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Angebliche Menschenrechtsverstöße: Die Ehre des malischen Militärs

Foto: FABIO BUCCIARELLI/ AFP

Verletzung von Menschenrechten Mutmaßliche Racheakte malischer Soldaten alarmieren Paris

Paris ist beunruhigt: Die verbündeten Regierungstruppen in Mali sollen brutal Rache genommen haben. Menschenrechtler berichten von willkürlichen Hinrichtungen und sexuellen Übergriffen. Frankreichs Verteidigungsminister warnt: "Die Ehre der malischen Militärführung steht auf dem Spiel."

Schwere Vorwürfe treffen die Regierungstruppen in Mali - und das wird auch für Frankreich zum Problem. Nachdem beide Armeen gemeinsam die Islamisten in Zentralmali zurückgedrängt haben, sollen malische Soldaten brutale Racheakte verübt haben. Menschenrechtler und Reporter sprechen von regelrechten Hinrichtungen und sexuellen Übergriffen.

Paris zeigt sich sehr beunruhigt. Der französische Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian sagte dem Sender France 24 , die malische Armee könnte diese Übergriffe verübt haben. "Wir müssen extrem wachsam sein", erklärte er am Mittwochabend. Präsident François Hollande zähle auf die militärische Führung Malis. "Ihre Ehre steht auf dem Spiel." Die malischen Streitkräfte weisen die Berichte über Gewalttaten zurück.

Der französische Militäreinsatz in Mali hat am 10. Januar begonnen, zurzeit kämpfen 3150 Soldaten gegen militante Islamisten - Seite an Seite mit der malischen Armee. Das Ziel: Islamisten aus dem Norden zu vertreiben und ihr grausames Regime zu beseitigen. Ordnung, Demokratie und ein menschliches Miteinander sollen wiederhergestellt werden in Mali. Dass ausgerechnet Frankreichs Verbündetem - der malischen Armee - Menschenrechtsverstöße vorgeworfen werden, wirft kein gutes Licht auf die Militäroperation.

Konkret gibt es zahlreiche Vorwürfe, die Human Rights Watch - die wohl am besten organisierte Menschenrechtsorganisation derzeit in Mali - gegenüber SPIEGEL ONLINE beschrieben hat. Die Berichte decken sich teilweise mit denen der FIDH , einer in Paris ansässigen Vereinigung von Menschenrechtsgruppen.

  • Die mutmaßlichen Racheakte haben sich demnach besonders die Stadt Sévaré ereignet. FIDH hat Hinweise, dass die malische Armee dort seit dem 10. Januar mindestens elf Menschen in einem Lager des Militärs exekutiert habe.
  • Insgesamt sollen in Zentralmali 20 Menschen getötet worden seien.
  • Ein Reporter der Agentur Reuters berichtete zudem, er habe mindestens sechs Tote in der Stadt Sevare gesehen - drei lagen in der Nähe einer Bushaltestelle, drei weitere waren in einen Brunnen geworfen worden. Human Rights Watch hat mit Beobachtern gesprochen, die diese Berichte bestätigen können.
  • Human Rights Watch hat außerdem glaubwürdige Berichte über sexuelle Übergriffe malischer Kräfte nahe der Stadt Sevare.
  • In Nioro sollen malische Soldaten zwei Tuareg hingerichtet haben. "Unsere Mitarbeiter haben mit Augenzeugen gesprochen, die die Hinrichtung der Tuareg glaubhaft beschrieben haben", so Human Rights Watch.

Philippe Bolopion, der zurzeit für Human Rights Watch in Bamako stationiert ist, forderte die malische Regierung - aber auch Frankreich und die Vereinten Nationen - zum Handeln auf. "Die malischen Behörden müssen die Vorfälle umgehend aufklären." Auch die Europäische Union zeigt sich sehr besorgt.

"Rache ist nicht akzeptabel"

Die Berichte von der Front konnten zunächst nicht bestätigt werden, da die Armee die Stadt Sevare am Mittwoch sehr plötzlich für Journalisten abgesperrt und vor allem westliche Reporter aus dem Stützpunkt der französischen Soldaten vertrieben hat. Ein Sprecher der Armee in Bamako, rund 700 Kilometer von Sevare entfernt, konnte für die Maßnahme keine Gründe angeben. Human Rights Watch verlangte unabhängige Beobachter, die sofort wieder Zugang zu den Städten an der Frontlinie bekommen sollten.

Auch Deutschland zeigt sich besorgt. "Das sind schwerwiegende Vorwürfe, denen gründlich nachgegangen werden muss", sagte Außenminister Guido Westerwelle. "Racheakte oder Gewalt malischer Soldaten gegen Zivilisten oder ethnische Minderheiten wären in keiner Weise akzeptabel. Das würde auch Bemühungen um politischen Ausgleich in Mali untergraben." Deutschland hat zwei Transall-Maschinen in die Region gesandt, um damit Truppen anderer afrikanischer Staaten zu verlegen.

Gewalt gegen Tuareg

Die nun berichteten Übergriffe sollen sich besonders gegen Tuareg, die Nomadenstämme aus dem Norden Malis, gerichtet haben. Frankreichs Verteidigungsminister Le Drian mahnte, ihre Rechte zu wahren. "Die Tuareg sind unsere Freunde", sagte Le Drian. "Die Tuareg sind in Nordmali zu Hause. Wir müssen sie als Malier achten wie alle anderen."

Das tiefe Misstrauen der Armee gegen die Tuareg hat einen historischen Hintergrund. So beschuldigen viele hochrangige Militärs die Tuareg, das westafrikanische Land in seine schwerste Krise gestürzt zu haben. Tatsächlich hatten mehrere Tuareg-Stämme nach dem Putsch im März 2012 das Machtvakuum und die Schwäche des Militärs im Norden Malis ausgenutzt und eine unabhängige Region ausgerufen. Wenig später aber lösten die radikalen Islamisten, mit denen sich die Tuareg für die Rebellion verbündet hatten, die Allianz mit den Nomaden auf und übernahmen die Macht im Norden.

Die Folge: Die Islamisten riefen die Scharia aus und machten die Region, die etwa so groß ist wie Frankreich, faktisch zu einem Gottesstaat nach dem Vorbild der Taliban. Das Uno-Flüchtlingshilfswerk berichtete, dass Zeugen willkürliche Hinrichtungen der Extremisten schilderten. Außerdem hätten die selbsternannten Gotteskrieger zur Bestrafung Gliedmaßen von Flüchtlingen abgetrennt. Hunderttausende Menschen sind seit Monaten auf der Flucht.

Bei den Regierungstruppen Malis hat sich zudem ein regelrechtes Massaker der Tuareg im Januar 2012 fest eingebrannt. Damals hatten Rebellen der Tuareg Dutzende malische Soldaten in einer Basis zunächst belagert und dann getötet, als die Soldaten keine Munition mehr zur Gegenwehr hatten.