Wahl in Kärnten Haiders Privatpartei kämpft ums Überleben

Der Mythos des tödlich verunglückten Parteichefs soll helfen: Das Rechtsbündnis BZÖ setzt bei der Landtagswahl in Kärnten voll auf die Politik Jörg Haiders - obwohl der seinen Bürgern ein mieses Erbe hinterlassen hat. Davon profitiert die SPÖ, die in Umfragen deutlich zugelegt hat.

Von


München - Es war eine Sensation. Die Kärntner machten ihn zum ersten FPÖ-Regierungschef im Nachkriegsösterreich. Damals, im Frühjahr 1989, katapultierte der wegen der Farbe seines Schals nurmehr "der blaue Jörg" gerufene Haider seine freiheitliche Partei im Bundesland Kärnten auf 29 Prozent, die über vier Jahrzehnte mit absoluter Mehrheit regierenden Sozialdemokraten stürzten auf 44 Prozent ab. FPÖ und ÖVP konnten gemeinsam den Landeshauptmann Haider in Kärntens Hauptstadt Klagenfurt installieren.

Kärntner BZÖ-Spitzenkandidat Dörfler: "Lesen, Gartenarbeit, Holzfällen"
AP

Kärntner BZÖ-Spitzenkandidat Dörfler: "Lesen, Gartenarbeit, Holzfällen"

Die Karten würden "neu gemischt", kündigte Haider an. Und mischte fortan die österreichische Republik auf - populistisch, demagogisch, egoistisch. 1991 musste er als Landeshauptmann zurücktreten, weil er die "ordentliche Beschäftigungspolitik" im "Dritten Reich" gelobt hatte. Von 1999 an war er aber erneut Regierungschef in Kärnten.

Sein letzter Aufreger: Die "Sonderbetreuungseinrichtung für Asylbewerber" wegen mutmaßlicher Straffälligkeit in 1200 Meter Höhe auf der Saualm. Gegen einige der zwischenzeitlich Internierten lag nicht mal eine Anzeige vor. Die Zukunft der Anstalt ist unklar.

Der Haider-Nachfolger erzählt einen Witz

Haider sei der "erfolgreichste Rechtsextremist im Nachkriegseuropa", gewesen, stellte der renommierte österreichische Politologe Anton Pelinka nach Haiders Unfalltod im Oktober 2008 fest.

Die Republik bereitete ihrem Rechtsaußen ein rot-weiß-rotes Staatsbegräbnis voller Pomp, mit Militär und Klerus und Mozartrequiem. Haiders Partei "Bündnis Zukunft Österreich" (BZÖ) hatte den Führer verloren und zimmerte sich einen Mythos.

Nur: Wie lange spielt das in der Realpolitik noch eine Rolle?

Ziemlich genau 20 Jahre nach der Sensation von Klagenfurt wird sich am selben Ort wohl die Zukunft des BZÖ entscheiden - und mithin die der politischen Landschaft der ganzen Republik. Denn bei der Landtagswahl in Kärnten stellen sich am kommenden Sonntag die Haider-Nachfolger zur Wahl, an ihrer Spitze Landeshauptmann Gerhard Dörfler: ein blass-biederer 53-jähriger früherer Brauerei-Geschäftsführer.

Aufgefallen ist er im Januar mit einem "Negermama"-Witz, wie das Magazin "profil" berichtete. Bei einer Pressekonferenz mit dem farbigen Schlagersänger Roberto Blanco witzelte Dörfler: Eine "Negermama" und eine weiße Mutter stillten nebeneinander ihre Babys. Das weiße Baby zeige schließlich "auf das Negerbaby und sagt: 'Mama, ich möchte auch Kakao'".

Keiner im Raum soll gelacht haben. Und Dörfler wiederum soll das nicht recht verstanden haben. Später sprach er von seiner langen Bekanntschaft mit Blanco und dass der sich an seinem Spaß nicht gestoßen habe.

Neben Witzen hat Dörfler noch andere Hobbys, laut Homepage: Lesen, Gartenarbeit, Holzfällen. Er gibt den Kumpeltyp, auf manchen Plakaten steht nur "Gerhard". Doch kein Vergleich mit dem ewig braungebrannten, ewig juvenilen Polit-Popstar Jörg. Und der war fünf Jahre älter.

