Waffen-Programm US-Armee will angeblich Drogen einsetzen

Die US-Armee entwickelt angeblich illegal Chemiewaffen. Sie sollen den Feind nicht töten, sondern nur milde stimmen und müde machen. Kritiker warnen dagegen vor einer gefährlichen Stufe der Eskalation in der chemischen Kriegführung.

Von


Chemiewaffen: Drogen gegen Saddam?
AP

Chemiewaffen: Drogen gegen Saddam?

Frankfurt am Main - Dass die US-Regierung mit allen Mitteln gegen den irakischen Präsidenten Saddam Hussein vorgehen will, könnte mehr bedeuten als geahnt. Nach einem Bericht der deutsch-amerikanischen Abrüstungsorganisation "Sunshine Project" arbeitet das US-Verteidigungsministerium an Waffen, die Betäubungsmittel und psychoaktive Substanzen über große Entfernungen gegen feindliche Truppen einsetzen können. Dabei soll es sich um Antidepressiva und Beruhigungsmittel sowie krampfauslösende Chemikalien handeln. Auch Partydrogen ("Club Drugs") sollen dabei sein.

Böse Buben, die sanft einschlafen oder fröhlich ihre Waffen wegwerfen - eine für Militärplaner verlockende Vorstellung. Doch die auf den ersten Blick milde Art der Kriegführung könnte nach Meinung des "Sunshine Project" grässliche Folgen haben. Jeder Gebrauch von chemischen Waffen in Kriegssituationen berge die Gefahr, in einen totalen chemischen Krieg zu münden. Wenn Truppen von chemischen Kampfstoffen paralysiert würden, so das Szenario der Rüstungsgegner, könnte der Befehlshaber nicht lange herauszufinden versuchen, ob die Waffen nun tödlich wirken oder nicht. Er könnte zurückschlagen - mit allem, was er hat.

"Diese Eskalationsgefahr ist ein zentraler Grund dafür, dass das Chemiewaffen-Übereinkommen sogar den Gebrauch von Tränengas als Mittel des Krieges verbietet", heißt es in dem Bericht der Abrüstungsorganisation mit Sitz in Austin (Texas) und Hamburg. Sie will 18 Monate lang recherchiert und zahlreiche Dokumente gefunden haben, die die Vorwürfe belegen. Einige davon stellt das "Sunshine Project" auf seinen Internet-Seiten bereit.

Das Entwicklungsprojekt des Vereinten Direktorats für nicht-tödliche Waffen (JNLWD), einer Abteilung des Pentagon, verstoße auch gegen die Chemiewaffen-Konvention der Vereinten Nationen, die 1997 von der Regierung Präsident Bill Clintons ratifiziert wurde. "Die US-Regierung hat bei Abrüstungsverhandlungen anderen Regierungen Verstöße vorgeworfen", sagt Sunshine-Sprecher Jan van Aken. "Wir haben es schriftlich, dass die britische Regierung im JNLWD-Programm einen Verstoß gegen das Chemiewaffen-Übereinkommen sieht." Neben der Forschung sei vor allem die Kombination der Chemikalien mit Waffen größerer Reichweite ein eindeutiger Beleg dafür.

Die Chemiewaffen-Konvention von 1992 erlaubt den Einsatz nicht-tödlicher Chemikalien nur gegen Aufstände im Inneren eines Landes. Doch davon könne in diesem Fall keine Rede sein, sagt van Aken. Denn das JNLWD habe eigens für den Einsatz der Chemikalien eine 81-Millimeter-Granate entwickelt, die für den Standard-Mörser der US-Armee gedacht sei und eine Reichweite von zweieinhalb Kilometern habe. Für die Bekämpfung innerer Aufstände ein wahrhaft stattliches Geschütz.

Experten zeigten sich von dem Bericht keineswegs überrascht. "Für einen Häuserkampf in Bagdad wären solche Methoden sicher sehr nützlich, um eigene Verluste zu minimieren", sagt John Eldridge vom britischen Militär-Informationsdienst "Jane's". Die Frage sei jedoch, ob die Mittel überhaupt wirken: Bereits in den sechziger Jahren hätte die US-Armee mit synthetischen Drogen, unter anderem LSD, experimentiert. Die Versuche seien jedoch ein katastrophaler Fehlschlag gewesen: Ähnlich wie beim Alkohol seien die Wirkungen auf Testpersonen völlig unberechenbar gewesen, sagt Eldridge. Außerdem sei schwer zu vermeiden, dass auch Zivilisten unter den Chemikalien leiden.

Durch das Entwicklungsprojekt besteht nach Angaben des "Sunshine Project" auch die Gefahr eines chemischen Wettrüstens und der Verschleierung der Entwicklung von Waffen mit tödlicher Wirkung. "Design und Entwicklung neuer Ausbreitungssysteme, der Aufbau von Produktionskapazitäten oder auch die Tests zum Ausbringen der Chemikalien", so die Organisation, könnten von jedem Land der Welt durchgeführt werden - wenn sie nur den Deckmantel des Nicht-Tödlichen besäßen.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.