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Hollande vor der Präsidentschaft Erschöpft auf der Bastille

Am Abend seines Sieges wirkt Frankreichs neuer Präsident müde und voller Ehrfurcht vor seiner gewaltigen neuen Aufgabe. Aber François Hollande muss den Wandel vom Kandidaten zum Präsidenten unter Hochdruck schaffen. Außen- und innenpolitisch drängen wichtige Termine.

Der Schock steht ihm ins Gesicht geschrieben. François Hollande lächelt nicht, als er sich am Sonntagabend nach 21 Uhr seinen Weg durch die Menschenmenge bahnt, auf den Platz vor der Kathedrale von Tulle, seinem Wahlkreis in Südwestfrankreich, wo er seine Siegesrede halten will.

Dann steht er auf einer Bühne vor mehr als tausend Menschen, der Platz leuchtet malerisch in der Abenddämmerung wie eine Postkarte des ländlichen Frankreichs, in dem scheinbar alles noch in Ordnung ist. Aber Hollande wirkt blass, genau wie seine Rede, in der er ein paar Wahlversprechen wiederholt: für Gerechtigkeit wolle er stehen und für die Jugend. Er sagt: "Ich ermesse die Ehre, die mir zuteil wird, und die Herausforderung, die mich erwartet." In den Wochen vor dem Sieg glühte etwas in ihm, auch in der Fernsehdebatte gegen Nicolas Sarkozy war es zu spüren, er war erfüllt von der Aussicht auf den Sieg. Doch am Abend seines Triumphs scheint die präsidiale Aura verflogen.

Hollande wirkt in diesem Moment klein vor der gewaltigen Aufgabe, die ihn erwartet. Er sieht zwar glücklich aus, aber auch sehr ernst. Wie ein Mensch, dem die Schwere seines neuen Auftrags langsam bewusst wird. Der Präsident Frankreichs ist schließlich ein gewählter König. Er thront über der Nation. Sein Amt ist mit einer ungeheuren symbolischen Bedeutung aufgeladen, und es ist zuerst einmal größer als jeder, der es ausfüllen soll. Der Mann, über den Jacques Chirac vor sehr langer Zeit einmal sagte: "Mehr Leute haben von Mitterrands Labrador gehört, als von François Hollande", steht nun selber in einer Reihe mit Louis XIV., Napoleon und General de Gaulle.

Sarkozy lässt Präsidenten-Schutztrupp zu Hollande schicken

Die ersten Insignien des neuen Amts erreichten Hollande in der Provinz gegen 19 Uhr an diesem Abend. Im Himmel hoch über Tulle schwebten mit einem Mal Hubschrauber. Scharfschützen sicherten nun den Platz, auf dem er später sprechen würde. Als er schließlich kam, um seinen Sieg zu feiern, war sein Begleitkonvoi auf ein gutes Dutzend Wagen angeschwollen, er reiste nun wie der Präsident. Nicolas Sarkozy hatte um 18 Uhr selbst den Befehl unterzeichnet, den Schutztrupp des Präsidenten nach Tulle zu entsenden, so berichten es französische Journalisten. Das war eine symbolisch bedeutsame Handlung, schließlich enthielt sie bereits das Eingeständnis seiner Niederlage.

Im Konvoi rast Hollande nach seiner Siegesrede zum 55 Kilometer entfernten Flughafen von Brive. Wieder begrüßt eine Menschenmenge den "président élu", den gewählten Präsidenten, an der er zunächst vorbeirast, direkt aufs Rollfeld. Bevor er abhebt, kehrt er dann doch noch zurück ans Gitter, schüttelt Hände, hinter ihm seine Partnerin Valérie Trierweiler. Sie ist die erste unverheiratete Première Dame des Landes, und sie scheint sich mit ihrer neuen Rolle noch nicht angefreundet zu haben. Als sie später am Abend von einem Journalisten gefragt wird: "Ist das der schönste Tag Ihres Lebens?" Da lautet ihre Antwort: "Nein."

Es ist schon nachts um halb eins, als Hollande vor die 300.000 Feiernden auf der Place de la Bastille tritt, seine Stimme ist heiser und dünn. "Ich habe euren Willen zum Wandel verstanden", sagt er. "Danke, danke, Volk von Frankreich, dass ihr hier versammelt seid." Er wolle reparieren, gerade biegen, vereinen. Er wirkt einfach nur noch müde. Als er von der Bühne geht, sagt er den Journalisten: "Gut, ich geh jetzt schlafen." Seine Fans, seine Wähler, die versammelte Linke, feiert die Nacht durch weiter, sie feiert ihren Präsidenten, dessen Arbeit nun beginnt. Und als Erstes wird François Hollande in seine Rolle finden müssen.

