Waffenruhe in Nahost Israel warnt Flüchtlinge vor Rückkehr

Zehntausende Flüchtlinge haben den Rückweg zu ihren Dörfern im Südlibanon angetreten. Doch die israelische Armee warnte die Libanesen: Sie sollten nicht vor dem Eintreffen einer Uno-Truppe in den umkämpften Süden heimkehren.


Beirut/Jerusalem – Flüchtlinge sollten der israelischen Armee zufolge erst dann wieder in das Gebiet südlich des Flusses Litani reisen, wenn die libanesische Armee und die Uno-Truppe Unifil dort die volle Kontrolle hätten. Tausende Vertriebene brachen aber noch in den ersten Stunden der Waffenruhe zur Rückkehr in ihre Heimatdörfer auf. Hunderte von Familien, die nach Beirut und in den Norden geflohen waren, machten sich auf den Weg zurück in ihre Dörfer. Was sie dort erwartet, wissen sie nicht.

Die Vertriebenen fuhren in Kleinbussen und Privatfahrzeugen in langen Kolonnen vor allem über die Stadt Sidon nach Süden. Auf der Hauptverbindungsstraße geht schon seit Stunden nichts mehr. Bereits fünf Kilometer hinter der Hafenstadt Sidon stauen sich Hunderte Autos, vollgepackt mit Familien, Matratzen, Lebensmitteln. Behindert wird der Flüchtlingsstrom durch die teilweise komplett zerbombten Straßen und Brücken, berichtet SPIEGEL-ONLINE-Reporter Matthias Gebauer: "Bulldozer sind bereits unterwegs. Sie versuchen, Bombenkrater auf Brücken mit Stahlplatten abzudecken. Doch die Reparaturen sind sehr primitiv, eine Überfahrt mit dem Auto ist abenteuerlich."

Viele Bewohner der südlichen Vororte Beiruts sind bereits Zuhause angekommen. Zahlreiche Menschen hatten sich in Parks und öffentliche Gebäude im Zentrum vor den Bomben geflüchtet. Überall in den Schiiten-Suburbs bietet sich kurz nach der Stunde Null das gleiche Bild: Menschen, die fassungslos vor der massiven Zerstörung stehen, die von der israelischen Luftwaffe hier in 33 Tagen Krieg angerichtet wurde. Die Hisbollah versucht, ihre schockierten Landsleute zu beruhigen. "Was Ihr verloren habt, wird wieder aufgebaut werden", versprechen sie.

Gefahr durch Blindgänger

Eine Gefahr für die Rückkehrer der zerstörten Gebiete sind vor allem Blindgänger. Heute gab es bereits mehrere Opfer: Im südlibanesischen Dorf Ansar starb ein Zivilist, als der Blindgänger einer Streubombe explodierte. Sechs weitere Menschen wurden verletzt. Nach Angaben der Polizei wurden auch in der Region Nabatija sechs Zivilisten durch eine Streubombe verletzt.

Auch jenseits der Grenze im israelischen Dorf Kirjat Schmona wagen sich die ersten Bewohner vorsichtig aus ihren Schutzräumen. Wie ihre Nachbarn im Südlibanon wissen auch die meisten Bewohner von Kirjat Schmona nicht, was sie nach der Rückkehr in ihr Dorf erwartet. Seit Beginn des Kriegs vor mehr als einem Monat sind allein in ihrem Ort über tausend Katjuscha-Raketen der schiitischen Hisbollah-Miliz eingeschlagen. Dreiviertel der Bewohner sind geflüchtet, fast ein Drittel der Wohnungen wurden beschädigt oder zerstört.

Die israelische Armee hat ihre Angriffe heute früh um 7 Uhr deutscher Zeit eingestellt. "Die israelische Armee wird die Waffenruhe respektieren, wird aber weiter ihre Truppenverbände und die Bürger Israels schützen," hieß es. Über der libanesischen Hauptstadt Beirut und anderen Teilen des Libanons wurden keine israelischen Kampfflugzeuge mehr gesehen. Nach einem Bericht des libanesischen Rundfunks begann eine "begrenzte Zahl" von israelischen Truppen mit dem Rückzug aus dem Südlibanon. Doch im Kleinen gehen die Scharmützel offenbar weiter: Israelische Soldaten eröffneten heute zwei Mal das Feuer auf bewaffnete Hisbollah-Kämpfer und töteten zwei Männer, teilte die Armee in Tel Aviv mit.

Libanon will zügig Soldaten im Süden stationieren

Die Waffenruhe ist Teil der Resolution des Weltsicherheitsrats, die außerdem vorsieht, dass jeweils 15.000 libanesische und internationale Soldaten anstelle der Israelis und der Hisbollah in den Südlibanon einrücken.

Die libanesische Armee kündigte eine zügige Umsetzung der Forderung an. Bereits in den kommenden 48 bis 72 Stunden will sie erste Soldaten am Fluss Litani nördlich der israelischen Grenze stationieren, erklärte Kommunikationsminister Maruane Hamadé heute im französischen Rundfunk. Beirut hoffe auf das rasche Eintreffen neuer Uno-Kontingente. Seine Soldaten würden von den ersten Verstärkungen der internationalen Friedenstruppe begleitet, sagte Hamadé im französischen Radiosender Europe-1. Er rechne mit Blauhelmen aus der Türkei, aus Frankreich, Spanien und Italien.

Vertreter Israels, Libanons und der Vereinten Nationen haben sich heute zu ersten Gesprächen über die Umsetzung der Resolution getroffen. Bei der Unterredung am Grenzübergang Ras Nakura sei es unter anderem um den Rückzug der israelischen Streitkräfte und die Stationierung libanesischer Soldaten im Südlibanon gegangen, sagte ein Sprecher der Uno-Truppe Unifil. An dem Treffen hätten Unifil-Kommandeur Alain Pellegrini sowie je ein ranghoher israelischer und libanesischer Militärvertreter teilgenommen, sagte Unifil-Sprecher Milos Strugar.

ler/dpa/AFP/AP

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