Vorwahlen in Florida und Michigan Clinton kämpft um die Phantom-Stimmen

Bizarres Hickhack bei den US-Demokraten: Die Vorwahlen in Florida und Michigan, eigentlich für ungültig erklärt, könnten nun doch gezählt oder wiederholt werden. Für Hillary Clinton wäre das eine große Chance - denn so könnte sie Barack Obama wieder überholen.

Von , New York


New York - Es war eine Wahlparty für eine Abstimmung, die nicht zählte: Am Abend der Vorwahl von Florida mietete Hillary Clinton Ende Januar kurzfristig einen Bankettsaal in der Nähe von Fort Lauderdale, um sich als "Siegerin" feiern zu lassen. "Meine Güte, danke schön!", rief sie vor rund tausend jubelnden Anhängern, die schnell per E-Mail und Rundruf einbestellt worden waren. "Ich bin begeistert über dieses Vertrauensvotum."

Leider war dieses Votum nichts wert. Denn die Parteispitze hatte die Florida-Vorwahl bereits vorab längst für null und nichtig erklärt - als Strafe dafür, dass der "Sunshine State" seinen Wahltermin eigenmächtig auf Januar vorverlegt und so gegen ein Verbot von oben verstoßen hatte. Floridas Delegierte wurden vom Wahlparteitag in August ausgeschlossen. Ebenso wurde auch der Staat Michigan gemaßregelt, der zwei Wochen zuvor trotzig eine ähnliche Phantom-Vorwahl veranstaltet hatte.

Wahlkämpferin Clinton: Hoffen auf den rechnerischen Vorsprung
AFP

Wahlkämpferin Clinton: Hoffen auf den rechnerischen Vorsprung

Doch jetzt sollen die Phantome plötzlich zum Leben erweckt werden. Sowohl Clinton wie nun auch ihr Rivale Barack Obama wollen beiden Bundesstaaten doch noch ein Mitspracherecht geben - notfalls durch Neuwahlen. Die kuriose Debatte, für die meisten Amerikaner kaum nachvollziehbar, gehört mit zum Sonderbarsten, was dieser Wahlkampf bisher zu bieten hatte.

Denn auf einmal sind die Geisterstimmen von Florida und Michigan lebenswichtig. Ganz gleich, wie die restlichen Vorwahlen nun ausgehen: Clinton kann Obama rein rechnerisch kaum mehr einholen - aber auch Obama dürfte am Ende nicht über die notwendige Delegiertenmehrheit verfügen, um sich die Parteitagsnominierung klar zu sichern.

Es sei denn eben, man zählt die insgesamt 313 abgestraften Delegierten von Florida (185) und Michigan (128) doch noch irgendwie mit: Sie könnten zum Zünglein an der Waage werden. Oder zumindest einen Kandidaten so weit nach vorne tragen, dass die Super-Delegierten - jene Parteihonoratioren, die die allerletzte Entscheidung treffen - ihm oder ihr dann den Segen geben.

So ist der Streit um Florida und Michigan, der seit Januar leise schmort, übers Wochenende voll entbrannt. "Ihre Stimmen müssen mitgezählt werden", forderte Clinton in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin "U.S. News & World Report", unter Verweis auf die mehr als zwei Millionen Demokraten in beiden Staaten, die unbeirrt in die Wahllokale geströmt waren.

Klar: Clinton "gewann" beide nominalen Vorwahlen (mit 49,7 Prozent in Florida, mit 55,3 Prozent in Michigan) - obwohl oder vielleicht auch gerade weil keiner der Kandidaten dort Wahlkampf gemacht hatte und Obamas Name in Michigan nicht mal auf dem Wahlzettel stand. Kein Wunder also, dass sie die nachträgliche Anrechnung der Ergebnisse einklagt. Obama dagegen, der sich anfangs verständlicherweise dagegen sperrte, würde sich inzwischen auf Neuwahlen einlassen - aber möglichst in Form von Caucuses (Bürgerversammlungen), bei denen er in der Regel besser abschneidet.

Ausgerechnet Florida

Das Debakel begann bereits im Mai 2007, als das Landesparlament von Florida einstimmig das "Gesetz Nummer 537" verabschiedete. Das schrieb vor, dass Florida künftig wieder mit Wahlzetteln wählen solle statt mit Computern. Ganz nebenbei verlegte das Gesetz auch den Termin der Vorwahl von Mai auf 29. Januar.

Damit wollte Florida gegen die traditionelle Machtposition der frühen Vorwahlstaaten Iowa und New Hampshire protestieren. Die Parteispitze missbilligte das aber und drohte Florida im August mit dem Strafentzug seiner Stimmen auf dem Parteitag. Florida blieb unbekümmert, und kurz darauf verlegte auch Michigan seinen Vorwahltermin. Die Republikaner straften Florida und Michigan übrigens ebenfalls ab, aber in milderer Form - sie halbierte die Zahl der Parteitagsdelegierten beider Staaten.

Die drastische Maßnahme der Demokraten-Führung schien seinerzeit nebensächlich. Damals Zeitpunkt erwartete niemand, dass sich das Vorwahl-Drama so lange hinziehen und später überhaupt noch jemand nach Florida und Michigan fragen würde. Die Tragweite des Streits wurde von allen Seiten unterschätzt - von der Partei, die Millionen Basiswähler aussperrte, und von den Staaten, die das Wort der Partei ignorierten.

Auch alle Kandidaten billigten die Strafaktion, indem sie freiwillig auf jeglichen Wahlkampf in Florida und Michigan verzichteten. Als die anfangs favorisierte Clinton dann aber merkte, dass sich Obama nicht aus dem Rennen werfen ließ, begann sie, öffentlich Siege in beiden Staaten für sich zu reklamieren.

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