Kurz vor offiziellem Endergebnis Politikneuling Selensky zum Präsidenten der Ukraine gewählt

Der Großteil der Stimmen ist ausgezählt: Wolodymyr Selensky liegt mit über 73 Prozent bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine in Führung. Er löst Amtsinhaber Petro Poroschenko ab.

Wolodymyr Selensky direkt nach dem Schließen der Wahllokale
Valentyn Ogirenko/REUTERS

Wolodymyr Selensky direkt nach dem Schließen der Wahllokale


Der Schauspieler und politische Quereinsteiger Wolodymyr Selensky wird neuer Präsident der krisengeschüttelten Ukraine. Der prowestliche 41-Jährige kam bei der Stichwahl in der Ex-Sowjetrepublik am Sonntag nach Auszählung von 97,84 Prozent ausgezählter Stimmen auf 73,15 Prozent Zustimmung.

Für Amtsinhaber Petro Poroschenko meldete die Wahlkommission 24,53 Prozent der Stimmen. Es gab nach Angaben von Meinungsforschungsinstituten in Kiew einige ungültige Wahlzettel.

Am prowestlichen Kurs der Ukraine dürfte die Wahl nichts ändern. Bereits kurz nach dem Schluss der Wahllokale räumte Poroschenko seine Niederlage ein. Er gratulierte seinem Herausforderer Sieg. "So gehört es sich. So ist es in demokratischen Ländern üblich", sagte Poroschenko. Zugleich betonte er: "Ich werde weiter in der Politik bleiben und für die Ukraine kämpfen". Der 53-Jährige rief seinen Anhängern zu, niemals aufzugeben.

Die Wahl ist in mehrfacher Hinsicht historisch: Mit Selensky kommt in dem Land zwischen der EU und Russland erstmals ein Staatsoberhaupt ohne jedwede Regierungserfahrung ins Amt. Es ist das höchste Ergebnis, das je ein Präsident der unabhängigen Ukraine erzielt hat. Selensky, der jüngste Präsident der ukrainischen Geschichte, strebt wie Poroschenko einen EU-Beitritt an. Über einen umstrittenen Nato-Beitritt der Ukraine soll eine Volksabstimmung entscheiden.

Der zuletzt noch in Berlin von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) empfangene 53-Jährige Poroschenko hatte einen antirussischen Wahlkampf geführt. Poroschenko warnte davor, dass der russische Präsident Wladimir Putin sich das Land unterwerfen wolle. Selensky wies dabei Vorwürfe zurück, eine russische Marionette zu sein.

Ein Populist - ohne echtes Programm?

Der Oligarch Poroschenko war nach den proeuropäischen Protesten auf dem Maidan - dem Unabhängigkeitsplatz - in Kiew vor fünf Jahren der große Hoffnungsträger der EU und der USA. Er hatte bereits vor der sich abzeichnenden Wahlschlappe gesagt, jedes Wahlergebnis zu akzeptieren. "Ich verlasse mich auf die Weisheit des ukrainischen Volkes", sagte er am Wahltag.

Der in seiner Heimat gefeierte Showstar Selensky spielt seit Jahren einen Präsidenten der Comedy-Serie "Sluga Naroda" - zu Deutsch: Diener des Volkes. Wie in der Serie des Fernsehsenders 1+1, in der ein Geschichtslehrer überraschend Staatschef wird, will er nun als "einfacher Mensch", wie er sagt, das von Korruption geprägte System in seiner Heimat zerstören. Er hat zudem erklärt, alles für ein Ende des Krieges im Osten der Ukraine zu tun. Er zeigte sich auch bereit zum Dialog mit Russland.

Kritiker werfen dem Komiker vor, ein Populist ohne echtes Programm für die Zukunft des Landes zu sein. Immer wieder Thema ist auch Selenskys Nähe zu dem Oligarchen Igor Kolomojsky, der mit seinem TV-Kanal 1+1 Stimmung gegen Poroschenko machte.

