Vorwahlauftakt in Iowa Tyrannei der Wenigen

Die USA wählen 2012 ihren Präsidenten, und auf den langen Prozess der Vorwahlen ist das Land mächtig stolz. Dabei gilt ausgerechnet das winzige Iowa als Orakel, wer sich Hoffnungen machen darf - ein repräsentatives Bild von Amerika sieht anders aus.

AFP

Ein Kommentar von , Des Moines


Das Verfahren klingt nach einem Musterbeispiel direkter Demokratie: Nicht exklusive Parteigremien küren den Präsidentschaftskandidaten, sondern die Bürger der fünfzig Bundesstaaten. Die Herausforderer müssen durch die harte Bewährungsprobe der Vorwahlen. Wer die meisten Staaten und die meisten Wähler auf seiner Seite hat, darf den amtierenden Präsidenten herausfordern.

So weit die Theorie. In der Wirklichkeit geht es allerdings nicht um eine Befragung der Nation. Wer als Kandidat bestehen will, muss vor allem in den ersten beiden Staaten gut aussehen, die auf dem Wahlkalender stehen. Bekanntlich wird aber nicht in bevölkerungsreichen Staaten wie New York oder Kalifornien zuerst abgestimmt, sondern in Iowa und New Hampshire.

Bei der letzten Republikaner-Vorwahl gaben 119.000 Menschen in Iowa ihre Stimme ab, das sind etwa 0,05 Prozent der US-Bevölkerung. 91 Prozent der Einwohner von Iowa sind weiß, in New Hampshire sind es sogar 94 Prozent.

Ein repräsentatives Bild von Amerika sieht anders aus.

Wähler in Iowa sind erzkonservativ

Kein Wunder, dass in Iowa andere Themen wichtig sind als an den Brennpunkten der amerikanischen Wirtschaftskrise. Die Lage am Arbeitsmarkt - das beherrschende Thema in der US-Öffentlichkeit - hat in Iowa keineswegs die Debatten bestimmt, der Wirtschaft dort geht es vergleichsweise gut. Dafür blieb viel Zeit für Diskussionen über Religion und um Familie, über Schwule und Einwanderer oder Beihilfen für Landwirte. Die Vorwähler des Mini-Staats sind eher konservativ, seine Bauern haben einen großen Einfluss auf die Politik.

Bei ihnen spielt keine große Rolle, was die Nation wirklich bedrückt. Dass Amerika mittlerweile mehr Aufseher und Beamte in Gefängnissen beschäftigt als Arbeiter in der Autoindustrie und in internationalen Umfragen zu Wettbewerbsfähigkeit und Innovation weit hinten landet - in Iowa nur ein Randaspekt.

Warum also Iowa?

Das System der Vorwahlen ist noch gar nicht so alt, in seiner jetzigen Form ist es erst in den siebziger Jahren entstanden. Die Idee war ursprünglich, die Macht der Parteibosse zu brechen, die bis dahin hinter verschlossenen Türen ausgekungelt hatten, wer Präsidentschaftskandidat wird. Iowa und New Hampshire wurden mit einem Schlag wichtig, als zuvor unbekannte Kandidaten wie George McGovern und Jimmy Carter dort ihren Durchbruch schafften. Prompt ließen es sich die beiden kleinen Bundesstaaten per Verordnung garantieren, dass die fortan immer als Erste wählen durften - und so den Trend für die folgenden Abstimmungen vorgeben konnten.

Die doppelte Legende von der direkten Demokratie

Hartnäckig halten sich vor allem zwei Gerüchte, warum es auf die Winzlinge ankommt im großen Nationaltheater der Vorwahlen. Zum einen gelten sie als Musterbeispiele der direkten Demokratie. Die Kandidaten stellen sich noch auf den kleinsten Bühnen den bohrenden Fragen der Bürger. Nirgendwo, so die moderne Legende von der Gerechtigkeit der Vorwahlen, müssten die Bewerber ihr wahres Ich enthüllen wie in Iowa.

Tatsächlich tobt der Kampf um die Wähler auch in Iowa vor allem im Fernsehen. Erst seine Bildschirm-Präsenz verhalf Newt Gingrich zum Umfragen-Comeback im Land der Bauern, ohne sich selbst zu oft in diesen Bundesstaat bemüht zu haben.

