May-Herausforderer Corbyn "Wie lächerlich ist das denn?"

Kurz vor der Wahl in Großbritannien schmilzt der Vorsprung von Premierministerin May. Mit einer "vollkommen unpassenden" Äußerung liefert sie Herausforderer Corbyn eine Steilvorlage. Der dringt auf ein TV-Duell.

Jeremy Corbyn, Theresa May
Getty Images

Jeremy Corbyn, Theresa May


Der Wahlkampf in Großbritannien geht in die entscheidende Phase, am 8. Juni wählen die Briten ein neues Parlament. Premierministerin Theresa May setzt vermehrt auf persönliche Attacken gegen ihren Herausforderer Jeremy Corbyn. Mit seinen Positionen zum Brexit stünde der Labour-Chef bei Verhandlungen mit der EU "allein und nackt" da, sagte May am Dienstagabend.

Ihre Botschaft: Nur sie - und nicht Corbyn - sei in der Lage, Großbritannien aus der EU zu führen.

Am Mittwoch konterte Corbyn. Es sei "vollkommen unpassend", einen anderen Menschen als nackt zu beschreiben - "sogar mich". Er selbst würde sich so nicht ausdrücken, sagte der Labour-Chef.

Die meisten Umfragen sehen Mays Konservative deutlich vorne. Doch der Abstand hat sich verringert, statt 20 Prozentpunkten wie im Mai liegen die Tories derzeit nur noch sechs bis 14 Prozentpunkte vor Labour.

May hatte im April überraschend vorgezogene Neuwahlen angekündigt. Ihr Ziel ist es, ihre eigene Mehrheit zu vergrößern und Kritiker in der eigenen Partei kalt zu stellen.

Corbyn erneuerte zudem seine Forderung nach einem TV-Duell. May lehnt das ab, sie will sich offenkundig nicht auf eine Stufe mit ihrem Herausforderer begeben.

Corbyn setzt auf Bildung und Gesundheit

Am Montag waren die beiden nacheinander im Fernsehen aufgetreten. "Wie lächerlich ist das denn?", fragte Corbyn nun. "Kommen Sie schon, Frau Premierministerin, lassen Sie uns reden." Er werde auch höflich sein, versprach Corbyn.

Dass die Wahl doch noch spannend werden könnte, war vor wenigen Wochen nicht vorauszusehen gewesen. Schließlich steckt die sozialdemokratische Labour Party seit Langem in einer tiefen Krise. Corbyn ist innerparteilich umstritten und galt bislang als für große Teile der Briten unwählbar.

Dazu kommt, dass die Partei keine klare Haltung zum Brexit hat. Corbyn ist dafür, ein Großteil seiner Abgeordneten dagegen.

Der Labour-Chef setzt deshalb auf andere Themen, vor allem Bildung und Gesundheit: "Die Zukunft unseres Gesundheitswesens und unserer Schulen steht bei dieser Wahl auf dem Spiel", sagte er. Das Land könne sich keine weiteren fünf Jahre eine konservative Regierung leisten.

Kanzlerin Angela Merkel äußerte sich am Mittwoch auch zum Brexit. Die EU habe Frieden, Wohlstand und Stabilität gebracht, sagte Merkel beim Deutschen Städtetag in Nürnberg. Deshalb sei sie betroffen, dass Großbritannien für den Austritt gestimmt habe. "Wir werden natürlich diese Trennungsverhandlungen in dem Geist führen, dass Großbritannien ein guter Partner wird." Die verbleibenden 27 EU-Staaten müssten sich aber auf ihre Stärken besinnen und könnten sich nicht nur mit den Brexit-Verhandlungen beschäftigen.

cte



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kloppskalli 31.05.2017
1. so what..
Corbyn oder May - beide woollen nicht laenger in der EU bleiben, wen interessierts dann wer von den beiden die Wahl gewinnt.. Die Mehrheit der Briten hat sich in ihr Schicksaal ergeben, man wankt dem mehr oder weniger gelassen Brexit entgegen. Irgendwie wirds schon weiter gehen..
RieserMan 31.05.2017
2. Brexit = forcierte Fehlentscheidung
Es ist eine Tatsache, daß der überstürzte Abschied der Britten von Europa für die jüngere Generation fatale Folgen hat. Die Beschäftigungsrate wird abnehmen und der Austausch schwieriger wenn nicht unmöglich. May und ihr seltsamer Aussenminister Johnson sind Traumtänzer, die die prekäre Situation GBs falsch einschätzen. Der knappe Brexit-Entscheid wird sich in den Wahlergebnissen widerspiegeln. Labour hätte noch größere Chancen, wenn sie eine klare Anti-Brexit-Linie vertreten würden.
Snoopy60 31.05.2017
3. Völlig belangslos, wie die Briten nächste Woche abstimmen...
... wenn es in knapp 2 Jahren tatsächlich zum Brexit kommt, haben sie auf der Insel ganz andere Probleme zu stemmen als Bildung und Gesundheitswesen. Das soll nicht heißen, daß beides unwichtig wäre. Abgesehen davon bin ich noch immer nicht davon überzeugt, daß der Brexit wirklich kommt. Ist es denn wirklich so absurd und nicht im Bereich des Möglichen, daß sich die Insulaner drüben zum ersten Mal Gedanken zu Europa im Algemeinen und zu ihrer Beziehung zum Kontinet im besonderen Gedanken machen und sie bei diesem Prozeß realisieren, was für eine Schnapsidee der Brexit gewesen ist? Ist es so unmöglich, daß die Bevölkerung auf die Straße gehen und Druck auf die Politik ausüben wird? Habe ich mich verlesent oder stand es geschrieben, man sondiere bereits, ob und unter welchen Bedingungen das Austrittsersuchen zurückgenommen werden kann? Gerade im Hinblick auf die Haltung der Schotten und evtl. auch der Nordiren halte ich den Brexit noch längst nicht für eine ausgemachte Sache.
Konrad_L 31.05.2017
4. Kleines Analysebeispiel
"Corbyn ist innerparteilich umstritten und für große Teile der Briten unwählbar." a) "umstritten" ist das neue Judaswort. Sobald jemand Positionen vertritt, die dem Mainstream missfallen, kann man ihn wahrheitsgemäß als "umstritten" brandmarken. Mit all den nützlichen Konnotationen von "unseriös", "sektiererisch", "führungsschwach", die dabei mitschwingen. b) "für große Teile der Briten unwählbar" heißt soviel wie: Nur ein "Linker", der auch für Konservative wählbar ist, ist ein guter Linker. Und nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer.
rkinfo 31.05.2017
5.
Theresa May hat kein Konzept für den Brexit - Punkt. Würde sie 'wir verhandeln mit der EU bis 2019, ansonsten gibt's 35% Einfuhrsteuer auf Alles' wäre dies eine klare Linie. Ihre Haltung zu innerparteilichen Kritikern, aber auch dem formal unterlegenen Jeremy Corbyn gibt zu denken.
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