die Zuschauer, ausnahmslos Clinton-Fans, spielen Stichwortgeber für die Kandidatin.

Es ist Clintons letzter Appell an die Wähler von Texas, bevor die heute ihre Stimme abgeben und über ihr Schicksal entscheiden. Wenn sie in Texas und Ohio verliert, ist es vorbei. Munkeln zumindest die Partei-Insider.

Um das abzuwenden, versucht Clinton den gleichen Trick wie am Super Tuesday: Sie veranstaltet eine "Town Hall", eine TV-Bürgerrunde - ein halb inszenierter, halb improvisierter Frage-und-Antwort-Drill, live in 9,5 Millionen Haushalte im ganzen Staate Texas ausgestrahlt, der sich sonst kaum so flächendeckend erreichen ließe.

Clinton kommt ohne Teleprompter und Spickzettel

Nach all den Attacken wirkt sie locker, fast befreit. Scheint sich in ihrer Haut wohl zu fühlen, zum ersten Mal seit Wochen, als wäre eine Last von ihr abgefallen. Sie kommt ohne Teleprompter, ohne Spickzettel, lässt ihre Standardrede sausen und spricht frei. Mit sanfter Stimme - und ohne ein einziges Wort über ihren Rivalen Barack Obama zu verlieren. "Ich kann euch auch etwas vorsingen und vortanzen", juxt sie. "Aber dann wäre das hier schnell zu Ende." Und von schnellem Ende will hier keiner wissen.

Hillary Clinton, unplugged. Es ist ihre größte Stärke, und zum Finale dieser bisher brutalsten Wahlkampfrunde spielt sie ihren Trumpf noch einmal aus. Zugegeben: Die Fragen sind watteweich, sie kommen von Veteranen, Krankenschwestern und Lehrerinnen, und fast alle beginnen mit Lobeshymnen. "Es ist mir eine Freude", gurrt Clinton an einer Stelle sichtlich angetan.

Dabei ist es ein erbarmungsloser Tag gewesen, an dem die Vorwürfe nur so hin- und hergeflogen sind. An dem sich die Kandidaten mit Pressekonferenzen, TV-Spots und E-Mails bekriegten, in einem Fernduell, das in Ohio begann und nun in Texas endet. Clinton in der Offensive, Obama in der Defensive - und doch schien es irgendwie beide mitzunehmen.

Und als schließlich alles gesagt und getan war und die gesamte Wahlkampf-Munition verschossen ist, da steht Clinton nun also ermüdet und erleichtert zugleich hier in Austin, und alle rätseln: Was nun? Allen voran - sie selbst.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.