Stichwahl in der Ukraine Sehnsucht nach Präsident Anständig

Vor der Stichwahl am Sonntag in der Ukraine führt der TV-Star Wolodymyr Selensky haushoch. Warum ist der politisch unerfahrene Kandidat so beliebt? Antworten sind in der Provinz zu finden.

Sergei Supinsky/ AFP

Aus Krementschuk berichtet


Irre nennen viele das, was gerade in der Ukraine passiert. Ein Schauspieler will Präsident werden, ein redlicher Präsident - einer, der mit dem Fahrrad statt der Limousine zur Arbeit fährt, sich nicht schmieren lässt und die Oligarchen bekämpft, die sich die Taschen vollmachen. Zu ehrlich, um wahr zu sein. Und doch hat er beste Chancen, am Sonntag im zweitgrößten Land Europas zum neuen Staatschef gewählt zu werden.

Kein Scherz - auch wenn viele zunächst meinten, es wäre einer.

Der Schauspieler und Komiker Wolodymyr Selensky, 41, machte sich noch während des Wahlkampfs in seiner Show über Amtsinhaber Petro Poroschenko und die politischen Eliten der Ukraine lustig, er drehte die letzten Folgen seiner beliebten Serie "Sluga Naroda" ("Diener des Volkes", die erste Staffel wurde allein 6,3 Millionen Mal auf YouTube geklickt) ab und bestückte seinen Instagram-Account.

Wolodymyr Selensky in seiner Serie "Sluga Naroda" als Präsident Holoborodko
Efrem Lukatsky/ AP

Wolodymyr Selensky in seiner Serie "Sluga Naroda" als Präsident Holoborodko

Politische Reden? Gab es nicht. Einen politischen Gegenentwurf zu Poroschenko? Gibt es nicht. Stattdessen Allgemeinplätze: Selensky verspricht, die Ukraine enger an EU und Nato anzunähern, den Krieg in der Ostukraine zu beenden, die Korruption und die Oligarchen zu bekämpfen, den Lebensstandard der Menschen - gemessen am Bruttosozialprodukt ist die Ukraine ärmstes Land Europas - zu verbessern.

Das alles hatte auch Poroschenko angekündigt, doch er schaffte es nur mit großen Mühen in die Stichwahl und liegt in den Umfragen weit abgeschlagen zurück. Haushoher Favorit ist Herausforderer Selensky, der mit 73 Prozent in den Umfragen führt. Ein Kandidat, der von Politik so gut wie keine Ahnung hat, Fragen lieber von seinen Beratern beantworten lässt - und dennoch den Wahlkampf über Wochen dominierte.

Woher kommt diese breite Unterstützung für den politischen Neuling? Um das zu erfahren, sollte man Kiew besser verlassen. In der Hauptstadt verstehen viele - vor allem diejenigen, die im Bereich der Politik tätig sind, die Eliten und Intellektuellen - die Welt nicht mehr. Die Emotionen überschlagen sich: Wie um Himmelswillen kann man einen unterstützen, der nicht sagen kann, was er in seinen ersten hundert Tagen im Amt umsetzen will? Der sich jeder konkreten politischen Diskussion entzogen hat?

Die Selensky-Familie

Familie Schumacher
Christina Hebel/ SPIEGEL ONLINE

Familie Schumacher

"Warum denn nicht? Es kann doch gar nicht schlechter werden", sagt Alexander Schumacher aus Krementschuk, 300 Kilometer südlich von Kiew, einer Stadt mit 220.000 Einwohnern am Dnjepr. Einer der größten Arbeitgeber ist das Kraz-Werk, eine Fabrik für Nutzfahrzeuge. Hier hat Selensky mit 37,92 Prozent die erste Runde der Präsidentschaftswahl gewonnen. Die Zentralukraine war eine der Hochburgen des Comedians. (Lesen Sie hier die Datenanalyse.)

Der 37-jährige Elektriker, dessen Familie den Namen deutscher Vorfahren trägt, wählt Selensky. Seine Frau Wiktorija, 35, wählt ihn auch. Seine Eltern Olga, 62, und Wiktor, 69. Seine Schwiegermutter Antonina Rubanik, 61.

"Ich glaube, wenn Selensky Präsident wird, dann wird die Ukraine erblühen", ruft Olga aus. Wieso sie ihm glaubt?

Weil sie Poroschenko nicht mehr glauben will.

"Der hat fünf Jahre gehabt, um das Land zu verbessern", sagt Antonina. "Und was hat er getan? Poroschenko interessiert mich nicht mehr." Olga nickt.

Olga Schumacher
Katja Lutska/ SPIEGEL ONLINE

Olga Schumacher

Korruption und alte Seilschaften

Die Familie sitzt am Wohnzimmertisch in der Zweizimmerwohnung von Alexander und Wiktorija bei Tee und Schokolade, über die sich die vier Jahre alte Tochter Alisa und der zwölfjährige Maxim freuen.