Womit auch gleich die nächste Gewissheit als Märchen überführt ist, dass direkte Demokratie im Prinzip ohne großen Aufwand auskommt, weil die Bewerber wirklich noch zu Fuß von Haus zu Haus pilgern. Wer in Iowa siegen will, braucht viel Geld für Werbespots, und die sind teuer. Die Republikaner haben dieses Jahr allein im Dezember zehn Millionen Dollar für Werbespots in Iowa ausgegeben, die Demokraten Barack Obama und Hillary Clinton waren 2008 sogar noch spendabler.

Aber es steht auch viel auf dem Spiel. Wer in Iowa und New Hampshire gewinnt, hat zwar noch keine Garantie auf den Gesamtsieg und die Nominierung als Präsidentschaftskandidat. Doch wer bei den Wählern gleich in den ersten beiden Durchgängen patzt und klar verliert, hat keine Chance mehr auf das höchste Amt.

Es ist die Tyrannei der Wenigen über die Vielen: ein paar Auserwählte auf dem platten Land bestimmen den Trend der Vorwahlen - und entscheiden das Schicksal der Nation.

Kalifornien, mit knapp 38 Millionen Einwohnern der bevölkerungsreichste US-Bundesstaat, stimmt erst am 5. Juni ab. Dann ist der republikanische Präsidentschaftskandidat höchstwahrscheinlich längst gekürt.



insgesamt 63 Beiträge
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Seite 1
Gebetsmühle 03.01.2012
1. demokratie kann man lernen
Zitat von sysopDie USA wählen 2012 ihren Präsidenten, und auf den langen Prozess der Vorwahlen ist das Land mächtig stolz. Dabei*gilt ausgerechnet das winzige Iowa als Orakel, wer sich Hoffnungen machen darf*- ein repräsentatives Bild von Amerika sieht anders aus. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,806643,00.html
das prinzip von demokratie beruht darauf, dass alle zur gleichen zeit aus den angetretenen kandidaten in freier und geheimer wahl abstimmen und niemand vorher weiß, wie die andren abgestimmt haben. aber was intressiert die amerikaner schon demokratie? ein land, in dem über den regierungschef, oder auch nur den kandidaten zu unterschiedlichen zeiten abgestimmt wird und das ergebnis auch noch veröffentlicht wird, kann NIEMALS demokratisch sein. das ist auch der grund, warum bei uns erst nach schließung der wahllokale um 18 uhr ein trend veröffentlicht werden darf. und das ist gut so!
grover01 03.01.2012
2. Besser als bei uns
Zitat von sysopDie USA wählen 2012 ihren Präsidenten, und auf den langen Prozess der Vorwahlen ist das Land mächtig stolz. Dabei*gilt ausgerechnet das winzige Iowa als Orakel, wer sich Hoffnungen machen darf*- ein repräsentatives Bild von Amerika sieht anders aus. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,806643,00.html
Sicher ist das System nicht perfekt. Aber demokratischer als bei uns, wo die Kandidaten von Parteibossen (und deren unsichtbaren Sponsoren) ausgeklüngelt werden, ist es allemal.
wtf?! 03.01.2012
3. ???
Wie kommt Gregor Peter Schmitz bloss darauf, dass Iowa "winzig" bzw ein "Mini-Staat" sei? Nach Flaeche 26., nach Bewohnern 30. in den USA. Gut 2. Haelfte in beiden, aber dann sind Delaware, Rhode Island etc wahrscheinlich nicht mal Staaten... Lieber Gregor, wenn Sie wirklich gerade in Des Moines sind, dann sollten Sie wenigstens mal den Wikipedia-Eintrag ueber Iowa lesen, um sich ein wenig ueber Ihre Gastgeber zu informieren.
bn 03.01.2012
4. Lieber SPON: Falsche Zahlen
---Zitat--- Bei der letzten Republikaner-Vorwahl gaben 119.000 Menschen in Iowa ihre Stimme ab, das sind etwa 0,005 Prozent der US-Bevölkerung. ---Zitatende--- Die USA haben etwa 311 Millionen Einwohner. 119000 von 311 Millionen sind etwa 0,04 Prozent. Sind ihre anderen Prozentangaben ebenfalls um eine Zehnerpotenz falsch?
gnoib 03.01.2012
5. Noe
Im Gegensatz Iowa ist kein Orakel, relative bedeutungslos, weder Bush noch McCain haben Iowa gewonnen. Auch anderen Republikanischen Praesidenten oder Praesidentschafts Kandidaten haben Iowa nicht gewonnen. Man kan schon sagen wer in Iowa verliert endet als der Kandidat ab.
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