Waffenruhe Tausende Flüchtlinge kehren in den Südlibanon zurück

Die Waffenruhe zwischen Israel und der Hisbollah war erst wenige Minuten alt, da setzte sich bereits ein Strom von Flüchtlingen in Bewegung. Tausende Menschen machten sich auf den Heimweg in den Südlibanon. Auch ein erster Uno-Hilfskonvoi ist aufgebrochen.


Beirut/Jerusalem – Die Rückkehr in die Heimatdörfer wird für die Menschen ein beschwerlicher Weg - und beginnt im Stau. Tausende schwer bepackte Autos fuhren heute früh in Beirut los. Sofort nach Eintritt der Waffenruhe um 7 Uhr morgens sei die Kolonne gestartet, berichtet SPIEGEL-ONLINE-Reporter Matthias Gebauer. Was die Menschen im Süden erwartet, ist ungewiss: Viele der Rückkehrer wissen nicht ein Mal, ob ihr Haus noch steht.

Doch weil die israelische Armee die Infrastruktur des Libanons als eines ihrer wichtigsten Ziele ausgemacht hatte, existieren kaum noch befahrbare Straßen. Immer wieder müssen die Wagen die befestigten Straßen verlassen. Durch Gräben und Hügel versuchen die Fahrer einen Weg zu finden, wenn sie an zerstörte Brücken gelangen. "Mit maximal Tempo 20 bewegt sich die Wagenschlange in Richtung Süden", berichtet Gebauer. Libanesische Soldaten bemühen sich darum, die Straßen notdürftig zu reparieren. Am Straßenrand verteilen Vertreter der Hisbollah Flugblätter auf denen zu lesen steht, dass der Waffenstillstand ein Sieg über Israel sei.

Auch ein Uno-Hilfskonvoi hat sich heute Morgen in Richtung der libanesischen Hafenstadt Tyrus aufgemacht. Die 24 Fahrzeuge bringen Lebensmittel, Medikamente und Wasser von Sidon nach Tyrus, teilte ein Uno-Sprecher mit. Tyrus konnte seit mehr als einer Woche nur noch über den Wasserweg mit dem Nötigsten versorgt werden.

Die heute früh nach gut fünf Wochen heftiger Kämpfe in Kraft getretene Waffenruhe zwischen Israel und der Hisbollah wird von beiden Seiten eingehalten. Laut dem libanesischen Finanzminister Dschihad Asur kommt es zu keinen Schusswechseln mehr. Dem französischen Fernsehsender France 2 sagte er, entlang der gesamten Grenze sowie in den anderen Zonen, in denen es zuvor zu Feindseligkeiten gekommen war, werde die Waffenruhe nach den ihm vorliegenden Informationen eingehalten.

Das bestätigte inzwischen auch die israelische Armee offiziell. Die Armee setze damit die Resolution 1701 des Uno-Sicherheitsrates um, hieß es in einer in Jerusalem veröffentlichten Erklärung. Das Militär respektiere die Vereinbarung, werde aber sich selbst und die Bürger Israels weiter verteidigen. Die Luft- und Seeblockade gegen den Libanon werde aufrechterhalten, hieß es. Erst müsse sichergestellt sein, dass der Schmuggel von Waffen gestoppt werden könne.

Die israelische Regierung erklärte sich am Morgen bereit, sich umgehend aus dem Libanon zurückzuziehen. Schon kurz nach Inkrafttreten der Waffenruhe haben die ersten israelischen Truppen mit ihrem Abzug begonnen. Die Zahl sei noch begrenzt, teilte ein israelischer Militärsprecher mit. Insgesamt befinden sich derzeit rund 30.000 israelische Soldaten im Südlibanon.

Voraussetzung für einen kompletten Rückzug ist dem Sprecher des israelischen Außenministeriums, Mark Regev, zufolge, dass kein Machtvakuum hinterlassen werde, welches von der Hisbollah ausgenutzt werden könne. Er sagte im ZDF-"Morgenmagazin", sein Land werde daher erst dann seine Truppen abziehen, wenn diese durch internationale Kräfte und die libanesische Armee ersetzt würden. Einen Termin für die geplante Uno-Truppe gibt es bisher nicht.

Kurz nach dem Inkrafttreten des Waffenstillstands in der Region sicherte Regev zu, Israel werde die Uno-Resolution "strikt" einhalten. Er hoffe, auch der Libanon werde seinen Teil dazu beitragen. Die Hisbollah dürfe nicht in die Lage versetzt werden, den Waffenstillstand zu torpedieren, forderte Regev, der von einem "sehr schwierigen Krieg" sprach.

Die israelische und die libanesische Regierung hatten am Wochenende einer "Einstellung der Feindseligkeiten" zugestimmt. Grundlage ist die in der Nacht zu Samstag im Uno- Sicherheitsrat verabschiedeten Resolution 1701. Die Hisbollah wurde darin aufgefordert, den Beschuss israelischen Gebiets einzustellen. Israel soll seine "offensiven Militäroperationen" beenden und sich aus dem Südlibanon zurückziehen.

Bis zum frühen Morgen hatte es von beiden Seiten noch heftiges Feuer gegeben. Seit Beginn des militärischen Konflikts mit Israel vor einem Monat feuerte die Hisbollah mehr als 4000 Raketen auf israelisches Territorium, wie der israelische Militärrundfunk am Sonntag berichtete. Seit Beginn des Konflikts sind im Libanon mindestens 1082 Menschen getötet worden, die Mehrzahl davon Zivilisten. Auf israelischer Seite starben 144 Menschen, die meisten von ihnen Soldaten.

ler/AP/dpa/Reuters/ddp/AFP



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