Vulkanasche als Wahlkampfgeschenk Briten beschwören den Geist von Dünkirchen

Private Schlauchboote queren den Ärmelkanal, die Regierung schickt die Royal Navy - in Großbritannien wird die Heimholung gestrandeter Flugpassagiere groß inszeniert. Premier Brown nutzt das Vulkanasche-Chaos, um im Wahlkampf Entschlossenheit zu demonstrieren: "zu See, zu Lande und in der Luft".

DPA/ ROYAL NAVY

Das letzte Mal, als Hunderttausende Briten auf dem Kontinent gestrandet waren, zögerte der Premierminister nicht lange. Er rief die Bevölkerung dazu auf, Boote zur Verfügung zu stellen, um die Landsleute heimzuholen. Es war Mai 1940, der Premier hieß Winston Churchill, und bald schon setzte sich eine Armada aus 700 privaten Fischerbooten, Yachten und Segeljollen über den Ärmelkanal in Bewegung. Die Evakuierung von über 300.000 englischen und französischen Soldaten aus dem französischen Dünkirchen gilt bis heute als eine der nobelsten Stunden in der Geschichte der Nation.

Nun sitzen wieder Hunderttausende Briten auf dem europäischen Festland fest. Diesmal sind es Osterurlauber, Geschäftsleute und Schulkinder, die wegen der Vulkanasche im Luftraum nicht heimkehren können. Und so dauerte es nicht lange, bis auf der Insel der "Geist von Dünkirchen" beschworen wurde.

Der Druck auf Premierminister Gordon Brown wuchs, etwas zu unternehmen. Am Montag rief er seine Minister aus dem Wahlkampf zurück und hielt eine Krisensitzung ab. Dann erklärte er vor den Kameras, er habe die Royal Navy in Marsch gesetzt, um die Gestrandeten an Frankreichs Küsten abzuholen. Zwei Kriegsschiffe, darunter der Flugzeugträger "HMS Ark Royal", sollen im Ärmelkanal den überlasteten Fähren aushelfen. Ein drittes holt 300 britische Soldaten aus Spanien ab, die soeben ihren Einsatz in Afghanistan beendet haben.

Brown sagte, er habe auch mit seinem spanischen Kollegen José Luis Zapatero vereinbart, Flughäfen auf der iberischen Halbinsel zu nutzen, um britische Passagiere aus Asien und Amerika nach Europa zu fliegen und die Weiterreise mit Bussen zu organisieren.

Flankiert von seinem Außenminister David Miliband und seinem Verkehrsminister Lord Adonis gab Brown sich alle Mühe, wie Churchill zu klingen. Er sprach von "Operationen zu See, zu Lande und in der Luft". Seine Regierung arbeite daran, so viele Bürger wie möglich nach Hause zu holen. "David", sein Außenminister, sei für die Operation in Spanien zuständig.

Die Rolle als Oberkommandierender kommt Brown im Wahlkampf gelegen. Entschlossenheit im Angesicht einer nationalen Krise hat noch keiner Regierung geschadet. Und so beeilten sich auch die oppositionellen Tories, einen "Acht-Punkte-Plan" zur Rettung der Landsleute vorzulegen. Browns Flugzeugträger ist allerdings kaum zu übertrumpfen, und so lobten beide Oppositionsparteien den Schlachtplan der Regierung.

Rettungsaktion scheitert an französischen Grenzern

Doch ist es in Friedenszeiten nicht so einfach, eine Evakuierung von fremden Gestaden zu starten. Diese Erfahrung machte am Sonntag der Brite Dan Snow. Der 31-jährige Fernsehhistoriker, der vergangenes Jahr einen BBC-Dokumentarfilm über die Helden von Dünkirchen gemacht hatte, ließ sich vom historischen Vorbild inspirieren.

Alarmiert vom Schicksal der Frau eines Freundes, die im Frankreich-Urlaub festsaß, trommelte er einige Segelfreunde zusammen, mietete fünf Schlauchboote und rauschte am Sonntagmorgen an der Spitze einer kleinen Armada über den Ärmelkanal nach Calais. Per Twitter hatte er auf seine Rettungsaktion aufmerksam gemacht. Den ganzen Sonntag wollte Snow hin und her fahren, 40 Minuten pro Überquerung. 500 Leute wollte er so nach Dover bringen.

Doch die französischen Grenzschützer machten ihm einen Strich durch die Rechnung. Als Snow am Quai Paradis in Calais Leute einlud, tauchte die Gendarmerie auf und unterband den nicht lizenzierten Fährdienst. 25 Leute durften die tapferen Retter mit nach Hause nehmen - aber nicht zurückkehren.

"Die Franzosen haben uns gestoppt - es ist eine Schande", erklärte ein enttäuschter Snow hinterher. Sie hätten gesagt, die Schlauchboote machten den offiziellen Fähren unerwünschte Konkurrenz. Snow hatte keine Genehmigung für die kommerzielle Personenbeförderung.

Nun ist die Empörung auf der Insel groß. Snows Geschichte ist ganz nach dem Geschmack der britischen Medien, und sie gingen sofort dazu über, die Nachbarn zu verdammen. Damals in Dünkirchen sei der Feind die Luftwaffe gewesen, schrieb die "Daily Mail", diesmal sei es "ein unerwarteter Feind: französische Schreibtischtäter". Die Kritik entbehrte nicht einer gewissen Ironie: Normalerweise schimpft das rechtskonservative Blatt über die Laxheit der französischen Grenzer.

"Wir erleben den Geist und die Unverwüstlichkeit der britischen Bevölkerung"

Snow wird als Mann mit typisch britischen Tugenden gefeiert. Diese Einstellung sei es, über die der konservative Spitzenkandidat David Cameron immer rede, bloggte der stellvertretende Chefredakteur des "Daily Telegraph", Benedict Brogan: "Eigenverantwortung, gemeinsames Handeln, Improvisation."

Auf ihre Improvisationskünste halten sich die Briten viel zugute. Auch Brown lobte am Montag die Anstrengungen seiner Mitbürger, auf allen möglichen Umwegen quer durch Europa nach Hause zu kommen. "Wir erleben den Geist und die Unverwüstlichkeit der britischen Bevölkerung in ihrer besten Form", erklärte der Premier in einer Rhetorik, die nach Churchill klang.

Nicht alle waren jedoch von altruistischen Motiven getrieben. Der Tunnelbetreiber Eurostar und die Fähren verlangten Premium-Preise für die Ärmelkanal-Querung. Auch mehrere britische Schlauchboot-Eigentümer, die über kommerzielle Lizenzen verfügten, zeigten Geschäftssinn und boten ihre Dienste in Calais an - für 65 Pfund pro Kopf.

Die Nachfrage dürfte noch eine Weile anhalten: Die Sperrung des britischen Luftraums wurde am Montag vorläufig verlängert - bis Dienstagmorgen 1 Uhr.

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