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14. August 2006, 21:04 Uhr

Waffenpause im Libanon

Hisbollah feiert "historischen Sieg" über Israel

Nach dem Waffenstillstand im Libanon hat sich die Hisbollah zum Sieger des fünfwöchigen Krieges mit Israel erklärt. Ihr Anführer Saijed Hassan Nasrallah lehnte eine Entwaffnung seiner Kämpfer ab. Zugleich versprach er der Bevölkerung massive Hilfe beim Wiederaufbau.

Beirut/Jerusalem/New York - Die Hisbollah habe einen "strategischen und historischen Sieg" errungen, sagte Nasrallah heute. "Dies ist ein Sieg für den Libanon und für die gesamte Nation", sagte er im Hisbollah-Fernsehsender Al-Manar. Er versicherte zugleich, dass seine Organisation weder durch "Einschüchterung noch Druck" zur Entwaffnung gezwungen werden könne. Eine "übereilte" und "erzwungene" Entwaffnung seiner Kämpfer lehnte Nasrallah ab. Dies sei die falsche Zeit, um öffentlich darüber zu diskutieren.

Nasrallah bei Fernsehansprache: Keine Hisbollah-Entwaffnung zum gegenwärtigen Zeitpunkt.
AFP

Nasrallah bei Fernsehansprache: Keine Hisbollah-Entwaffnung zum gegenwärtigen Zeitpunkt.

Die Hisbollah werde nun damit beginnen, die durch die israelischen Luftangriffe beschädigten Häuser im Libanon wieder zu reparieren, kündigte Nasrallah an. Zudem werde man ein Jahr lang für die Miete aufkommen und die Möbel für die Besitzer der rund 15.000 zerstörten Wohnungen bezahlen. Die im Libanon angerichtete massive Zerstörung spiegele Israels "Versagen und Impotenz". Ähnlich wie die radikale Palästinenser-Gruppe Hamas hat die Hisbollah wegen ihrer wohltätigen und sozialen Einrichtungen einen großen Rückhalt in der Bevölkerung.

Bush: "Wie können sie sich als Sieger bezeichnen?"

Die triumphierende Siegerhaltung der Hisbollah wollte zumindest US-Präsident George W. Bush nicht nachvollziehen: "Wie können sie sich als Sieger bezeichnen?", fragte er und betonte nach einem Treffen mit seinen engsten Sicherheitsberatern: "Hisbollah hat eine Niederlage erlitten."», Anstelle eines "Staates im Staate" werde es künftig eine starke neue Kraft im Südlibanon geben - die libanesische Armee, verstärkt durch eine internationale Truppe.

Die am Freitag verabschiedete Uno-Resolution über eine Waffenruhe sei ein wichtiger Schritt, um die Gewalt zu stoppen. Seine Regierung hoffe, dass die Waffenruhe anhalte, sagte Bush. Die USA würden eng mit ihren Freunden und Verbündeten zusammenarbeiten, " um die Worte in Taten umzusetzen".

Erneut machte Bush die Hisbollah sowie den Iran und Syrien als " Unterstützerstaaten" für die Eskalation der Gewalt und damit das Leiden der libanesischen und israelischen Zivilbevölkerung verantwortlich. "Wir können uns vorstellen, wie viel gefährlicher dieser Konflikt wäre, hätte der Iran die Atomwaffen, nach denen er strebt", sagte Bush und bekräftigte gleichzeitig sein Verständnis für die israelische Haltung in der Auseinandersetzung. Mit etwas Abstand würden auch Kritiker erkennen, dass die Hisbollah selbst durch ihr Verhalten die "sehr starke Reaktion" Israels verursacht habe.

Der vereinbarte Waffenstillstand zwischen Israel und der radikal-schiitischen Hisbollah im Südlibanon hielt am Montag weitgehend. Am ersten Tag der Uno-Vereinbarung kam es nur vereinzelt zu Zwischenfällen, bei denen mindestens ein Hisbollah-Kämpfer getötet wurde.

Während des Krieges kamen etwa 1100 Libanesen - zumeist Zivilisten - und 156 Israelis - unter ihnen 116 Soldaten - ums Leben. Die israelische Seite beziffert die gegnerischen Verluste mit etwa 530 Toten, die Hisbollah will etwa 80 Kämpfer verloren haben.

Olmert will Hisbollah-Führung weiter jagen

Auch Israel beanspruchte den Sieg für sich. "Wir haben in diesem Krieg nicht versagt", sagte Innenminister Roni Bar-On. Der Hisbollah seien schwere Schläge versetzt worden. Ihre Fähigkeit, Israel mit Raketen längerer Reichweite angreifen zu können, sei nun gleich Null. Der schwer unter Druck stehende Ministerpräsident Ehud Olmert gab zwar Versäumnisse bei der Kriegsführung zu. Die Hisbollah, die tausende Raketen auf Israel abgefeuert habe, könne aber nicht mehr "als Teil der Achse des Bösen von innerhalb des Libanons aus agieren", sagte er. Dabei benutzte er eine Formulierung von US-Präsident George W. Bush, die dieser auf Staaten wie Iran und Nordkorea gemünzt hatte.

Olmert kündigte zudem die weitere Jagd auf Hisbollah-Anführer an. "Wir werden sie überall und zu jeder Zeit verfolgen, und wir haben nicht vor, irgendjemanden um Erlaubnis dafür zu bitten", sagte er bei einer Sondersitzung der Knesset. "Diese Leute werden von uns keine Ruhe bekommen."

Annan hat noch keine Zusage für mehr Blauhelme

Die Vereinten Nationen haben unterdessen Probleme, mehr Soldaten für die Uno-Truppe Unifil im Südlibanon zu bekommen. Bisher gebe es noch keine einzige Zusage. "Formal hat sich bisher noch niemand zur Bereitstellung von Truppen verpflichtet", sagte der Chefsprecher von Generalsekretär Kofi Annan, Stephane Dujarric. Er appellierte noch einmal an alle Mitgliedstaaten, schnell Soldaten zur Verfügung zu stellen. Nach einem Beschluss des Weltsicherheitsrates soll Unifil von zurzeit 2000 auf bis zu 15.000 Soldaten aufgestockt werden. Dies ist einer der wesentlichen Punkte der am Freitag verabschiedeten Libanon-Resolution des höchsten Uno-Gremiums.

Dujarric räumte ein, dass Unifil möglicherweise mit weniger als 15.000 Soldaten auskommen müsse. "Es ist nicht klar, ob wir diese Zahl erreichen werden", sagte er. Annan habe bereits mit mehreren Regierungen sowie dem EU-Chefdiplomaten Javier Solana telefoniert und werde sich noch mit weiteren möglichen Truppenstellern besprechen. Eine Konferenz dazu sei aber nicht geplant: "Es ist jetzt an den Truppenstellern, den Finger zu heben", sagte der Sprecher. Zusammen mit 15.000 libanesischen Soldaten soll UNIFIL die Einhaltung des Waffenstillstands zwischen Israel und der radikalislamischen Hisbollah überwachen.

als/dpa/Reuters/AP/AFP

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