Wahl in Afghanistan Erste Zahlen sehen Karzai nur knapp vor Abdullah

Es sind nur Teilergebnisse, doch ein klarer Sieg von Hamid Karzai bei den Wahlen in Afghanistan scheint zusehends ausgeschlossen. Nach ersten Stimmenauszählungen kommt er nur auf 40 Prozent. Sein Widersacher Abdullah liegt nur knapp hinter ihm - und legt Beweise für Wahlbetrug vor.

Präsidentschaftskandidat Abdullah Abdullah: "Offenbar will Karzai der Präsident des Betrugs werden"
REUTERS

Präsidentschaftskandidat Abdullah Abdullah: "Offenbar will Karzai der Präsident des Betrugs werden"

Von und Shoib Najafizada


Kabul/Berlin - Fünf Tage sind seit dem Wahltag vergangen, und bisher reklamierten sowohl der amtierende Präsident Hamid Karzai als auch sein erfolgreichster Widersacher Abdullah Abdullah den Sieg für sich. Noch am Montag hatte ein Minister aus der Karzai-Regierung von einem klaren Sieg seines Chefs gesprochen, mehr als 68 Prozent aller Stimmen habe der Staatschef am 20. August auf sich vereinigen können. Woher er diese Zahlen hatte, gab der Minister allerdings nicht preis.

Offenbar ein Trugschluss. Die Kommission teilte in Kabul am Abend (Ortszeit) mit, dass Karzai mit 41 Prozent der 524.444 bisher ausgezählten Stimmen nur knapp vor seinem Konkurrenten liegt. Laut dem ersten Teilergebnis kommt Abdullah auf 202.898 Stimmen, das entspricht einem Anteil von 39 Prozent. Der Chef der Wahlkommission forderte prompt Politiker und Journalisten auf, bei der Bewertung von Daten aus inoffiziellen Quellen Zurückhaltung zu üben. "Nur unsere Zahlen sagen etwas aus, alles andere ist Spekulation", sagte er.

Neben dem zu erwartenden Kopf-an-Kopf-Rennen bei der weiteren Auszählung lassen die bisherigen Zahlen auf eine sehr niedrige Wahlbeteiligung schließen. Insgesamt waren mehr als 15 Millionen Afghanen für die Abstimmung registriert worden, laut der ersten offiziellen Mitteilung gingen aber nur knapp sechs Millionen am vergangenen Donnerstag zur Wahl. Damit liegt die Beteiligung vermutlich noch unter den von westlichen Beobachtern prognostizierten 40 Prozent. 2004, bei der ersten Wahl nach dem Sturz der Taliban, hatten noch 70 Prozent der Afghanen abgestimmt.

Lange Hängepartie in Afghanistan

Die Hängepartie in Afghanistan geht also weiter. Die Wahlkommission kündigte an, alle zwei Tage neue Zwischenergebnisse vorlegen zu wollen. Gegenwärtig deutet vieles darauf hin, dass die Afghanen Anfang Oktober in einer Stichwahl entscheiden müssen, wer in den Präsidentenpalast einziehen soll. Beobachter rechnen nicht damit, dass Karzai nach Auszählung aller Stimmen über die 50-Prozent-Marke kommt. Erst in mehr als zwei Wochen wird es von offizieller Seite Klarheit geben, wie die Wahl ausgegangen ist.

Kurz vor der Verkündung der ersten Ergebnisse erhob Abdullah Abdullah, einer der beiden ernstzunehmenden Gegenkandidaten von Karzai, erneut schwere Vorwürfe gegen den amtierenden Präsidenten. "Ich bin traurig, dass die vielen Afghanen, die trotz der schlechten Sicherheitslage ihre Stimme abgegeben haben, vergeblich dieses Risiko eingegangen sind", sagte Abdullah in Kabul. "Die Wahl wurde massiv durch das Team von Hamid Karzai gefälscht", klagte er, "offenbar will Karzai der Präsident des Betrugs werden."

Erstmals legte Abdullah bei seinem Auftritt auch konkrete Beweise vor, welche die Wahlmanipulationen beweisen sollen. Zum einen zeigte er Hunderte Wahlzettel mit dem Kreuz bei seinem Namen, die angeblich nach der Stimmabgabe aus den Wahlboxen entfernt worden seien. Außerdem zeigte er Fotos von einem Mann, der an drei verschiedenen Wahllokalen seine Stimme für Karzai abgab. Diese und mehr Beweise, so Abdullah, habe er auch bei der Prüfungskommission für die Wahlen eingereicht.

Der Westen beobachtet und schweigt

Die Vorwürfe von Abdullah sind nicht aus der Luft gegriffen. Auch in einem Bericht der Bundesregierung über die Wahlen heißt es, dass es bei der Registrierung zur Wahl "Unregelmäßigkeiten" gegeben habe. Demnach kam es vor allem im Süden und Osten des Landes zu "zahlreichen Mehrfachregistrierungen" von Wählern, die man an erstaunlich hohen Zahlen von neuregistrierten Frauen ablesen könne. Die Wahlkommission hatte in den traditionell geprägten Gegenden den Clan-Chefs erlaubt, ihre Frauen ohne deren Beisein für die Wahl zu melden.

