Vorwürfe gegen Israel Zivilisten im Visier

Krankenwagen unter Beschuss, Kinder als menschliche Schutzschilde - gegen die israelische Armee werden neue Vorwürfe laut. Im Gaza-Krieg soll sie sich nach Recherchen des "Guardian" Kriegsverbrechen schuldig gemacht haben. Auch in einem Uno-Report werden schwere Vorwürfe erhoben.

London/Atlanta - Mit vorgehaltener Waffe hätten die Soldaten sie aus dem ihrem Haus geführt. Und dann gezwungen, vor den Panzern der israelischen Armee niederzuknien, berichtet der 14-jährige Al'a al-Attar. Menschliche Schutzschilde sollten er und seine drei Brüder sein, um die Schützen der Hamas davon abzuhalten, die Panzer unter Feuer zu nehmen. Später, bei der Durchsuchung von palästinensischen Häusern, seien sie vorgeschickt worden - "damit eventuelle Kämpfer, die dort im Hinterhalt lauerten, auf uns schossen - und die Kugeln uns trafen und nicht die Soldaten".

Kinder auf den Trümmern einer Moschee und einer Schule in Rafah, die im Januar bei einem israelischen Luftangriff zerstört wurden

Kinder auf den Trümmern einer Moschee und einer Schule in Rafah, die im Januar bei einem israelischen Luftangriff zerstört wurden

Foto: AP

Der Zwischenfall, den der Junge schildert, soll eines von vielen Kriegsverbrechen sein, deren sich die israelische Armee (IDF) nach Recherchen der britischen Tageszeitung "Guardian" schuldig gemacht hat. Die Zeitung ist den Aussagen und Beschwerden von Soldaten der IDF nachgegangen sowie den Berichten von Menschenrechtsorganisationen - und hat einen umfangreichen Bericht über das Verhalten der IDF während der 23-tägigen Operation "Gegossenes Blei" vorgelegt. Die Offensive der Streitkräfte zur Jahreswende kostete 1400 Palästinenser das Leben, darunter waren 300 Kinder.

Es ist einer der schwersten Vorwürfe gegen das israelische Militär: Dass ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung vorgegangen wurde, dass die Soldaten unzureichende Anweisungen hatten, wie sie reagieren sollen, wenn sie auf Zivilisten treffen. "Nur eine Untersuchung im Auftrag des Uno-Sicherheitsrats kann jetzt garantieren, dass Israel dabei auch kooperiert. Nur der Uno-Sicherheitsrat hat die Macht, diese Vergehen zu verfolgen", sagte Donatella Rovera von Amnesty International dem "Guardian". "Ohne eine richtige Untersuchung der Ereignisse gibt es keine Abschreckung - und es bleibt die Botschaft: Solche Verbrechen gehen in Ordnung - es gibt ja keine Konsequenzen."

Zu den Kriegsverbrechen, die der "Guardian" dokumentiert, zählen:

  • Angriffe auf Sanitäter und Krankenwagenfahrer bei der Bergung und Versorgung von Verletzten. Während der Operation "Gegossenes Blei" kamen den Recherchen zufolge 16 von ihnen um. In einem Fall wurden Sanitäter von einem Panzer unter Beschuss genommen, als sie einen Verletzten bergen wollten - mit einem Geschoss, das 8000 Stahlpfeile abfeuert.
  • Angriffe auf Krankenhäuser: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation wurden 27 von 44 Hospitälern im Gaza-Streifen von israelischen Bomben getroffen; zwei Kliniken wurden komplett zerstört.
  • Angriffe mit ferngesteuerten Drohnen auf zivile Ziele. In einem Fall wurde eine sechsköpfige Familie getötet, als eine Rakete im Innenhof ihres Hauses einschlug.

Die israelischen Streitkräfte haben bislang nicht im Detail zu den Vorwürfen Stellung genommen, sondern nur eine allgemeine Erklärung abgegeben, man habe sich während der Operation "Gegossenes Blei" an die Kriegskonventionen gehalten und versucht, die Verluste unter der Zivilbevölkerung möglichst gering zu halten.

Man habe außerdem eine Untersuchung eingeleitet, die den angeblichen Beschuss von Krankenhäusern klären solle. Die Soldaten hätten weiterhin Order gehabt, Sanitäter möglichst nicht zu gefährden. Doch angesichts eines Krieges im dicht bebauten Gaza-Streifen müssten sich "Sanitäter, die in diesem Gebiet operieren, der Gefahren selbst bewusst sein".

Grundsätzliche Zweifel an den Aussagen der Augenzeugen äußerte dem "Guardian" zufolge ein Sprecher der israelischen Botschaft: "Jeder, der die Verhältnisse im Gaza-Streifen kennt, wird einsehen, dass diese Menschen gar nicht in der Lage sind, die Wahrheit zu sagen. Aus Furcht vor Vergeltung durch die Hamas, aus Angst vor Schlägen, Folter, Hinrichtung, wird niemand die Wahrheit sagen können."

Bericht der Uno-Arbeitsgruppe über Kriegsverbrechen

Doch außer den Recherchen der britischen Tageszeitung liegt nun auch der Bericht einer Uno-Arbeitsgruppe vor, die nach eigenen Angaben "zu viele Augenzeugenberichte dokumentiert und verifiziert hätte, um sie sämtlich aufzulisten". Wie der US-Sender CNN berichtet, hätten auch diese Gruppe der Berichterstatter Beweise zusammengetragen, dass die IDF

  • Krankenhäuser unter Beschuss nahm
  • Wasserwerke und Kläranlagen zerstörte
  • gezielt Regierungsgebäude bombardierte
  • Farmland verwüstete
  • 200 Schulen zerstörte
  • 70.000 Menschen obdachlos machte

Insgesamt, zitiert CNN den 43-seitigen Uno-Bericht, sei der Einsatz der israelischen Streitkräfte unverhältnismäßig gewesen - unter den 1440 palästinensischen Opfern seien 431 Kinder und 114 Frauen gewesen. Zudem hätten die Angriffe der Israelis zu einer "dramatischen Verschlechterung der Lebensbedingungen für die Zivilbevölkerung geführt". Außerdem lägen "plausible, glaubhafte Aussagen vor, dass es Kriegsverbrechen und weitere Vergehen gegen internationale Konventionen" gegeben habe.

Wie der Bericht des "Guardian" verzeichnet auch das Uno-Dossier dramatische Augenzeugenberichte über den Umgang mit Kindern. In einem Fall hätten die Soldaten südlich von Gaza-Stadt einen elfjährigen Jungen gezwungen, Pakete zu öffnen, in denen sie offenbar Sprengstoff vermuteten. Als der Trupp später unter Feuer geriet, hätten sie das Kind vorneweg laufen lassen. In einem anderen Zwischenfall habe die Besatzung eines Panzers auf ein Haus geschossen und - als der Familienvater und seine zwei kleinen Kinder herauskamen - diese gezielt erschossen.

Auch diese Vorwürfe weist Israel von sich. In einer ersten Stellungnahme bezeichnete Regierungssprecher Mark Regev laut CNN den Uno-Bericht als "weiteres Beispiel der Einseitigkeit und unfairen Einstellung der Berichterstatter des Uno-Menschenrechtsrats".

oka
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