Waffensuche Das viel versprechende Inhaltsverzeichnis des Saddam-Dossiers

Wer hat am schnellsten Saddams 12.000 Seiten gelesen? Zwischen den Vereinten Nationen und den USA hat ein Wettlauf um die Auswertung des dicken irakischen Waffendossiers begonnen. Offenbar finden sich in der Deklaration tatsächlich detaillierte Angaben über Programme des Irak zur Herstellung von ABC-Waffen.


New York - Experten der Vereinten Nationen begannen heute mit der Analyse des Mammut-Waffendossiers. Überraschend erhielten auch die fünf ständigen Mitglieder des Weltsicherheitsrats umgehend Einsicht in den Bericht. Die Auflistung war in der Nacht am Hauptsitz der Vereinten Nationen in New York eingegangen. Uno-Chefwaffeninspekteur Hans Blix nahm die versiegelten Aktenkoffer persönlich entgegen. Er wird dem Weltsicherheitsrat voraussichtlich schon morgen einen ersten groben Überblick über das Material aus Bagdad geben.

Die Analyse durch die fünf ständigen Mitglieder des Weltsicherheitsrates solle in möglichst enger Abstimmung mit der Uno-Kontrollkommission für den Irak sowie der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) erfolgen, erklärte Uno-Sprecher Fred Eckhard. Die Durchsicht des Dossiers aus Dokumenten, Briefen, Notizen und Tausenden auf CD-Rom gespeicherten Daten zu irakischen Waffenarsenalen und Rüstungsprogrammen der letzten zwölf Jahre soll nach Eckhards Angaben zunächst zu einer verdichteten "Arbeitsversion" führen. Auf Basis dieser Version werde sobald als möglich der Weltsicherheitsrat Beratungen aufnehmen.

Wie aus der umfangreichen Inhaltsübersicht der Deklaration hervorgeht, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, hat der Irak umfassende Angaben über seine Waffenprogramme gemacht. Zugleich wird darin die angebliche Zerstörung der Materialien und Waffensysteme aufgelistet. Bei den meisten Angaben handelt es sich jedoch nach inoffiziellen ersten Einschätzungen von Experten um bereits in den Jahren 1991 bis 1998 durch Waffenkontrollen weitgehend bekannt gewordene Programme und Einrichtungen.

Das Rüstungsdossier ist in vier Hauptkapitel gegliedert. Das erste, die "Nukleare Deklaration", umfasst allein auf 2081 Seiten die Phase vom Beginn des irakischen Atomenergie-Programms bis zur Niederlage des Irak im Golfkrieg von 1991. Auf 300 weiteren Seiten werden untere anderem Angaben darüber gemacht, was seit 1991 bis heute in mehr als 30 Produktionsstätten und Institutionen geschehen ist, die an dem Nuklearprogramm beteiligt waren.

Sehr detailliert wird - nach der Inhaltsübersicht zu urteilen - auch dargestellt, wie sich der Irak über welche Firmen Materialien wie Zentrifugen für die Anreicherung von Uran beschafft hat. Auf Hunderten Seiten wird zudem erläutert, wie Ausrüstungen und Ausgangsstoffe zerstört worden seien und wie man nach Alternativen zur Atomenergie gesucht habe.

Die "Nukleare Deklaration" wurde zur Überprüfung an die Internationale Atomanenergiebehörde (IAEO) weitergeleitet. Die drei weiteren Bestandteile - die "Chemische Deklaration", die "Biologische Deklaration" und die "Ballistische Deklaration" - werden von Experten der Uno-Kontrollkommission für den Irak (UNMOVIC) in New York analysiert.

Die Angaben zu irakischen Chemiewaffen-Programmen beziehen sich wiederum auf zahlreiche konkrete Produktionsstätten, Institutionen sowie auf Forschungseinrichtungen und Testgelände. Ausführlich wird über die "unilaterale Zerstörung chemischer Munition, Stoffe und Vorstufen-Produkte" berichtet. Besonderes Interesse könnten geheimdienstliche Auswerter auch in diesem Kapitel für Angaben zu Firmen und Einzelpersonen haben, die dem Irak bei der Umsetzung seiner Chemiewaffenpläne halfen.

Ähnlich detailliert sind die Kapitel über biologische Waffen und Trägersysteme unter Nennung zahlreicher Produktionsstätten und Firmen aufgebaut. Wie daraus unter anderem hervorgeht, verfügte der Irak nicht nur über Anlagen zur Herstellung verbotener Kampfstoffe, sondern arbeitete auch an der Entwicklung fernlenkbarer unbemannter Flugzeuge sowie ballistischer Raketen. Parallel zur Übergabe des Dossiers hatte Bagdad offiziell erklärt, daraus gehe für Experten hervor, dass der Irak heute nicht mehr über Massenvernichtungswaffen oder andere verbotene Kampfstoffe und Rüstungsprogramme verfüge.



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