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Waffenruhe: Jubel und Trauer im Gaza-Streifen

Foto: MAHMUD HAMS/ AFP

Waffenstillstand mit Israel "Das ist ein Sieg für alle Palästinenser"

Sie besichtigen die Zerstörungen und räumen die Trümmer weg: Im Gaza-Streifen wagen sich die Menschen nach acht Tagen Bombardement wieder auf die Straße. Die Hamas lässt sich als Sieger feiern. Aber niemand macht sich llusionen - der Krieg wird wiederkommen.

Samar Laschi steht an den Resten ihres Wohnzimmerfensters und schaut dahin, wo bis Sonntag noch das Haus ihrer Nachbarn stand. Von dem zweistöckigen Gebäude ist nur noch ein Schutthaufen übrig. Schaufel für Schaufel trägt ihn ein Bagger ab.

Die 31-Jährige schaut zu, wie die verbogene Trommel der Waschmaschine gehoben wird. "Wir haben sehr viel Glück gehabt", sagt Laschi. Die Wucht der Bombe, die elf ihrer Nachbarn tötete, hat bei ihr alle Fensterscheiben ausgeschlagen. Doch nur ihr Mann und einer ihrer Söhne haben leichte Schnittwunden davongetragen. "Wir waren alle im Wohnzimmer, direkt neben dem Bombeneinschlag", erzählt die junge Frau. "Aber die Vorhänge haben Gott sei Dank das ganze Glas abgefangen."

Die Bombe auf das Haus von Laschis Nachbarn, die Dalu-Familie, war die fatalste in diesem Gaza-Krieg. Bei keinem Angriff kamen so viele Zivilisten auf einmal ums Leben. Anders als 2008 hat die israelische Armee sich dieses Mal offenbar bemüht, keine Zivilisten zu treffen - für die Angehörigen der mehr als 160 Palästinenser, die ums Leben kamen, und die Hunderte, die verletzt wurden, wohl ein geringer Trost.

Acht Tage lang wurde der kleine Gaza-Streifen aus der Luft und vom Meer aus bombardiert. Kaum jemand wagte sich in dieser Zeit aus dem Haus. Nun strömen die Menschen auf die Straßen, zu Fuß, auf Eselskarren oder im Auto. Entlang der Omar-Mukhtar-Hauptstraße sind am Vormittag schon einige Läden wieder geöffnet. Auf der Straße selbst steht man im Stau.

Schaulustige auf der Suche nach Trümmern

Auf dem Platz des unbekannten Soldaten findet erstmals seit der Machtübernahme der Hamas 2006 eine große Demonstration der rivalisierenden Fatah-Partei statt. Die Demonstration wurde von der Hamas zugelassen, denn die Fatah-Anhänger jubeln an diesem Donnerstag für die Hamas. Das Hamas-Kabinett hält am Nachmittag eine Pressekonferenz ab, um sich der Welt als Sieger zu präsentieren.

Ingesamt ist erstaunlich wenig an Zerstörung in Gaza-Stadt zu sehen. Obwohl Israel nach eigenen Angaben über 1500 Ziele im Gaza-Streifen attackieren ließ, muss man die Trümmerhaufen geradezu suchen. Genau dies tun die vielen Schaulustigen. Fast alle haben die vergangenen Tage zitternd im Fernsehen die Bombardierungen verfolgt. Nun wollen sie sich selbst ein Bild von den Schäden machen.

Bei Samar Laschi ist ihre Schwester zu Besuch. Während die beiden in die Küche gehen, übernehmen die Kinder den Fensterplatz. "Die Tochter der Dalus wird noch vermisst", klärt eines auf. "Vorhin haben sie ihre Hand gefunden."

Vor den Augen der Kinder auf der Straßenseite gegenüber hängt ein meterlanges Plakat neben den Trümmern. Darauf ein Foto der Leichen und auf Arabisch und Englisch die Aufschrift: "Warum mussten sie sterben?" Das Plakat hat die Hamas gleich am Donnerstagmorgen aufhängen lassen.

Nach dem Krieg ist vor dem Krieg

Eine Antwort auf die Frage ist die israelische Armee bisher schuldig geblieben. Nachdem sie ursprünglich sagte, ein Hamas-Mitglied habe sich in dem Haus aufgehalten, hieß es zuletzt, man sei noch dabei, den Vorfall zu untersuchen.

"Wir sind froh, dass es vorbei ist", sagt Samar Laschi. Acht Tage lang lebte ihre Familie in ständiger Angst. Einen Keller gibt es in ihrem Haus nicht, einen Schutzraum erst recht nicht. Laschi klagt: "Die Kinder sind mit der ganzen Gewalt aggressiver geworden. Sie wollen jetzt nur noch Krieg spielen." - "Juden gegen Araber!", ruft eines zurück und strahlt.

Bei allen durchlittenen Ängsten, stolz ist Laschi auf das Ergebnis des Acht-Tage-Kriegs schon. "Das ist ein Sieg - nicht nur für die Hamas sondern für alle Palästinenser", sagt sie.

Stolz ist man darauf, mit den Fadschr-5-Raketen den Israelis bis nach Tel Aviv und Jerusalem einen Schreck eingejagt und die israelische Belagerung des Gaza-Streifens wieder auf die internationale Agenda gebracht zu haben. Dabei machte Israel allerdings sofort klar: Man habe lediglich zugestimmt, über die Blockade zu verhandeln, aufgehoben sei sie nicht.

Dementsprechend macht sich Samar Laschi kaum Illusionen darüber, was der Waffenstillstand für sie bedeutet. "Der Krieg wird natürlich zurückkommen, aber hoffentlich nicht sofort."

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