Vorwahlen in South Carolina Paradies der schmutzigen Tricks

Bei keiner Vorwahl bekämpfen sich die republikanischen Kandidaten so erbittert wie in South Carolina. Mit Halbwahrheiten, Übertreibungen und vermeintlichen Skandalen beschmutzen sie das Ansehen ihrer Konkurrenten - und schrecken auch vor rassistischen Parolen nicht zurück.

Antreten zur TV-Debatte: Die republikanischen Präsidentschaftskandidaten
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Antreten zur TV-Debatte: Die republikanischen Präsidentschaftskandidaten

Aus Charleston, South Carolina, berichtet


Im Confederate Museum von Charleston ist die Zeit stehengeblieben. Bewacht von einer Kanone und zwei freundlichen Ladys sind hier die Reliquien eines Nationaltraumas aufbewahrt: blutige Uniformen, Stiefel, Säbel, Feldbibeln, eine Locke von General Robert E. Lee und natürlich zahllose Südstaatenflaggen - zerschossen, zerfleddert, geflickt.

In South Carolina, könnte man meinen, wird der amerikanische Bürgerkrieg weiter ausgefochten. Briefe in den Vitrinen preisen den "Stolz des Südens", die "Rebellion", "unseren fragilen Sieg" gegen "die Aggression des Nordens". Kaum ein Wort von Sklaverei oder davon, dass der blutige Konflikt mit rund 650.000 Gefallenen bis heute der verlustreichste Krieg in der US-Geschichte ist.

Sorgfältig pflegt der Südstaat sein Image vom ewigen Schlachtfeld. Und so wundert es nicht, dass die Medien, wenn sie alle vier Jahre zur Vorwahl für die Präsidentschaftskandidatur in South Carolina einfallen, gerne in die martialische Rhetorik einfallen: "Bürgerkrieg der Republikaner", betitelte ABC-Korrespondent Michael Falcone seinen Wahlkampfbericht am Freitag.

Pinke Flugblätter als Geheimwaffe

In der Tat kämpften die verbliebenen vier Republikaner - Mitt Romney, Newt Gingrich, Ron Paul und Rick Santorum - beim Countdown zur ersten Südstaaten-Vorwahl an diesem Samstag mit so harten Bandagen wie nie. Sie wissen, wie wichtig diese Wahl ist: Seit 1980 hat sich der Sieger von South Carolina am Ende stets auch die Nominierung geschnappt.

"Jetzt fließt Blut", sagte Dick Harpootlian, Landeschef der Demokraten, dem TV-Sender MSNBC. Schmutzkampagnen, Intrigen, Gerüchte und andere fiese Tricks - South Carolina ist berüchtigt für seine brutalen Polit-Gefechte. Doch der aktuelle Wahlkampf übertrifft alles bisher Dagewesene.

Da kursierten rosa Flugblätter mit folgender Aufschrift: "Wussten Sie, dass Rick Santorums Ehefrau Karen eine sechsjährige Affäre mit einem Abtreibungsarzt namens Tom Allen hatte? Sie haben sich nur getrennt, weil Karen Kinder wollte - während Tom damit beschäftigt war, Kinder umzubringen." Wahr ist davon nur, dass Santorums Frau in den achtziger Jahren eine Beziehung zu eben jenem Arzt hatte - allerdings lange, bevor sie Santorum kennenlernte.

Gefälschte E-Mails von CNN

Mindestens genauso perfide: gefälschte E-Mails, abgeschickt scheinbar von CNN, in denen bestätigt wurde, dass Gingrich seine Ex-Frau Marianne vor einigen Jahren zur Abtreibung gezwungen habe. Die wiederum legte in einem TV-Interview am Donnerstag unschöne Details ihrer Scheidung von Gingrich offen.

Die Akteure bejammerten die Schlammschlacht - und fachten das Feuer zugleich an. "Die Wahl ist zur Reality-Show verkommen", klagte Katon Dawson, der frühere Republikanerchef von South Carolina. Er sagte das am Donnerstag, während sein Schützling, der texanische Gouverneur Rick Perry, seinen Ausstieg verkündete. Perry war bis dahin einer derjenigen gewesen, die das Gemetzel am heftigsten betrieben hatten. "South Carolina befindet sich im Krieg!", hatte er bei einer TV-Debatte gerufen. Unter Jubel des Publikums.

Während die Kandidaten selbst noch am Freitag bei ihren Auftritten in Baumschulen (Romney), Kinderkrankenhäusern (Gingrich), Flughäfen (Ron Paul) und Fischküchen (Santorum) die netten Onkels mimten, bombardierten sie die TV-Zuschauer daheim mit einem Sperrfeuer aus halbwahren und rufschädigenden Wahlspots.

