Vorwahlkampf US-Waffenlobby mobilisiert gegen Obama

Sie können Wahlen entscheiden, und das wissen sie genau: Auf der Jahrestagung ihres Verbandes haben sich Amerikas Waffennarren massiv in den Wahlkampf eingemischt. Sogar Kandidat McCain ist vielen Mitgliedern zu liberal. Fest steht: Sie verachten Barack Obama.

Aus Louisville, Kentucky, berichtet


Die Gewehre liegen blank geputzt bereit, edle Geräte, 1800 Dollar teuer das linke, 2200 Dollar das rechte. In zehn Meter Abstand prangen die Zielscheiben, fünf Schuss kosten einen Dollar. Aber seit Minuten knallt kein Schuss. Es ist kurz nach zehn Uhr, erst vor einer Stunde hat der Schießstand in Raum B 105 des Kentucky Exposition Center geöffnet. Doch die Ziele müssen bereits ausgetauscht werden, daher Pause. Das Geballere in den ersten 60 Minuten war offenbar zu wild.

John McCain: Jetzt will er Präsident werden, da zählt die Waffenbasis
AP

John McCain: Jetzt will er Präsident werden, da zählt die Waffenbasis

"Es ist halt ein toller Tag zum Schießen", sagt Ted, der die Gewehre am Stand betreut, und grinst. Er entschuldigt sich, dass die Schussanlage nicht so professionell sei wie die seiner normalen Arbeitsstätte. "Ich bin Lehrer an einer Highschool hier in Louisville", berichtet Ted. "Da haben wir einen wirklich erstklassigen Schießstand, Schießen ist einer der populärsten Nachmittagskurse bei den Schülern."

Dann muss der schießfreudige Pädagoge aber schon wieder am Stand helfen. Die Ziele sind gerichtet, und eine ältere Dame mit Lederweste, Hut und viel Nagellack drängt es zum Abzug. "Ich muss mal wieder richtig durchladen", ruft sie vergnügt. Munter ballert die Hutdame drauflos.

Die NRA, glauben viele, kann Wahlen entscheiden

Malones Schießstand ist durchweg gut besucht, beim 137. Jahrestreffen der National Rifle Association (NRA) in Louisville. Rund 70.000 Menschen sind gekommen. Mit etwa vier Millionen Mitgliedern ist die NRA eine der größten Lobbyorganisationen der USA. Gegründet 1871, kurz nach dem US-Bürgerkrieg, als sich Offiziere um die miesen Schießkünste der Truppen sorgten. Seither ist die NRA zur mächtigsten Stimme für das Recht auf Waffenbesitz avanciert - garantiert im zweiten Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung.

Die Organisation, glauben viele Politstrategen, kann Wahlen entscheiden. So wie 2000, als Al Gore wohl auch gegen George W. Bush verlor, weil er in ländlichen Bundesstaaten wie West Virginia oder Ohio als Freund von Waffenbeschränkungen galt.

Dwane, leicht untersetzt, Umhängetasche, ist aus West Virginia angereist. Ein wenig verloren steht er in der gewaltigen Ausstellungshalle, wo sich Stand an Stand Schusswaffen reihen, vom leichten Modell 2 T-L, ("gefertigt für Ihre taktischen Ansprüche") über Patronenmonster, mit denen der Sturm auf Bagdad im Alleingang kein Problem zu sein scheint.

Dwane verharrt vor dem Stand mit dem Plakat "Thin is sexy", dort gibt es kleine Pistolen zum Einstecken. Der Sanitäter wiegt eine der schlanken Waffen, er hat eine ähnliche daheim, seit 20 Jahren nimmt er eine Waffe mit zur Arbeit. Noch nie ist ihm etwas passiert, aber sicher fühlen würde er sich ohne Waffe nicht.

Seinen Kindern hat er früh das Schießen beigebracht. Er macht sich Sorgen, wenn die zur Schule oder zum College müssen. Nicht, weil es dort Waffen gibt. Sondern weil es dort zu wenige Waffen gibt. "Wenn jeder Schüler oder Student bewaffnet sein dürfte, könnten Massaker nicht passieren", sagt er. "Dann würden die Irren gleich gestoppt."

Frontalangriff gegen Obama und Clinton

Solche Sätze fallen immer wieder, von Stand zu Stand, von Rede zu Rede. Mehr noch als um das Recht von Jägern auf ihre Waffe geht es um den Kampf rechtschaffener Bürger gegen hochgerüstete Kriminelle. Die NRA-Seminare in Louisville tragen Titel wie "Weigere dich, ein Opfer zu sein". Wer an ihnen teilnimmt, hört Sätze wie: "Du kannst niemandem trauen. Du musst immer vorbereitet sein, dich zu verteidigen."

Doch es geht am Wochenende nicht nur um das Recht auf Selbstverteidigung. Es geht auch um Freiheit, um uramerikanische Werte. So formulieren es zumindest die NRA-0beren, und daraus leiten sie das Recht ab, jede noch so kleine Beschränkung beim Waffenkauf als Generalangriff zu deuten. "Am Ende ist alles eine Frage der Freiheit", betont Wayne LaPierre, NRA-Cheflobbyist.

Auf dem Bildschirm neben ihm tauchen die vermeintlichen Feinde der Freiheit auf: Ted Kennedy, Hillary Clinton, Barack Obama. In unvorteilhaften Posen, als heckten die Demokraten neue Gemeinheiten gegen lautere Waffenbesitzer aus. "Die werden euch nicht helfen, wenn ihr angegriffen werdet", warnt ein NRA-Redner. "Wir wissen alle, was droht, wenn diese Leute an die Macht kommen", unkt ein anderer.



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