Wahl in Russland Angst vor Anschlägen

Die Präsidentenwahl in Russland findet aus Furcht vor Attentaten tschetschenischer Terroristen unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen statt. Unter den elf Bewerbern um die Nachfolge von Präsident Boris Jelzin gilt dessen Wunschkandidat, der amtierende Staatschef Wladimir Putin, als Favorit.


Moskau - Zum zweiten Mal seit dem Ende der Sowjetunion sind etwa 108 Millionen wahlberechtigte Russen aufgerufen, ein neues Staatsoberhaupt zu bestimmen. Russische Sicherheitskräfte bewachen seit Samstag die landesweit 94.000 Wahllokale und wichtige Einrichtungen wie Atomkraftwerke. Am Wahlsonntag will das russische Innenministerium 460.000 Mann einsetzen, um Störungen der Wahl oder Anschläge zu verhindern. In Tschetschenien lieferten sich die Rebellen Scharmützel mit den russischen Truppen. Dort sollen am Sonntag 15.000 Bewaffnete des Innenministeriums die 336 Wahllokale des Krisengebiets sichern.

Tausende Polizisten und Soldaten patroullieren zur Wahl durch das gesamte Land
AP

Tausende Polizisten und Soldaten patroullieren zur Wahl durch das gesamte Land

Letzte Umfragen gaben dem amtierenden Präsidenten Putin einen deutlichen Vorsprung um die 50-Prozent-Marke. Auf dem zweiten Platz sahen die Meinungsforscher den Kommunisten-Chef Gennadi Sjuganow. Ihm räumten sie eine kleine Chance auf den Einzug in eine Stichwahl ein. Dritter in den Umfragen war der liberale Politiker Grigori Jawlinski, der Vorsitzende der Partei Jabloko.

Putin empfing am Samstag Helle Degn, die dänische Leiterin der Beobachter-Delegation der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Degn lobte nach Angaben aus Putins Pressestab die Wahlvorbereitungen. Im Gespräch mit der Agentur Itar-Tass wiederholte sie jedoch ihre Einschätzung, in Tschetschenien sei die Lage zu unsicher für faire Wahlen. "Alles, was wir in dieser Situation tun können, ist, uns nach Tschetschenien zu begeben und zu verfolgen, wie dort die Wahlen abgehalten werden", sagte sie.

Putins Popularität in Russland gründet sich vor allem auf seine harte Haltung im Tschetschenien-Krieg. Die Moskauer Führung möchte mit der Wahl in Tschetschenien beweisen, dass die abtrünnige Kaukasus-Republik untrennbar zur Russischen Föderation gehört. Dort sind etwa 460.000 Menschen wahlberechtigt, darunter auch die russischen Soldaten. Die russische Seite berichtete von Versuchen der Rebellen, die Zivilbevölkerung vor der Wahl einzuschüchtern.

In der Nacht zum Samstag beschossen die Rebellen mehrere Polizeiposten. Bei Gudermes und bei Argun vereitelten russische Truppen den Versuch von Partisanengruppen, in die Orte einzudringen. In Samaschki lieferten sich Rebellen ein Feuergefecht mit den russischen Truppen. Auf dem Gelände eines Wahllokals in dem Ort Snamenskoje am Terek entdeckte die Polizei rechtzeitig eine bereits scharf gemachte Granate.

Putin rechnet nach Angaben von Wahlkommissions-Leiter Weschnjakow fest mit einer gültigen Wahl. Für einen gültigen ersten Wahlgang fordert das russische Wahlgesetz eine Beteiligung von mehr als 50 Prozent.

Der russische Präsident wird für eine Amtszeit von vier Jahren gewählt. Weil sich das größte Land der Erde über elf Zeitzonen erstreckt, öffnen die Wahllokale zu unterschiedlichen Zeiten. Im Fernen Osten begann die Wahl bereits am Samstagabend um 20 Uhr MEZ (Ortszeit Sonntag 08.00 Uhr). Ergebnisse werden am Sonntagabend und in der Nacht zum Montag erwartet. Etwa 1000 internationale Beobachter überwachen den Wahlverlauf.



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