Wählerbefragungen Moralische Grundsätze entschieden die Wahl

Der polarisierende Präsidentschaftswahlkampf in den USA hat so viele Wähler wie seit Jahrzehnten nicht mehr mobilisiert. Doch entgegen allen Prognosen konnten die Demokraten davon nicht profitieren. Selbst bei traditionellen Anhängern konnten John Kerry und John Edwards das Potenzial nicht ausschöpfen.


Enttäuschte Kerry-Anhänger: "Moralische Grundsätze waren wahlentscheidend"
REUTERS

Enttäuschte Kerry-Anhänger: "Moralische Grundsätze waren wahlentscheidend"

Hamburg - Obwohl rund 120 Millionen US-Bürger, also rund 60 Prozent der Wahlberechtigten, nach Angaben des unabhängigen Forschungsinstituts CSAE zur Wahl gingen, widersprechen erste Wähleranalysen den Erwartungen der Demoskopen und demokratischen Wahlstrategen. Denn eigentlich wurde erwartet, dass sich eine hohe Wahlbeteiligung positiv für die Demokraten auswirkt. John Kerry konnte aus der offenbar höchsten Wahlbeteiligung seit 1968 jedoch keinen Nutzen ziehen. Zwar konnte der demokratische Herausforderer von Amtsinhaber Präsident George W. Bush Stimmengewinne bei Frauen und Minderheiten einfahren - sie waren aber längst nicht so hoch wie erhofft.

Gerade auch Minderheiten, die lange automatisch den Demokraten zugerechnet wurden, wählten diesmal - wie die Latinos - zu einem hohen Prozentsatz konservativ. In Florida gewann Bushs ehemaliges Kabinettsmitglied, der in Kuba geborene Mel Martinez, einen Sitz im Senat - er wird damit der erste kubanisch-amerikanische Senator in der Geschichte der USA. Erwartungsgemäß konnte Kerry die Stimmen der Afro-Amerikaner holen: Neun von zehn wählten demokratisch. Weniger deutlich, aber immer noch eindeutig auch das Ergebnis bei den Amerikanern asiatischer Abstammung: Sie wählten mit fast 60 Prozent Kerry.

Als entscheidend gaben die US-Wähler diesmal "moralische Grundsätze" an. An zweiter Stelle rangierte die Ökonomie und die Sorge um Arbeitsplätze. Terrorismus folgte erst an dritter Stelle. Bei Kerrys Wählern waren hingegen die Themen Wirtschaft und Arbeitsplätze wahlentscheidend, gefolgt vom Irak-Konflikt. Als wichtigste Qualität eines Präsidenten gaben sie an, er müsse den nötigen Wandel herbeiführen. Kerrys Anhänger fühlten sich vor allem durch seine "Intelligenz", sein "Mitgefühl" angezogen und sahen in ihm die Verkörperung eines Wechsels.

Bei der Hälfte aller Wähler verfing sich jedoch die republikanische Wahlpropaganda, Kerry rede den Menschen nach dem Mund. Auch die Kampagne von ehemaligen Vietnam-Kämpfern, die Kerrys Heldentaten und seinen Mut vehement anzweifelten, hinterließ offenbar Eindruck: Die Veteranen zogen mehrheitlich den Republikaner Bush dem hochdekorierten Ex-Soldaten Kerry vor.

Etwa 50 Prozent der Wähler schätzen die Arbeitsmarktsituation in ihrem Umfeld zudem schlechter ein als vor vier Jahren - sie wählten vor allem Kerry. Von denjenigen, die die Lage unverändert oder besser als im Jahr 2000 bewerteten, stimmten die meisten für Bush. Zudem machen sich neun von zehn Wähler über die Finanzierbarkeit der Krankenversicherung Kopfzerbrechen. Von denjenigen, die sich große Sorgen machen, stimmten die meisten für Kerry. Doch bei den übrigen führte Bush.

Araber und Juden geeint gegen Bush

Erschöpfter Wahlkämpfer der Republikaner: Weiß, männlich und wohlhabend
AFP

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Nach Analysen der US-Medien gab es eine weitere Überraschung: So blieb der Katholik Kerry bei katholischen Wählern hinter den Erwartungen zurück. Bush lag erwartungsgemäß bei Männern und praktizierenden Christen vorn. Im Vergleich zur Wahl 2000 konnte Bush bei den Katholiken sogar noch vier Prozentpunkte auf 52 Prozent zulegen. Auf Kerry, den zweiten katholischen Präsidentschaftskandidaten in der US-Geschichte nach John F. Kennedy, entfielen in dieser Gruppe nur 48 Prozent - weniger als auf den demokratischen Kandidaten Al Gore vor vier Jahren.

