Wahl in Großbritannien Tories laut erster Prognose mit absoluter Mehrheit vorn

Die Konservativen haben laut Nachwahlbefragungen die Parlamentswahl in Großbritannien gewonnen. Den Exit Polls zufolge könnten die Tories mit Premierminister Boris Johnson die absolute Mehrheit im Unterhaus erreichen.
Boris Johnson nach seiner Stimmabgabe: Er kam mit seinem Hund Dilyn zur Wahl

Boris Johnson nach seiner Stimmabgabe: Er kam mit seinem Hund Dilyn zur Wahl

Foto: Henry Nicholls/REUTERS

Die Tories von Premierminister Boris Johnson  sind bei der britischen Unterhauswahl einer ersten Prognose zufolge stärkste Partei geworden. Laut der Exit Polls kommt die Regierungspartei auf voraussichtlich 368 der 650 Sitze. Damit hätten die Konservativen die absolute Mehrheit erreicht und könnten allein regieren.

Die zweitstärkste Partei, Labour, kommt der Prognose zufolge auf 191 Sitze - sollte sich dieser Ausgang bestätigen, wäre das für die britischen Sozialdemokraten ein historisch schlechtes Ergebnis. Die Schottische Nationalpartei (SNP) kommt der Prognose zufolge auf 55 der 59 Sitze in Schottland, die proeuropäischen Liberaldemokraten erzielten demnach 13.

Die Exit Polls  sind eine Erhebung im Auftrag der Sender BBC, ITV News und Sky News. Das Meinungsforschungsinstitut Ipsos Mori befragt Wähler an 144 Wahllokalen in England, Schottland, Wales und Nordirland direkt nach der Stimmabgabe. Auf Basis dieser Daten wird eine Prognose über die Mehrheitsverhältnisse im Unterhaus erstellt.

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Der Vorsprung in den Prognosen fällt für Johnsons Tories enorm aus. Belastbare Zahlen jedoch stehen erst im Lauf der Nacht fest - nach Auszählung der meisten der 650 Wahlbezirke. Das amtliche Endergebnis wird im Laufe des Freitags erwartet. Sollten die Exit Polls annähernd richtig liegen, wäre das Ergebnis laut der BBC der größte Sieg der Konservativen seit 1987 - und für Labour das schlechteste seit 1935.

Landesweit konnten die Wahlberechtigten in mehr als 4000 Wahlbüros abstimmen. Davor bildeten sich trotz ungemütlichen Wetters lange Schlangen, vor allem in London, Cambridge und Manchester.

Johnson: "Wir leben in der großartigsten Demokratie der Welt"

Wenn sich die Zahlen bestätigen, hätte Premier Johnson die benötigte absolute Mehrheit, um als Premierminister weiterzuregieren. Er hätte dann freie Bahn für seinen Brexit-Deal und könnte Großbritannien wie geplant zum 31. Januar 2020 aus der Europäischen Union führen. Johnson bedankte sich bei allen Wählern, freiwilligen Helfern und Kandidaten seiner Partei. "Wir leben in der großartigsten Demokratie der Welt", schrieb er am späten Abend auf Twitter.

Mit der Unterstützung anderer Parteien können die Konservativen nicht rechnen, mit ihnen hat es sich Johnson verscherzt. Sie fallen als Bündnispartner aus. Seinen Wahlhelfern und Parteikollegen verordnete Johnson schon nach Bekanntwerden der Exit Polls eine "Partynacht".

Labour-Chef Jeremy Corbyn bräuchte nicht zwingend eine absolute Mehrheit. Er wäre im Falle eines "Hung Parliament" handlungsfähig, weil er eine Minderheitsregierung mit ein bis zwei Bündnispartnern führen könnte.

Video: So funktioniert das britische Wahlsystem

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Labour-Finanzexperte John McDonnell sagte nach Bekanntwerden der ersten Prognosen: "Wenn das Ergebnis auch nur annähernd so ist, wie die Prognose aussagt, ist das extrem enttäuschend." Er schloss personelle Konsequenzen nicht aus. "Wenn die Ergebnisse vorliegen, werden wir angemessene Entscheidungen treffen", sagte er auf die Frage im BBC-Interview, ob Parteichef Corbyn und er selbst ihren Hut nehmen müssten.

Labour-Kandidat Phil Wilson twitterte in der Nacht zu Freitag, die Parteispitze "sollte die Verantwortung übernehmen". Gareth Snell, der für die Sozialdemokraten im mittelenglischen Stoke-on-Trent antrat, forderte laut BBC, Corbyn und McDonnell müssten gehen (mehr zu den Reaktionen der Labour-Partei auf die drohende Wahlschlappe erfahren Sie hier).

Die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon wertete den prognostizierten Wahlausgang auf Twitter als "bitter" für das Land. Gleichzeitig freute sie sich über das starke Abschneiden ihrer Schottischen Nationalpartei. Sturgeon dürfte das als Mandat für ein zweites Unabhängigkeitsreferendum für den Landesteil deuten.

Wie es zur Neuwahl kam

Die Briten hatten 2016 in einem Referendum mit knapper Mehrheit für den EU-Austritt gestimmt. Nach zähen Verhandlungen konnte Johnsons Vorgängerin Theresa May im November 2018 ein Austrittsabkommen vorlegen. Doch die anschließende Ratifizierung im britischen Parlament scheiterte. Nicht zuletzt, weil ihre Regierung seit der vergangenen Wahl 2017 keine eigene Mehrheit mehr hatte. Der Brexit wurde mehrmals verschoben, May musste schließlich zurücktreten.

Johnson handelte nach seinem Amtsantritt im Sommer 2019 Änderungen am Austrittsabkommen aus. Der umstrittenste Teil, die sogenannte Backstop-Regelung für eine offene Grenze zwischen dem britischen Nordirland und dem EU-Mitglied Republik Irland, wurde durch eine alternative Regelung ersetzt. Nordirland soll sich demnach künftig weiterhin an EU-Regeln zu Zöllen und Produktstandards halten.

Das stieß jedoch auf Widerstand in der nordirisch-protestantischen DUP, von deren Stimmen die konservative Minderheitsregierung abhängig war. Nach einem erfolglosen Versuch, sein Abkommen mit Stimmen aus der Opposition durch das Parlament zu bringen, drang Johnson schließlich auf eine Neuwahl.

mst/aar/dpa