Das zwischen ukrainischen Nationalisten und russlandfreundlichen Bevölkerungsteilen hin und her gerissene Land zu einen, dürfte zu den schwierigsten Aufgaben des neuen ukrainischen Präsidenten gehören. Viele Menschen hoffen auf mehr Wohlstand - vor allem aber auf steigende Löhne und Renten sowie sinkende Lebenshaltungskosten.

Erster Präsident ohne Machtbasis

Zehntausende Polizisten sicherten die gut 30.000 Wahllokale. Vor der Stimmabgabe von Selensky entblößte sich eine Aktivistin der ukrainischen Frauenrechtsgruppe Femen. Mit nacktem Oberkörper protestierte die hochschwangere Frau gegen den Favoriten und sagte: "Selensky ist eine Katze im Sack." Niemand wisse, in welche Richtung die Ukraine unter ihm steuere.

Der Sieg des Schauspielers war zwar nach Umfragen der vergangenen Wochen erwartet worden. Unklar ist aber, wie er die hohen Erwartungen der Bevölkerung erfüllen kann. Er stützt sich zwar auf eine nach seiner Fernsehsendung benannte Partei. Vertreten ist diese aber bisher nicht im Parlament.

Selensky wäre damit auch der erste Präsident ohne eine eigene Machtbasis. Bis zum Amtsantritt hat er noch einige Wochen Zeit. Er hält es für möglich, dass er angesichts unklarer Machtverhältnisse in der Obersten Rada die eigentlich für Oktober vorgesehene Parlamentswahl vorzieht.

tin/heb/Reuters/dpa/AFP



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
gammoncrack 21.04.2019
1. Nun darf man durchaus gespannt sein,
was der Ukraine die Zukunft bringt. Ich halte nicht viel von Poroschnenko, da er ganz sicher korrupt ist. Aber ich meine Zweifel, dass dieser Politikneuling es tatsächlich schafft, innen- und außenpolitisch die Änderungen herbeizuführen, die bitter nötig sind. Es sei ihm gegönnt, allein mir fehlt der Glaube.
ptb29 21.04.2019
2. Ich denke, in der Ukraine wird es so weitergehen wie bisher
Warum aber Angela Merkel sich in diesen Wahlkampf eingemischt hat, wird hoffentlich in ihren demnächst erscheinenden Memoiren stehen,
Schartin Mulz 21.04.2019
3. Die Sache ist einfach
Zitat von gammoncrackwas der Ukraine die Zukunft bringt. Ich halte nicht viel von Poroschnenko, da er ganz sicher korrupt ist. Aber ich meine Zweifel, dass dieser Politikneuling es tatsächlich schafft, innen- und außenpolitisch die Änderungen herbeizuführen, die bitter nötig sind. Es sei ihm gegönnt, allein mir fehlt der Glaube.
Bei Poroscnenko wäre klar gewesen, dass es so weiter geht wie bisher. Bei Selensky gibt es eine leise Hoffnung auf Änderung.
Emderfriese 21.04.2019
4. Offen
Ganz klar ist jetzt nur eines: dass die Menschen in der Ukraine in deutlicher Mehrzahl die Politik Poroschenkos nicht gewählt haben. Gleichzeitig ist auch die Unterstützung des Oligarchen durch Frau Merkel und andere "westliche" Politiker nicht gewählt. Was jetzt daraus erwächst, bleibt allerdings offen.
rrv.vogt 21.04.2019
5. wait and see!
Auch Poroschnenko war kein erfahrener Politiker, als er an die Macht kam und machte vllt auch deshalb viele Fehler. Bleibt die Hoffnung, dass sein Nachfolger aus diesen Fehlern lernen kann. Im Übrigen habenschon andere Schauspieler als Politiker große Veränderungen bewirkt. Allso: wait and see
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