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13. Mai 2014, 08:14 Uhr

Wahl in Indien

Hochrechnungen sagen Sieg der Nationalisten voraus

Von , Neu-Delhi

Indiens nächster Ministerpräsident heißt vermutlich Narendra Modi. Nach Schließung der Wahllokale sehen Meinungsforscher seine Hindu-Nationalisten vorne. Noch ist das Ergebnis nicht sicher, doch der Kurs der Rupie steigt bereits.

Nach dem Ende der weltweit größten jemals abgehalten Wahl rechnen Meinungsforscher in Indien mit einem deutlichen Sieg der Koalition um die hindu-nationalistische Bharatiya Janata Partei (BJP). Nach Prognosen von vier großen Instituten könnten die Nationalisten demnach sogar eine absolute Mehrheit im Lok Sabha genannten indischen Parlament erlangen, wenn auch nur knapp.

Narendra Modi, der es vom Teeverkäufer zum wirtschaftsfreundlichen Spitzenpolitiker gebracht hat, dürfte dann der künftige Ministerpräsident Indiens und Chef einer stabilen Regierung werden. Die Bekanntgabe der Hochrechnungen war der Startschuss für hitzige Talkrunden auf allen indischen Nachrichtensendern.

Die Analysten, die dort zu Wort kommen, sind über Tage ausgebucht: Denn bevor Modi und seine Anhänger ihre Siegesfeiern abhalten können, bleibt es noch lange spannend. Die Auszählung der über eine halbe Milliarde abgegebenen Stimmen wird noch bis Freitag dauern.

Überraschungen in ländlichen Gebieten

Und das dann verkündete offizielle Ergebnis könnte alle Vorhersagen umschmeißen: Nachwahlbefragungen geben in Indien oft ein sehr ungenaues Bild des tatsächlichen Resultats ab. So sagten schon 2004 alle Analysten einen Wahlsieg der BJP voraus, den diese dann doch nicht eingefahren hatte.

Soziologen begründen diese Diskrepanz damit, dass Meinungsforscher aus Kostengründen Daten nur in einem Bruchteil des Subkontinents mit seinen vielen verschiedenen Volksgruppen, Religionen und Sprachen erheben können. Bei der Auszählung der vielen ländlichen, abgelegenen Gebiete kommt es daher oft zu Überraschungen. Sicher ist bislang nur, dass die Wahlbeteiligung mit 66,38 Prozent der Bevölkerung so hoch war wie nie zuvor.

An Indiens Märkten scheinen Händler fest an den Wahlsieg Modis zu glauben. Schon vor dem Ende des über fünf Wochen in Etappen abgehaltenen Urnengangs stiegen die Kurse in den vergangenen Tagen auf Rekordhochs, die Rupie auf den höchsten Wert seit zehn Monaten. Grund für die Euphorie ist das Wahlkampf-Versprechen Modis, das Wirtschaftswunder in dem von ihm regierten Bundesstaat Gujarat auf ganz Indien zu übertragen. In Gujarat hat Modi in den vergangenen 13 Jahren die Bürokratie auf Effizienz getrimmt, viele gesetzliche Hürden abgebaut und so indische wie ausländische Investoren angelockt.

Neue Infrastruktur und Arbeitsplätze

Mit demselben Rezept will er nun ganz Indien attraktiv machen, die veraltete Infrastruktur überholen und Arbeitsplätze schaffen. Die Kongress-Partei, die das Land die letzten zehn Jahre regiert hat, muss den Vorhersagen nach mit einer herben Niederlage rechnen. Während die Prognosen beispielsweise der CSDS-Gruppe für den Sender CNN-IBN die BJP und ihre Partner auf 270 bis 282 der 545 Sitze im Parlament veranschlagen, stufen die Forscher die Kongress-Partei bei nur 92 bis 102 Sitzen ein.

Das wäre das historisch schlechteste Ergebnis für die von der Nehru-Gandhi-Dynastie geführten Partei, die das Land seit der Unabhängigkeit von Großbritannien über 50 Jahre lang regiert hat.

Doch in den vergangenen Jahren stieß immer mehr Wählern die Vetternwirtschaft und Korruption auf, mit denen der Kongress sich die Macht und seinen Anhängern ein Auskommen sicherte. Modi, der sich als Bekämpfer der Korruption geriert, schien da vielen eine gute Alternative. Doch ein Sieg Modis würde auch Befürchtungen schüren, dass ein Hindu-Nationalist an der Spitze des 1,2 Milliarden-Einwohner-Staats - willentlich oder unwillentlich - die religiösen Konflikte in Indien befeuern könnte.

Modis Rolle in Pogromen ungeklärt

Modis politische Karriere begann bei einer rechtsextremen Hindu-Organisation, die im Falle seines Sieges Einfluss auf seine Politik nehmen könnte. Der 63-Jährige hat aus seiner Abneigung gegenüber dem Islam in der Vergangenheit keinen Hehl gemacht und seine Rhetorik erst im Wahlkampf etwas entschärft. Während seiner Amtszeit kam es 2002 in Gujarat zu religiös motivierten Ausschreitungen, bei denen über Tausend Menschen, die meisten Muslime, starben.

Modis Rolle in den Pogromen wurde nie geklärt. Im vergangenen Jahr verglich er die Getöteten mit "Hundewelpen, die vom Auto überfahren werden", was unter Modi-Gegnern zu einem Aufschrei der Empörung führte. In Indien leben geschätzt 138 Millionen Muslime.

Die Ausschreitungen in Gujarat sind es auch, die für Modi zu Stolpersteinen auf der Bühne der internationalen Politik werden könnten: Nach den Pogromen schnitten ihn westliche Regierungen. Die USA verweigerten ihm 2005 gar ein Einreisevisum wegen "besonders schwerer Verletzung der Religionsfreiheit".

Zwar haben sich westliche Diplomaten in Neu-Delhi in den vergangenen Monaten um eine Verbesserung der Beziehungen zur BJP und Modi bemüht, doch Washington gibt sich nach wie vor unterkühlt: Die Glückwünsche, die Barack Obama Modi übermitteln werden muss, sollte sich dessen Wahlsieg bestätigen, dürften nicht von Herzen kommen.

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