Die jüdischen Wähler votierten zwar zu mehr als drei Vierteln für Kerry, Bush konnte jedoch auch hier mit einem Plus von fünf Prozentpunkten zulegen. Interessanterweise einte die jüdischen Wähler ihre Abneigung gegenüber Bush mit denen arabischer Herkunft.

Auf die Frauen konnte Kerry jedoch mehrheitlich zählen: Für ihn votierten 52, für Bush 47 Prozent der Wählerinnen. Die Männer bevorzugten erwartungsgemäß die Republikaner mit 54 zu 45 Prozent. Während Kerry vor allem bei den jungen Wählern mit 54 zu 44 Prozent punkten konnte, gewann Bush deutlich bei den Alten. Allerdings blieb auch die Beteiligung der jungen Wähler unter den Erwartungen der Demokraten: Lediglich acht Millionen Erstwähler wurden nach ersten Umfragen verzeichnet. Die Demokraten hatten auf elf Millionen Erstwähler gehofft.

Besonders hoch war Bushs Anteil unter weißen, männlichen und wohlhabenden Wählern und bei regelmäßigen Kirchgängern. Als entscheidende Qualitäten eines Präsidenten nannten die Bush-Sympathisanten klare Standpunkte: Sie lobten auch Bushs "Führungsstärke" und sein "religiöses Vertrauen". Drei Viertel der weißen Wähler, die sich selbst als "wiedergeborene Christen" bezeichnen, unterstützten Bush.

Mehr als die Hälfte aller Wähler gab andererseits an, Bush widme den Interessen großer Unternehmen mehr Aufmerksamkeit als der einfachen Bevölkerung. Während Wähler mit bis zu 15.000 Dollar Jahreseinkommen zu 63 Prozent Kerry wählten, gewann Bush hoch bei den Wählern mit mehr als 200.000 Dollar im Jahr.

Vor allem die Bush-Wähler gaben jedoch gerade moralische Werte und die Terrorgefahr als wichtigste Gründe für ihre Wahlentscheidung an. Sieben von zehn Wählern äußerten ihre Furcht vor einem weiteren großen Terroranschlag in den USA. Allerdings war in dieser Wählergruppe keine Präferenz für einen der beiden Präsidentschaftskandidaten zu erkennen. Eine Mehrheit meinte zudem, die Situation im Irak wende sich zum Schlechten für die USA. In diesem Lager war Kerry der Favorit.

Erwartungsgemäß konnte Bush vor allem bei Familien mit Kindern und Waffenbesitzern, Kerry hingegen bei Kriegsgegnern und Homosexuellen punkten. Die Anhänger beider Kandidaten waren zu jeweils zwei Dritteln davon überzeugt, dass der Wahlkampf der Gegenseite unfair war.

Vor vier Jahren gingen im Rennen zwischen Bush und Al Gore rund 54 Prozent oder 105,4 Millionen Wahlberechtigte an die Urnen. 1996 waren es mit 96,3 Millionen beziehungsweise 49 Prozent noch weniger, die Präsident Bill Clinton mit ihrer Stimme im Amt bestätigten. Als Clinton 1992 den damaligen Amtsinhaber und Vater des heutigen Präsidenten George Bush herausforderte, gaben hingegen 55,2 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimmen ab. 1960 lockte der Kampf ums Weiße Haus zwischen dem Demokraten John Kennedy und dem Republikaner Richard Nixon rund zwei Drittel der Wahlberechtigten an die Urnen.

Eine Rekordbeteiligung gab es jedoch auch am vergangenen Dienstag. Und zwar - nach den zuvor zitierten CSAE-Analysen - in mindestens sechs Staaten, darunter Florida. Auch im Bezirk der Bundeshauptstadt Washington, dem District of Columbia, sei eine Rekordzahl von Wählern registriert worden, berichtete CSAE-Direktor Curtis Gans.

Die Stimmen der im Ausland lebenden Amerikaner spielten diesmal im Gegensatz zur Situation vor vier Jahren keine starke Rolle. Schließlich hatte Kerry seine Niederlage gegen Bush bereits vor Auszählung aller Briefwahlstimmen einräumte.

Lars Langenau



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