Dörfler steckt in der Zwickmühle. Einerseits will er mit dem Haider-Mythos die Leute mobilisieren: Sein Büro ist drapiert mit Bildern des Verstorbenen; in Lambichl bei Klagenfurt, dort wo Haider mit 1,8 Promille im Blut in den Tod raste, will er mit Spendengeld eine Gedenkstätte errichten lassen; das Wrack des VW Phaeton hat er ankaufen lassen; die Wähler können am Sonntag nicht einfach das BZÖ ankreuzen sondern die "Liste Jörg Haider, BZÖ"; auf Plakaten heißt es: "Wir passen auf dein Kärnten auf. Garantiert". Andererseits kann Dörfler neben dieser Kult- und Kunstfigur Haider kaum glänzen.

Privatpartei ohne Führer

"Dem Vergleich will das BZÖ natürlich entgehen", sagt Peter Filzmaier, Politikwissenschaftler an der Donau-Universität Krems. Auffällig sei, dass mit dem Verstorbenen "weniger Wahlkampf gemacht wird als zunächst angenommen". So werde etwa Haiders Konterfei nicht plakatiert, so Filzmaier zu SPIEGEL ONLINE. Bei der letzten Wahl hätten mehr als die Hälfte der Wähler als ein wichtiges Wahlmotiv die Person Haiders angegeben.

Doch was soll eine "Privatpartei" - wie die "Zeit" einmal schrieb - machen, wenn ihr der Führer abhanden gekommen ist? Die Kärntner Rechtspopulisten mühen sich, Haiders Politik fortzuführen statt den einstigen Zampano zu imitieren. Dazu gehört auch die Forderung nach Fortbestand der "Sonderanstalt" Saualm. Auf dem Neujahrsempfang der Partei mahnte Haiders Witwe Claudia, die Erinnerungen an ihren Mann "als Schatz zu betrachten, den man nur zu besonderen Gelegenheiten herausholt".

Der Kärntner Wahlsieger wird noch mit einem ganz anderen Haider-Erbe zu kämpfen haben: Die Arbeitslosenquote liegt über dem österreichischen Durchschnitt, seit drei Jahren gibt es keinen ordentlichen Haushaltsabschluss, im Pro-Kopf-Schuldenstand liegt Kärnten vorn in der Republik.

Haider hatte vor fünf Jahren 42,4 Prozent in Kärnten geholt, die SPÖ lag mit 38,4 Prozent auf dem zweiten Platz. Für den Sonntag nun ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden Parteien prognostiziert, die SPÖ hat in den letzten Wochen aufgeholt, nach einer Gallup-Umfrage steht es nur noch 39 zu 38 Prozent fürs BZÖ.

Experte Filzmaier rechnet mit einer Wahlbeteiligung um die 80 Prozent: "Das ist ein massiver Mobilisierungswahlkampf." Die Intensität in Relation zur Bevölkerung - Kärnten hat nur 430.000 Wahlberechtigte - sei "nahezu einmalig". Man komme in Klagenfurt an keinem Baum ohne Wahlplakat vorbei.

Eine hohe Mobilisierung nutze vor allem den großen Parteien SPÖ mit Kandidat Reinhart Rohr an der Spitze und dem BZÖ - "wem sie mehr nutzt, das wird die Schlüsselfrage des Sonntags sein", so Filzmaier. Keiner der beiden aber kann mit einer absoluten Mehrheit rechnen, und so hoffen die Christsozialen von der Volkspartei ÖVP darauf, "Zünglein an der Waage" sein zu können. 2004 kamen sie nur auf enttäuschende 11,6 Prozent.

In Kärnten herrscht ein Proporzsystem. Das heißt: Die gewichtigeren Parteien entsenden Regierungsmitglieder, die Schwelle dafür liegt bei knapp zehn Prozent Stimmenanteil. Der Landeshauptmann aber wird mit Mehrheit im Parlament gewählt. Und da könnten sowohl SPÖ als auch BZÖ schließlich auf die ÖVP angewiesen sein.

Die "große Unbekannte" dagegen sei die FPÖ, sagt Filzmaier. Die Freiheitlichen, von denen sich Haider 2005 mit seinem BZÖ abgespalten hat, kämpfen nach Umfragen mit der Fünf-Prozent-Hürde und also dem Einzug in den Landtag. Spitzenkandidat Mario Canori jedoch peilt mehr als zehn Prozent an und zeigte sich im Interview mit dem "Standard" durchaus bereit, auch mit der SPÖ über den Landeshauptmann zu sprechen: "Im Falle einer Einladung durch die SPÖ Kärnten werde ich mich selbstverständlich an den Verhandlungstisch setzen."