Die Erwachsenen sind politikmüde - vor allem wegen der grassierenden Korruption im Land. Wiktor erzählt, wie er zunächst im vergangenen Jahr 400 Hrywnja Strafe, rund zwölf Euro, zahlen sollte, weil er vergessen hatte, das Licht am Auto einzuschalten. Der Polizist habe dann zu ihm gesagt, 'gib mir 200 Hrywnja, dann kannst du weiterfahren', "das ist doch unglaublich", schimpft Wiktor.

Noch immer würden Seilschaften von Geschäftsleuten und Politikern in der Region funktionieren, wer Geld hat, setze seine Interessen durch, sagt sein Sohn Alexander. "Das war immer so und ist auch unter Poroschenko so." Den haben hier, in einem Wohnviertel mit Plattenbauten im Norden der Industriestadt Krementschuk, vor fünf Jahren noch viele gewählt.

Haus der Familie Schumacher
Christina Hebel/ SPIEGEL ONLINE

Haus der Familie Schumacher

Damals stand Poroschenko für die Hoffnung auf ein "neues Leben", wie er es nannte. Doch mittlerweile verkörpert der Staatschef ebenfalls das korrumpierte System.

Dass Poroschenko - zumindest nominell - der von ihm aufgebaute Süßwarenkonzern Roschen nicht mehr gehört, sei geschenkt, sagt Alexander, "Papier ist geduldig." Dass Selensky Verträge mit dem Kanal 1 plus 1 hat, der dem Oligarchen und Poroschenko-Gegner Ihor Kolomojsky gehört, findet er dagegen nicht schlimm. "Das sind Geschäftsbeziehungen. Wer ist denn hier der Oligarch?", fragt Alexander, um sich selbst die Antwort zu geben: "Das ist Poroschenko."

Die Familie zählt auf, was alles im Argen liegt: die schlechten Straßen, die siebenfach gestiegenen Gaspreise, die geringen Renten. Antonina war als Maschinenwärterin in einer Wasserpumpstation beschäftigt, geht noch in einem Supermarkt putzen, um sich etwas dazuzuverdienen. Wiktor und Olga arbeiteten ihr Leben lang, er im Labor eines Ölunternehmens, sie bei Kraz an den Maschinen. Zusammen haben sie 10.000 Hrywnja, rund 330 Euro, das ist nicht schlecht.

Wirtschaftlicher Aufschwung?

Poroschenko mit Frau Maryna
Brendan Hoffman/Getty Images

Poroschenko mit Frau Maryna

"Aber das Leben der Menschen könnte viel besser sein. Unser Land ist doch eigentlich nicht arm. Aber es profitieren nur wenige - und viele Tausende fahren ins Ausland, um ordentlich zu verdienen", sagt Wiktor.

Bis zu sechs Millionen Ukrainer sollen nach Angaben der Behörden zeitweise oder dauerhaft im Ausland arbeiten. Auch aus Krementschuk fahren sie gen Westen, das Durchschnittseinkommen liegt bei 8230 Hrywnja, rund 280 Euro. Dass der Staatschef einiges bewirkt hat - Veränderungen im Gesundheitswesen, eine Schulreform, die Modernisierung der Armee, die Visafreiheit -, scheint kaum wichtig.

Familie Schumacher träumt von einem Präsidenten, der durchgreift, der die Korruption endlich beendet, den Oligarchen sagt, wer Herr im Land ist. Was er allein aber gar nicht kann, angesichts des Mitspracherechts des Parlaments. Doch die Schumachers hoffen, dass Selensky auch in der Rada bei den kommenden Parlamentswahlen gewinnt. Seine Partei "Sluga Naroda" ist bisher allerdings nicht mehr ist ein Name.

Wiktor Schumacher (v.l.), Antonina Rubanik, Olga Schumacher und Wiktorija Schumacher
Christina Hebel/ SPIEGEL ONLINE

Wiktor Schumacher (v.l.), Antonina Rubanik, Olga Schumacher und Wiktorija Schumacher

Hoffnung, das ist das Wort, was immer wieder fällt. "Selensky ist der Richtige, jung, energisch, ein neues Gesicht", sagt Wiktorija, die Buchhalterin. Sie alle informieren sich im Fernsehen und in den sozialen Medien über den Wahlkampf - und trotz der Schmutzkampagnen, mit denen das Gegenlager versucht, Selensky zu verunglimpfen, ist er der Favorit der Familie.

"Verkäufer von Illusionen"

Dass Selensky sich nicht konkreter dazu geäußert hat, dass im Donbass seit fünf Jahren Krieg herrscht oder die Schwarzmeerhalbinsel Krim annektiert ist, stört niemanden, im Gegenteil. Das Vakuum ist ihre Projektionsfläche für Hoffnungen auf ein besseres Leben. Olga etwa sieht einen künftigen Staatschef, der die Rentner unterstützt; Alexander einen Präsidenten, der die Wirtschaft in Ordnung bringt.