Interviews mit Beamten aus dem Süden Afghanistans belegen in der Tat unglaubliche Geschichten. So berichtete ein Abgeordneter aus Logar, dass wegen massiver Drohungen in mindestens zwei Bezirken dort kaum jemand zur Wahl erschienen sei. "Trotzdem wurden aus beiden Bezirken volle Wahlboxen mit Karzai-Stimmen nach Kabul geliefert", so der Abgeordnete. Seine Analyse fällt klar aus: "Dass so viele Menschen Angst hatten, wurde zu einer großen Gelegenheit für die Wahlfälscher."

Proteste der westlichen Nationen lassen allerdings weiter auf sich warten. Westliche Diplomaten wollen sich nach eigener Aussage erst einmal nicht in das "blame game" der Kandidaten einmischen. Da europäischen und anderen internationalen Beobachtern wegen der schlechten Sicherheitslage der Zugang zu vielen Regionen versperrt gewesen sei, könne man sich nur schwer ein eigenes Bild machen, hieß es in Kabul. Folglich hofft man darauf, dass die Beschwerdekommission den Vorwürfen gewissenhaft nachgeht.

Die Zahl der Beschwerden bei der Kommission ist erheblich. Mehr als 790 Eingaben liegen den Prüfern bereits vor - und die Zahl steigt täglich. Nach ersten Angaben sind die Vorwürfe in mindestens 54 Fällen erheblich. Sollten sie sich bewahrheiten, wären die Wahlen dadurch massiv beeinflusst worden - und womöglich Makulatur. Mit einem Abschluss der Auszählung und der Überprüfung der Vorwürfe wird nicht vor Mitte oder gar Ende September gerechnet. Dann soll sich auch entscheiden, ob es zu einer Stichwahl kommt, die für den 6. Oktober angepeilt wird.

Furcht vor Gewalt

Die lange Hängepartie und die massiven Schuldzuweisungen der Kandidaten sorgen bei der internationalen Staatengemeinschaft für Sorge vor einer Eskalation der Auseinandersetzung. Diplomaten befürchten, dass die Gegner von Karzai ihren Protest auf die Straße tragen. Solche Großdemonstrationen, die neben den politischen Aktivisten auch gewalttätige Afghanen anziehen könnten, gelten in Kabul als explosive Mischung, die die Stadt sehr schnell ins Chaos stürzen könnten. Wohl auch deshalb rief Abdullah Abdullah seine Anhänger heute noch einmal zur Ruhe auf.

Die amtierende Regierung hingegen reagierte mit Drohungen im Fall von gewaltsamen Ausschreitungen. Humayun Hamidzada, einer von Karzais Sprechern, kündigte ein hartes Vorgehen gegen jegliche Gewalttätern an. Afghanistan, sagte er, habe seine "eigenen Regeln", wie es mit Protesten umgehen werde.

