Wahldebakel Beschämte Italiener watschen Berlusconi ab

Zu alt, zu obsessiv, zu peinlich: Italiens Wähler haben genug von Silvio Berlusconi. Bei den Kommunal- und Regionalwahlen erlitt der Premier eine schwere Schlappe, selbst seine Hochburg Mailand muss er abschreiben. Seine einstigen Weggefährten planen schon für die Zeit nach ihm.
Wahldebakel: Beschämte Italiener watschen Berlusconi ab

Wahldebakel: Beschämte Italiener watschen Berlusconi ab

Foto: Giuseppe Aresu/ AP

Rom - Die Zeit von Silvio Berlusconi, 74, läuft ab. Er ist, trotz Dauerliftings und Haarimplantation, zu alt, zu obsessiv, zu peinlich. Wenn er sich etwa, wie vorige Woche beim G-8-Treffen in Deauville, überfallartig über US-Präsident Barack Obama beugt und dem unvermittelt ins Ohr raunt, Italien sei "eine Diktatur der Justiz", dann macht das den Amerikaner nur rat- und sprachlos. Berlusconis Landsleute aber schämen sich zunehmend, auch seine Wähler. Sie schämen sich wegen seiner Sex-Partys, wegen seiner schalen Altherren-Witze, die er auf internationalen Konferenzen vorträgt, und weil die halbe Welt über ihren Ministerpräsidenten nur noch lacht.

So sind die Italiener bei den Stichentscheiden in 88 Städten und sechs Provinzen den Wahlurnen in Scharen ferngeblieben oder zu Oppositionskandidaten übergelaufen und haben ihrem einstigen Idol eine dramatische Niederlage beschert. Diese Nachwahlen fanden überall dort statt, wo beim ersten Urnengang vor 14 Tagen kein Bewerber auf mindestens 50 Prozent der Stimmen kam. Etwa sechs Millionen Italiener durften nun ein weiteres Mal ihre Stimme abgeben. Das Ergebnis ist - nach dem aktuellen Stand der Auszählungen und als stabil geltenden Hochrechnungen - für die in Rom regierende Koalition verheerend.

Wichtige Städte wie Cagliari auf Sardinien werden demnach künftig nicht mehr von rechts, sondern von Mitte-links regiert. Triest und Novara im Norden und sogar die Müll- und Mafia-Stadt Neapel haben sich gegen die Berlusconi-Kandidaten entschieden. Selbst die Hochburg Mailand votierte mehrheitlich für den "linken" Rechtsanwalt Giuliano Pisapia. Halb so wild, ließ Berlusconi gleich streuen, um zu retten, was zu retten ist. Es handele sich schließlich nur um unbedeutende Provinzwahlen, mit offenkundig zu schwachen Kandidaten in den eigenen Reihen. Um ihn gehe es gar nicht. Aber er selbst hatte den Urnengang vorab zum Referendum über die Politik seiner Regierungskoalition erklärt.

"Wer links wählt, hat kein Hirn"

Alles hatte der regierende Milliardär deshalb nach dem ersten Wahlgang versucht, um den Negativtrend noch zu wenden, vor allem in der Symbolstadt Mailand. Mit Interview-Auftritten und Videobotschaften hatte er seine privaten TV-Anstalten ebenso überschwemmt wie die staatlichen Fernsehprogramme. Er werde Mailand nicht "gewalttätigen Linksextremen überlassen", hieß es da zum Beispiel, "die die Stadt - rote Fahnen schwenkend - Zigeunern und Muslimen übergeben wollen". Oder er polemisierte: "Wer links wählt, hat kein Hirn."

Letizia Moratti, zur Berlusconi-Partei gehörende amtierende Bürgermeisterin der italienischen Wirtschaftsmetropole, hatte mit immer neuen Versprechungen gelockt. Billige Wohnungen für Studenten würden gebaut, Tausende von Arbeitsplätzen geschaffen, die Roma-Lager am Stadtrand geräumt und der Bau einer Moschee verboten. 15 Millionen Euro steckte die Milliardärsgattin in ihren Wahlkampf, zehnmal so viel wie ihr Widersacher. Vergebens. Rund 55 Prozent der Wähler in Mailand wollen den Wechsel.

"Wenn Mailand aufwacht, dann wacht ganz Italien auf", schrieb die Tageszeitung "La Repubblica" vorab. Nun ist das römische Blatt nicht gerade politisch neutral. Es schießt seit langem wie kein anderes gegen Berlusconi. Aber an der These ist gleichwohl viel dran. Denn Mailand war stets das Machtzentrum des regierenden Medientycoons. Berlusconi, nicht die Bürgermeister-Kandidatin Moratti, steht als Nummer eins auf der Wahlliste der Partei "Volk der Freiheit" (PdL). Es ist seine Geburtsstadt, dort stieg er zum reichsten Mann des Landes auf, seine Unternehmen zogen ganze Stadtteile hoch. Dort startete er vor 17 Jahren seine Polit-Karriere, eng alliiert mit dem Bürgertum der Stadt. Und in dieser Stadt, die zu den führenden Wirtschaftszentren Europas zählt, sagt nun plötzlich einer der großen alten Manager, der 87-jährige Cesare Romiti, Ex-Präsident von Fiat, über den von Berlusconi als linksradikal verteufelten Gegenkandidaten, Giuliano Pisapia: Dieser sei ein "Ehrenmann, gebildet, freundlich, kultiviert - ein guter Bürger in der Mailänder Tradition".

Finanzminister Tremonti wird schon als Nachfolger gehandelt

Berlusconi hat mit der Hölle gedroht und den Himmel versprochen - aber die Wähler sind ihm nicht mehr auf den Leim gegangen. Er hat den Mythos des unbesiegbaren Wahlkämpfers verloren. Schon bricht in seiner Partei allerorten ratloses Gezänk aus, wie es weitergehen soll.

Und, noch gefährlicher, der Koalitionspartner - die ausländerfeindliche "Lega" - sorgt sich, dass sie mit in den Strudel gerissen wird. Denn auch sie hat in ihren norditalienischen Revieren Federn lassen müssen. "Das war eine Wahl gegen Berlusconi", gab ein Lega-Funktionär sogleich die Richtung kommender Debatten vor.

Schon werden unter den Koalitionären Alternativen durchgespielt. Kandidaten für eine Regierung ohne den großen Zampano habe sie längst im Kopf, an der Spitze steht Wirtschafts- und Finanzminister Giulio Tremonti. Der traut sich zwar noch nicht aus der Deckung, aber sein Name fällt immer häufiger. Er werde weiter regieren, erklärt Italiens Regierungschef stoisch, er habe eine stabile Mehrheit. Er ist dazu verdammt, bis zum Letzten um die Macht zu kämpfen, solange ihm in laufenden Gerichtsverfahren hohe Haftstrafen drohen.

Und schon in dieser Woche stehen dazu wieder zwei Verhandlungen an. In einer geht es um die Frage, ob er bezahlten Sex mit der minderjährigen Ruby hatte, in der anderen um falsche Abrechnungen in Millionenhöhe beim Kauf von Filmrechten.

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