Selensky ist "eine Blackbox, die jedem das Bild vom eigenen Präsidenten ermöglicht", sagt die ukrainische Politologin Alexandra Reschmedilowa. Die Schriftstellerin Oksana Sabuschka nennt Selensky einen "Verkäufer von Illusionen", kritisiert die allzu große Vertrauensseligkeit ihrer Landsleute, die so sehr an die Wende glauben wollen.

Familie Schumacher kann daran nichts Schlechtes finden. Zumal Selensky kein Dummer sei. Schließlich habe der TV-Produzent und Jurist sein Unternehmen Kwartal 95 erfolgreich geführt, sagt Alexander. Im Hintergrund, auf dem großen Fernseher der Familie, läuft Selenskys Comedyshow, der Schauspieler ist bei Klimmzügen zu sehen, was insbesondere die Frauen am Tisch interessiert.

Einer aus der Region

Alexander und Wiktoria Schumacher
Christina Hebel/ SPIEGEL ONLINE

Alexander und Wiktoria Schumacher

Selenskys Witze kommen gut an. Ist es nicht ein bisschen billig, sich nur über den Politikbetrieb zu mokieren? "Nein", sagt Alexander. Die anderen sind derselben Meinung. "In jedem Witz steckt auch ein Kern Wahrheit", sagt Olga. "Und die spricht er aus, so wie wir auch", ergänzt Alexander.

Familie Schumacher sieht Selensky als einen der ihren, der wie sie aus der Region stammt. Selensky ist in Krywyj Rih geboren, einer Industriestadt 160 Kilometer südlich von Krementschuk. "Ich bin kein Politiker, bloß ein einfacher Mensch, der gekommen ist, um das System zu stürzen", hat er im Olympiastadion beim TV-Duell gesagt.

Die Schumachers setzen darauf, dass Selensky schnell lernt. Dass er nicht perfekt ist, emotional und unbeholfen wirkt, finden sie nicht schlimm. "Selensky hat Berater an seiner Seite. Wichtig ist, dass die Richtung stimmt, der Wille nach Veränderung da ist." Und wenn er scheitert? "Dann haben wir den Wandel zumindest versucht."

Mitarbeit: Katja Lutska

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adieu2000 20.04.2019
1. Die Mehrheit wünscht sich Frieden und Gerechtigkeit
Bisher hatte Poroschenko auf Nationalismus und Konfrontation gegen Russland gesetzt, da er dadurch die maximale Unterstützung von Seiten der USA und NATO erhielt, aber auch Faschisten und Kriegstreiber setzten Alles daran das Land zu spalten. Frau Merkel gibt da ein ganz besonders trauriges Bild ab.
hugahuga 20.04.2019
2.
Zitat von adieu2000Bisher hatte Poroschenko auf Nationalismus und Konfrontation gegen Russland gesetzt, da er dadurch die maximale Unterstützung von Seiten der USA und NATO erhielt, aber auch Faschisten und Kriegstreiber setzten Alles daran das Land zu spalten. Frau Merkel gibt da ein ganz besonders trauriges Bild ab.
Nun ja, man weiß nicht, wer Merkel wie auf Linie gebracht hat. Denn es ist doch kaum vorstellbar, dass ihr die faschistischen Seiten in der ukrainischen Regierung nicht aufgefallen sein könnten. Sie kennt sicher den Namen Bandera, das Asowsche Regiement etc etc - ganz zu schweigen von den faschistischen Zeichen, die allenthalben zu erkennen sind. Aber der lange Arm von Frau Neuland und des Gatten Kagan, dazu noch Herr Soros etc mögen schon Einfluss gehabt haben. Wie anders wäre die direkte Wahlkampfunterstützung sonst zu erklären. Jedenfalls steckt sicher nicht Trump dahinter - es sind genau die Leute, die auch hinter Trump stecken und diesen steuern.
cum infamia 20.04.2019
3. Einmischung ?
Nachdem Mueller 2 Jahre lang nach Einmischung Russlands in die US- Wahl suchte, frage ich mich, wann die ofensichtliche Einmischung einer Merkel in die Ukrainewahl untersucht wird die sie sogar frech vor den Kameras zelebrierte.
Tom82 20.04.2019
4. Naja...
...er lässt sich von seinen Beratern helfen. Warum nicht, macht die deutsche Bundesregierung doch auch in ausreichendem, besser gesagt infaltionären Maße...
hansriedl 20.04.2019
5. Warum ist der politisch unerfahrene Kandidat so beliebt?
Ich glaube, dazu braucht es keinen Kommentar. Tapeten Wechsel ist angesagt. Die alte Garde hat die Taschen gefüllt nun müssen neue dran. Im Grunde wird sich nicht ändern, die Oligarchen sind zu mächtig. Das Volk wird weiter darben od. flüchten. Ist doch überall wo der Westen interveniert hat so. Die einen werden reicher die anderen noch ärmer.
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