Wie wird Hollande mit Merkel zusammenarbeiten?

Er ist erst der zweite sozialistische Präsident in der fünften Republik. Der andere war François Mitterrand gewesen. Ihn hat sich Hollande in dieser Kampagne zum Vorbild genommen, er hat ihn in seinen Auftritten verkörpert, wenn nicht gar nachgeahmt. Er werde ein "normaler Präsident" sein, das war das zentrale Versprechen seiner Kandidatur. Gemeint war damit: das Gegenteil von Sarkozy. Das Tagesgeschäft versprach er der Regierung zu überlassen, so wie das vor Sarkozy Tradition war. Und er wollte auch sonst in jeder Hinsicht das Gegenteil seines Vorgängers sein.

Er versprach, dem Land soziale Gerechtigkeit zu bringen und sich um die Jugendlichen in den Banlieues zu kümmern. Und sein Wahlkampf folgte in den vergangenen Wochen zunehmend einem zentralen Leitmotiv: dem Widerstand gegen die Austeritätspolitik in Europa. Hollandes Reden hatten in diesem Punkt manchmal etwas geradezu Messianisches - er versprach den Völkern Europas, sie vom Sparjoch zu befreien und damit von Angela Merkel, der Allierten seines Gegners Sarkozy. Auch am Sonntagabend sagte Hollande in Tulle: "Die Austerität ist nicht länger ein Schicksal." Das werde er "Deutschland sagen, im Namen der Freundschaft, die uns verbindet, und im Namen der Verantwortlichkeit, die uns gemein ist." Und die Menschen jubelten.

Doch am Sonntag war Hollande noch im Wahlkampfmodus, er war noch nicht im Amt angekommen. Seine Reden in Tulle und auf der Bastille schlugen kein neues Kapitel auf. Sie erlauben keine wirklichen Schlüsse darauf, was für ein Präsident Hollande sein wird. Er ist gerade erst dabei, sich vom Kandidaten in einen Präsidenten zu verwandeln. Seine neuen Mitspieler wollen nun mit ihm reden, am Sonntag gingen schon Anrufe von Staatschefs ein. Barack Obama meldete sich, und auch Angela Merkel gratulierte, die es ihm so leicht gemacht hatte, sie zu einem Feindbild aufzubauen, weil sie ihn schnitt.

Straffer Terminplan im In- und Ausland

Doch nun ist eine neue Zeit angebrochen. Und François Hollande ist bald der neue wichtigste Partner von Angela Merkel in Europa. Erst einmal werden die beiden sich baldmöglichst treffen, vielleicht sogar schon am 15. Mai, nach Hollandes Amtseinführung. Da wird sich zeigen, wie weit entfernt die beiden in ihren Vorstellungen wirklich voneinander entfernt sind, und wie weit jeder von ihnen gehen will, um sich durchzusetzen. Nur wenige Tage danach folgt der G8-Gipfel in Camp David, dann der Nato-Gipfel in Chicago, wo Hollande ursprünglich ankündigen wollte, dass die französischen Kampftruppen Afghanistan bereits Ende dieses Jahres verlassen werden. Und mit Sicherheit werden die Finanzmärkte den neuen Präsidenten testen.

Auch in der Innenpolitik gibt es für Hollande keine Ruhepause. Praktisch sofort beginnt die Kampagne für die Parlamentswahlen im Juni. Dort müssen die Sozialisten wieder eine Mehrheit gewinnen, wenn sie auch die Regierungsmehrheit haben wollen - und in diesem Fall wird Hollande seinen Premierminister ernennen müssen. Auch von dieser Wahl hängt viel ab. Wenn er die Parteichefin Martine Aubry wählt, seine Gegnerin bei den parteiinternen Vorwahlen, entscheidet er sich für einen linken Kurs. Wählt er den Fraktionschef Jean-Marc Ayrault ist das ein Zeichen für eine eher technokratische Regierung - und es wäre eine Geste Deutschland gegenüber. Denn Ayrault spricht Deutsch und hat gute Verbindungen zur SPD.

Angesichts dieses dichtgedrängten Programms der ersten 40 Tage seiner Amtszeit erklärt sich vielleicht, warum François Hollande am Abend seines Sieges so ernst war. Für ihn beginnt die Zeit der großen Prüfungen und der Entscheidungen. Erst in ihr wird sich zeigen, was für ein Präsident er wirklich sein wird, wie weit er sich von seinen Wahlkampfversprechen entfernen kann, um ein großer Präsident zu werden. Und ob er das Amt ausfüllen kann, das François Mitterrand 31 Jahre vor ihm errang, und in dem er nicht nur einer Legende der Linken wurde, sondern auch zu einem großen französischen Staatsmann.