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Waffen in Libyen: Gaddafis tödliches Erbe

Foto: David Sperry/ AP

Arsenal für Terroristen Waffenbasar Libyen

Kein arabischer Despot hatte so viele Waffen wie Gaddafi. Seit seinem Sturz tauchen libysche Raketen, Minen und Sturmgewehre in der ganzen Region auf - in der Hand von Terroristen. In Washington fürchtet man, dass sich die Extremisten als Nächstes am syrischen Arsenal bedienen.

Tripolis/Damaskus - In Bunkern und Lagerhäusern hatte Muammar al-Gaddafi quer durchs Land Waffen gehamstert. Panzerfäuste, Sturmgewehre, Granaten, Plastiksprengstoff, Raketenwerfer, Flugabwehrraketen und Panzerabwehrminen - sein Arsenal galt als eines der größten im Nahen Osten.

Für moderne Armeen mögen die Waffen bescheiden klingen. Doch sie sind der Traum jeder Terrorgruppe. Zwei Jahre nach Beginn der Aufstände in Libyen hat sich Gaddafis tödliches Erbe über Schmuggler bereits in der gesamten Region ausgebreitet.

  • Mali: Tuareg-Rebellen und Islamisten konnten mithilfe der libyschen Waffenflut die malische Armee zurückdrängen, bis Frankreich intervenierte. Nun haben sich die Dschihadisten vorerst zurückgezogen.
  • Algerien: Im Januar nahmen mit al-Qaida verbündete Dschihadisten rund 800 Menschen auf dem Gasfeld von Amenas als Geiseln - mit Gaddafis Waffen.
  • Sinai-Halbinsel: Im August 2011 starteten Islamisten vom Sinai aus einen Angriff auf einen israelischen Bus - mit Waffen, die wohl aus Libyen stammten. Ein Jahr später töteten Dschihadisten 16 ägyptische Grenzpolizisten.
  • Gaza: Ägypten hat mehrfach Schmuggler mit libyschen Waffen im Sinai aufgreifen können, die wohl für Gaza bestimmt waren. Die dortige radikalislamistische Hamas paradierte am 2. Oktober mit den Sturmgewehren "F2000" und "AK-103". Beide sind sehr selten, nur im Arsenal von einigen wenigen Ländern zu finden. Beides - sowohl das belgische "F2000" als auch die russische "AK-103" - hatte nur Gaddafi.
  • Syrien: Libysche Waffen sollen per Schiff über den Libanon nach Syrien gekommen sein. Sicher ist dies nicht. Gaddafis und Assads Arsenal ähneln sich, was einen möglichen Nachweis erschwert. Sicher ist, dass libysche Kämpfer in Syrien sind.

In Libyen selbst wurden Gaddafi-Waffen bei dem Angriff auf das US-Konsulat in Bengasi eingesetzt, bei der US-Botschafter Christopher Stevens und drei weitere Menschen ums Leben kamen.

Noch nie verschwanden mehr Waffen als in Libyen

"Dies ist die größte Verbreitung von Waffen, die wir jemals gesehen haben", sagte Peter Bouckaert von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch SPIEGEL ONLINE. "In den kommenden Jahrzehnten wird das für die Region eine Gefahr darstellen."

Bouckaert hatte während der Aufstände die Waffenbestände dokumentiert und bereits im April 2011 vor einem libyschen "Waffenbasar" gewarnt . Er erinnerte an den Irak, wo nach dem Sturz Saddam Husseins Waffen verschwanden - und später einen brutalen Bürgerkrieg und Terror befeuerten.

Doch Libyens Rebellenrat und die intervenierenden Nato-Länder hatten das Problem wohl anfangs unterschätzt. Der Westen konzentrierte sich schließlich auf die Sicherstellung der tragbaren Flugabwehrraketen (Manpads). Davon will man 5000 gefunden haben - von 20.000, die im Umlauf sind. Der Großteil der Gaddafi-Bestände blieb verschwunden.

Zusätzlich hat Katar Waffen an die libyschen Rebellen geliefert - aber die stellen nach Ansicht der Experten keine große Gefahr dar. Ob davon überhaupt welche in die Hände von Terrorgruppen gelangten, ist bisher nicht erwiesen.

Assads Arsenal bereitet den USA Sorgen

Syrien könnte zum künftigen Waffenbasar werden. Bisher waren auf Seiten der gemäßigten Rebellen Waffen knapp. Aber nun fällt eine Militäranlage nach der nächsten. An vorderster Front ist dabei oftmals Dschabhat al-Nusra, eine Miliz mit internationalen Dschihadisten, die als Ableger von al-Qaida im Irak gilt.

Die Gemengelage in Syrien ist noch gefährlicher als in Libyen: Baschar al-Assads Arsenal gilt nicht nur ebenfalls als riesig - der syrische Diktator hat auch biologische und chemische Waffen. Noch dazu ist Syrien kein nordafrikanischer Randstaat, sondern liegt mitten in der Region an den Grenzen der Türkei, Israels, des Libanons und des Irak.

"Die Waffen, die aus diesen Nahost-Ländern herauskommen, stellen für uns eine der größten Bedrohungen dar", sagte die damalige US-Außenministerin Hillary Clinton im Januar bei einer Anhörung  vor dem US-Senat. "Es ist die Büchse der Pandora."