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Seite 1
atzlan 20.08.2009
1. mission failed
Zitat von sysopIn Afghanistan ist die Sicherheitslage extrem gespannt, die deutschen Soldaten wappnen sich gegen neue Anschläge. Wie sieht die Zukunft des Landes aus: Demokratisierung oder Taliban-Terror ohne Ende?
"Die Wahlen werden weit von freien und fairen Wahlen entfernt sein. Ganze Wahlurnen werden verkauft, sie erhalten auf dem Basar Stimmzettel für wenige Dollar. Um die Wahlen herum ist eine ganze Wirtschaft entstanden - mit Demokratie in unserem Sinne hat das aber wenig zu tun." http://www.tagesschau.de/ausland/afghanistaninterview100.html
zenobit 20.08.2009
2.
Zitat von sysopIn Afghanistan ist die Sicherheitslage extrem gespannt, die deutschen Soldaten wappnen sich gegen neue Anschläge. Wie sieht die Zukunft des Landes aus: Demokratisierung oder Taliban-Terror ohne Ende?
Es gibt keine Demmokratisierung in Afghanistan. Das was als solche dargestellt wird ist eine Farce. Andere Regierungen, die ihr Volk so betrügen, würden International geächtet werden und ihnen würde mit wirtschaftlichen Sanktionen gedroht werden. Krazai kauft oder beseitigt seine poltischen Gegner. Wie soll auch in einem Land indem Bürgerkrieg und Krieg gegen ausländische Truppen herrscht, indem mehr als 1/3 des Landes unter Kontrolle der Taliban steht, auch nur ansatzweise eine demokratische Wahl abgehalten werden? Dazu kommt noch, dass die meisten afghanischen Bürger weder Zeitungen lesen und kennen noch irgendwie Strom oder ein Radio besitzen. Wie sollen sich die Menschen in den Provinzen ein Bild von den Kandidaten machen?? Es wird derjenige gewählt, der ihnen von den Stammesführen vorgeschrieben wird und die lassen siche ihre Loyalität bezahlen.
namlob, 20.08.2009
3.
Zitat von sysopIn Afghanistan ist die Sicherheitslage extrem gespannt, die deutschen Soldaten wappnen sich gegen neue Anschläge. Wie sieht die Zukunft des Landes aus: Demokratisierung oder Taliban-Terror ohne Ende?
Wenn wir uns die Gegend einmal näher ansehen, so ist "Demokratie" dort ein Fremdwort. Vergleichen wir mal Tibet vor der KPCh, die postsowejtischen Republiken, Iran u.s.w. Als Alternative gibt es nicht nur die Taliban sondern die Verhältnisse auch bevor die Taliban und die Mujaheddin die Sowjets mit Hilfe der USA des Landes verwiesen haben.
spalthammer 20.08.2009
4. Das kommt darauf an
Zitat von sysopIn Afghanistan ist die Sicherheitslage extrem gespannt, die deutschen Soldaten wappnen sich gegen neue Anschläge. Wie sieht die Zukunft des Landes aus: Demokratisierung oder Taliban-Terror ohne Ende?
Wie die Zukunft des Lands aussieht, hängt wohl stark von der weiteren Vorgehensweise ab: Wenn man endlich begreift, daß AFG für eine Demokratie westlicher Maßstäbe nicht reif ist, die Millionen für die getürkte Wahl lieber den Mohnbauern gibt, damit die KEINEN Mohn mehr anbauen, Obamas Strategie (und das sage ich als Obamakritiker) des Eroberns und Haltens konsequent weiterverfolgt (mit den entsprechenden Verlusten) um das Land endlich zu befrieden, DANACH den zivilen Wiederaufbau betreibt, dann kann das durchaus etwas werden. Das geht aber nur, indem man das System Karzai durch einen UN-Kontrollrat ersetzt und den Afghanen die Souveränität erst mal entzieht. Das wird den meisten (von den Exil-Afghanen mal abgesehen) wahrscheinlich auch egal sein, die wollen Frieden, Brot und ein Dach über dem Kopf wenn es kalt wird. Wenn man so weitermacht wie bisher, dann kann man sich bestenfalls geordnet zurückziehen, wahrscheinlich macht man eher britische Erfahrungen und irgendwann klopft wieder ein einsamer Reiter an ein Stadttor... Ich warte jetzt mal auf die Youtube Attacken und Twitter Offensiven der aufgebrachten Afghanen wegen der Wahl, auf die heilige Empörung des Westens ob der gekauften Stimmen (wenn es welche gibt) und auf das Fingerzeigen auf Russland ob des Schulterschlusses mit Karzai... ach, ich habe völlig vergessen, daß wir nicht im Iran sind. Gruß an alle, die dort dienen und bleibt gesund!
spalthammer 20.08.2009
5. Kommt darauf an...
Zitat von sysopIn Afghanistan ist die Sicherheitslage extrem gespannt, die deutschen Soldaten wappnen sich gegen neue Anschläge. Wie sieht die Zukunft des Landes aus: Demokratisierung oder Taliban-Terror ohne Ende?
Wie die Zukunft des Lands aussieht, hängt wohl stark von der weiteren Vorgehensweise ab: Wenn man endlich begreift, daß AFG für eine Demokratie westlicher Maßstäbe nicht reif ist, die Millionen für die getürkte Wahl lieber den Mohnbauern gibt, damit die KEINEN Mohn mehr anbauen, Obamas Strategie (und das sage ich als Obamakritiker) des Eroberns und Haltens konsequent weiterverfolgt (mit den entsprechenden Verlusten) um das Land endlich zu befrieden, DANACH den zivilen Wiederaufbau betreibt, dann kann das durchaus etwas werden. Das geht aber nur, indem man das System Karzai durch einen UN-Kontrollrat ersetzt und den Afghanen die Souveränität erst mal entzieht. Das wird den meisten (von den Exil-Afghanen mal abgesehen) wahrscheinlich auch egal sein, die wollen Frieden, Brot und ein Dach über dem Kopf wenn es kalt wird. Wenn man so weitermacht wie bisher, dann kann man sich bestenfalls geordnet zurückziehen, wahrscheinlich macht man eher britische Erfahrungen und irgendwann klopft wieder ein einsamer Reiter an ein Stadttor... Ich warte jetzt mal auf die Youtube Attacken und Twitter Offensiven der aufgebrachten Afghanen wegen der Wahl, auf die heilige Empörung des Westens ob der gekauften Stimmen (wenn es welche gibt) und auf das Fingerzeigen auf Russland ob des Schulterschlusses mit Karzai... ach, ich habe völlig vergessen, daß wir nicht im Iran sind. Gruß an alle, die dort dienen und bleibt gesund!
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