Millionen von Dollar für Schmuddel-Spots

Das Abendprogramm wurde am Freitag mit unseriösen Tiraden geradezu überschwemmt. Mehr als zwölf Millionen Dollar wurden investiert - fast doppelt so viel wie im Wahlkampf 2008, als die Republikaner hier Spots für 6,9 Millionen Dollar schalteten.

Eine besondere Rolle spielen dabei die sogenannten Super-PACs, Interessengruppen, die ihre Kandidaten vollkommen autark unterstützen - und dabei oft viel tiefer unter die Gürtellinie gehen, als es sich die Kandidaten trauen würden. Zwar betonen die fast unisono, dass sie auf die geschmacklosen Spots der Super-PACs keinen Einfluss hätten - in ihr Kalkül passen sie aber trotzdem.

Mitt Romney zum Beispiel steckte 1,8 Millionen Dollar in seine TV-Werbung für South Carolina. Hinzu kamen zwei Millionen von seinem Super-PAC "Restore Our Future", der sich zwar nicht mit ihm koordinieren darf, dafür aber um so unfairer keilte.

Super-PACs für die Drecksarbeit

Die Arbeitsteilung ist einfach: In seinen eigenen Spots beschimpfte Romney Barack Obama als sozialistischen Buhmann. Die Drecksarbeit aber überließ er dem Super-PAC, der gegen seine republikanischen Parteirivalen ätzte - vor allem gegen Gingrich, der in letzten Umfragen die Führung übernommen hat.

Der verfuhr nach dem gleichen Muster und behauptete in seinen Spots, Obama habe mehr Menschen "auf Essensmarken gesetzt" als sonst ein Präsident. Eine Lüge: Dieser Rekord gebührt Vorgänger George W. Bush. Doch so etwas zieht in South Carolina - und hat rassistische Untertöne: In den TV-Debatten unterstellte Gingrich immer wieder, die meisten Bezieher von Essensmarken seien Schwarze. In Wahrheit sind nur 26 Prozent der Bezieher Schwarze, 49 Prozent Weiße, 20 Prozent Latinos, der Rest andere Bevölkerungsgruppen.

Doch auch Gingrich hat einen Super-PAC fürs Gröbste. Der von der Interessengruppe "Winning Our Future" produzierte Mini-Film "King of Bain" machte schon in New Hampshire Furore: Er porträtiert Romney als eiskalten Arbeitsplatzvernichter - mit wohl teils gefälschten Zitaten. Gingrich hingegen, so verkündete ein weiterer Spot, habe "elf Millionen neue Jobs" geschaffen - eine unhaltbare Behauptung.

Stumpf ist Trumpf

Neben den TV-Spots setzten die Kandidaten vor allem auch auf die sogenannten "Robocalls", um ihre schmuddeligen Botschaften unter arglosen Wähler zu bringen: automatische Telefonanrufe, in denen die eigenen Kandidaten gelobt und die anderen schlecht gemacht werden. "Ich werde von Robocalls bombardiert", beklagte sich ein Leser namens Albert Sadowski in einem Leserbrief an "The State", die größte Zeitung von South Carolina. "Ich gehe inzwischen nicht mehr ans Telefon."

Die Tradition solcher Schlammschlachten geht auf Lee Atwater zurück, den berüchtigten Brandstifter für Ronald Reagan und George Bush. Atwater perfektionierte die "Southern Strategy" der Republikaner, die auf latenten Rassismus setzt, um die Demokraten zu entmachten.

Im Vorwahlkampf des Jahres 2000 behaupteten Fürsprecher von George W. Bush beispielsweise über dessen Gegner John McCain, er habe eine uneheliche schwarze Tochter, seine Frau Cindy sei drogensüchtig. McCain unterlag Bush mit 42 zu 53 Prozent.

Fake-Weihnachtskarten von Mitt Romney

2008, bei der nächsten umkämpften Nominierung, flatterte prominenten Christlich-Konservativen eine gefälschte Weihnachtskarte der Romneys ins Haus - voller kontroverser Zitate aus dem "Buch Mormon", der Bibel der Mormonen. Romney unterlag Bush (15 zu 33).

Doch nicht bei allen Bürgern stoßen diese brachialen Methoden auf Gegenliebe. "Wir sind nicht alle rechtskonservative Betonköpfe", stellt die 25-jährige Kellnerin Valerie Hammond klar. "South Carolina hat eine lebhafte, aufgeschlossene linke Szene." Um das den kriegslüsternen Kandidaten zu zeigen, fuhren Hammond und ein Dutzend Schwule und Lesben jüngst ans Ufer von Fort Meade, gegenüber dem Hafen von Charleston.

