Vorwurf aus London USA hatten nie einen Plan für die Zeit nach Saddam

In internen Dokumenten haben Berater und Minister der britischen Regierung schon 2002 vor einem Irak-Feldzug gewarnt. Ihrer Ansicht nach hatten die USA nie ein Konzept für die Zeit nach Saddam Hussein. Dennoch war Premierminister Tony Blair fest entschlossen, den Krieg zu führen.


Britischer Soldat in Basra: Saddam Hussein auf jeden Fall aus dem Amt entfernen
AP

Britischer Soldat in Basra: Saddam Hussein auf jeden Fall aus dem Amt entfernen

London - Blair und seinen Spitzenberatern sei der Mangel an Ideen für einen Nachkriegsirak schon ein Jahr vor der Militäraktion gegen Bagdad bekannt gewesen, zitiert die "Sunday Times" aus vertraulichen Protokollen. In den Papieren werden auch ernsthafte Zweifel an der Bedrohung durch irakische Massenvernichtungswaffen geäußert.

Schon im März 2002 stellte der britische Außenminister Jack Straw demnach die Frage, wie im Irak künftig Stabilität erzielt werden solle. Die USA seien zwar entschlossen, Saddam Hussein zu stürzen, um nach eigener Aussage einem Einsatz von Massenvernichtungswaffen vorzubeugen. Doch über die Zeit danach hätten sie sich wenig Gedanken gemacht. "Der Irak hat keine demokratische Tradition, also kann man hier nicht auf Gewohnheit oder Erfahrung aufbauen", gab Straw in einer Notiz für Blair zu bedenken.

In einem anderen Memorandum vom Juli 2002 berichtet der damalige britische Geheimdienstchef Richard Dearlove über seinem kurz zuvor erfolgten Besuch in Washington. Demnach wollte US-Präsident George W. Bush Saddam Hussein auf jeden Fall aus dem Amt entfernen. Die Geheimdienstinformationen und Fakten seien dann so präsentiert worden, dass sie dieses Ziel unterstützt hätten.

Straw sagte dem Protokoll zufolge, ein Angriff auf den Irak sei für Bush lediglich eine Frage der Zeit. Aber die Beweislage sei dünn. Saddam Hussein habe seine Nachbarn nicht bedroht, und sein Potential für Massenvernichtungswaffen sei geringer als das von Libyen, Nordkorea oder Iran, betonte der britische Außenminister. In einem früheren Dokument des Außen- und Verteidigungsministeriums heißt es in ähnlicher Manier, die Gefahr, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen einsetzen könnte, sei derzeit nicht größer als in all den Jahren zuvor.

Wie aus den Unterlagen weiter hervorgeht, war Blair trotz solcher Bedenken über das unzureichende Beweismaterial entschlossen, Bush zu unterstützen. Seine Berater hätten ihn deshalb darauf hingewiesen, dass die britische Öffentlichkeit zunächst von der Notwendigkeit der Militäraktion überzeugt werden müsse. Dies allerdings werde noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

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