Zwar schließt der sozialdemokratische Kanzler Werner Faymann ein solches Bündnis mit den Rechtsradikalen auf Bundesebene aus - für Kärnten aber bedeutet das wenig. Dies gilt auch für das Land Salzburg, wo am Sonntag ebenfalls gewählt wird. Hier will die SPÖ mit Landeshauptfrau Gabi Burgstaller ihre Führung verteidigen und weiter mit der ÖVP koalieren, doch hat man auch eine Zusammenarbeit mit der FPÖ nicht ausgeschlossen.

Mit Ausnahme Kärntens führen die "Freiheitlichen" das sogenannte dritte Lager in Österreich an. Verliert das BZÖ am Sonntag seine Bastion in der Klagenfurter Regierungszentrale, droht ein langsamer Zerfallsprozess.



insgesamt 25 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
forumgehts? 27.02.2009
1.
Zitat von sysopDas Rechtsbündnis BZÖ des verunglückten Jörg Haider kämpft bei der Landtagswahl in Kärnten um dessen Mythos. Stehen Haiders radikale Erben vor dem Aus?
Haider gehts weiter!
rosarinimara 27.02.2009
2.
Vor paar Tagen hörte ich im östereichischen Radio FM4, dass mehrere Wiener Polizisten einen schwarzen Lehrer krankenhausreif geprügelt haben.(unter anderem Wirbelverletzungen). Die Rechtfertigung des Polizeisprechers:"Die Beamten haben den Mann mit einem Drogendealer verwechselt" Die Polizei behauptet, sie hätten sich sofort als Polizisten ausgewiesen, und der Mann hätte sich gewehrt. Der Lehrer bestreitet dies. "warum sollte ich lügen". Die Polizisten wurden auch während die (interne) Untersuchung noch läuft nicht suspendiert. Schockierend finde ich, dass die Polizisten ihr Verhalten anscheinend dadurch legitimiert sehn , dass ne Verwechslung vorlag, als würden für schwarze Drogendealer keine Rechte gelten.. Link kann ich leider keinen bieten, wie gesagt kam im Radio.
capu65, 27.02.2009
3.
Zitat von rosarinimaraVor paar Tagen hörte ich im östereichischen Radio FM4, dass mehrere Wiener Polizisten einen schwarzen Lehrer krankenhausreif geprügelt haben.(unter anderem Wirbelverletzungen). Die Rechtfertigung des Polizeisprechers:"Die Beamten haben den Mann mit einem Drogendealer verwechselt" Die Polizei behauptet, sie hätten sich sofort als Polizisten ausgewiesen, und der Mann hätte sich gewehrt. Der Lehrer bestreitet dies. "warum sollte ich lügen". Die Polizisten wurden auch während die (interne) Untersuchung noch läuft nicht suspendiert. Schockierend finde ich, dass die Polizisten ihr Verhalten anscheinend dadurch legitimiert sehn , dass ne Verwechslung vorlag, als würden für schwarze Drogendealer keine Rechte gelten.. Link kann ich leider keinen bieten, wie gesagt kam im Radio.
Hier bitte sehr: http://www.europahoster.com/europa/wien-polizei-misshandelt-afroamerikanischen-lehrer-in-der-u-bahn/ Wenn man den letzten Wahlkampf in Österreich Revue passieren läßt kann man eine weitverbreitete Ausländerfeindlichkeit feststellen. Ich bin mehrmals in der Woche in Österreich. Auf vielen Plakaten verschiedener Parteien waren Politiker mit nationalen Parolen zu sehen.
Deighton 27.02.2009
4.
Es hat sich ausgehaidert, aber Strache scheint m.e. schlimmer zu sein als das Haiderle.
rednermesiter 27.02.2009
5.
Ohne Haider hat das BZÖ keine Zukunft. Haider war ein Hoffnungsträger, eine nationale Identifikationsfigur, ein politischer Rebell, der den Mut hatte, gesellschaftliche Tabus anzusprechen. Das BZÖ kann nicht ewig vom Mythos Haider leben. Es ist wie ein Schiff mit einer unterdurchschnittlich besetzten Mannschaft ohne Kapitän.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.