Da stand Santorum unter einer Schnellstraßenbrücke, umringt von Claqueuren und Tony Perkins, dem Chef der rechten Gruppierung Family Research Council. Gemeinsam predigten sie die "konservativen Werte".

Mitten in Santorums Rede stürzten die Kids vor, brüllten Slogans und warfen kichernd mit buntem Glitter um sich. Die "Glitter-Attacke" dauerte keine Minute, dann schritten Cops ein.

Das, dozierte Santorum anschließend mit angewiderter Miene, sei die "hässliche Seite der Politik".

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Pega123 21.01.2012
1. Kleiner Verschreiber...
Zitat von sysopBei keiner Vorwahl bekämpfen sich die republikanischen Kandidaten so erbittert wie in South Carolina. Mit Halbwahrheiten, Übertreibungen und vermeintlichen Skandalen beschmutzen sie das Ansehen ihrer Konkurrenten - und schrecken*auch vor rassistischen Parolen nicht zurück. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,810522,00.html
Aha... lieber Spiegel, also Romney verlor 2008 in der Vorwahl gegen Bush? Welchen Bush? G.W. war da gerade am Ende seiner zweiten Amtszeit. Ich vermute, dass Romney gegen McCain verlor.
Thomasius111 21.01.2012
2. Was für Qualitäten!
Zitat von sysopBei keiner Vorwahl bekämpfen sich die republikanischen Kandidaten so erbittert wie in South Carolina. Mit Halbwahrheiten, Übertreibungen und vermeintlichen Skandalen beschmutzen sie das Ansehen ihrer Konkurrenten - und schrecken*auch vor rassistischen Parolen nicht zurück. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,810522,00.html
Lügen, ausspionieren, Hass verbreiten. Diese Geisteshaltung lässt schlimmes befürchten. Manchmal denke ich, dass die Gegensätze zwischen den Bundesstaaten ( im groben Süd gegen Nord) grösser sind als innerhalb Europas. Ich denke bald, dass eine Teilung in Nord-und Südstaatenrepublik gar keine so schlechte Idee wäre. Für den Norden.
irreal 21.01.2012
3. Wissen Sie eigentlich, dass
Zitat von sysopBei keiner Vorwahl bekämpfen sich die republikanischen Kandidaten so erbittert wie in South Carolina. Mit Halbwahrheiten, Übertreibungen und vermeintlichen Skandalen beschmutzen sie das Ansehen ihrer Konkurrenten - und schrecken*auch vor rassistischen Parolen nicht zurück. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,810522,00.html
mich das überhaupt nicht interessiert, wie in Amerika politische Wahlkämpfe gemacht werden? Mich interessiert was in Deutschland und Europa so passiert an demokratischem Ehrgeiz. US Amerikaner sind doch schon nachweislich davongerannt als es Probleme in Europa gab oder bin ich da geschichtlich fehlinformiert? MFG
schnitti23 21.01.2012
4. Mir wird ganz schwindelig
Mir wird ganz schwindelig, wenn das obige Bild betrachte. Da stehen also 4 Möchtegernkandidaten mit Hand auf dem Herz. Das soll wohl Patriotismus bedeuten. Bis zum Kandidatenstatus ist es aber noch lange hin, und zum Präsidenten ohnehin. In Wirklichkeit war bisher noch jeder US- Präsident lediglich eine Marionette von mächtigen Interessengruppen. Da in den USA gewöhnlich derjenige gewählt wird, der das meiste Geld für seinen Wahlkampf aufbringen kann, muß er natürlich als Präsident seine Schuld begleichen. Im Klartext bedeutet das nicht weniger, als daß das große Geld regiert. Wer hinter dem Geld steht, der zieht die Fäden und an diesen hängt die Spielpuppe. Beweise dafür gibt es genug, man braucht nur den Nahostkonflikt betrachten und die Versprechungen, die nicht eingehalten werden konnten. Diese unwürdige Pseudodemokratie braucht eine Erneuerung von Grund auf, echte demokratische Mitbestimmung.
texas_star 21.01.2012
5. also....
Zitat von sysopBei keiner Vorwahl bekämpfen sich die republikanischen Kandidaten so erbittert wie in South Carolina. Mit Halbwahrheiten, Übertreibungen und vermeintlichen Skandalen beschmutzen sie das Ansehen ihrer Konkurrenten - und schrecken*auch vor rassistischen Parolen nicht zurück. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,810522,00.html
....Romney unterlag SICHER NICHT Bush, da Bush jr. 2008 nach 2 amtsperioden gar nicht mehr zu wahl stand.... tolle recherchearbeit wieder. und dafuer lassen sie den pitzke nach Charleston reisen.
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