Wahlsieg für Jerusalems Bürgermeister Dauerauftrag für Bibis Baumeister

Amtsinhaber Nir Barkat hat die Bürgermeisterwahl in Jerusalem nur knapp gegen die Ultraorthodoxen gewonnen. Doch die Konflikte zwischen Juden, Christen und Palästinensern wird er nicht lösen: Der Freund von Premier Netanjahu verteidigt die Siedlungspläne im Osten der geteilten Stadt.

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Von , Jerusalem


Für Nir Barkat unterscheidet sich Jerusalem nicht von anderen Städten, "nicht im geringsten", sagt er. Er vergleicht seine Stadt gern mit London, wahlweise auch mit Berlin - selbstverständlich dem der Gegenwart. Vielleicht, schränkt er ein, sei die Heilige Stadt, etwa was den öffentlichen Nahverkehr angehe, noch nicht ganz so weit wie London - aber Barkat ist zuversichtlich, dass auch dieser kleine Modernitätsmakel sich bald erledigt haben wird: Er hat ja nun fünf weitere Jahre Zeit, daran zu arbeiten. Denn bei den Kommunalwahlen am Dienstag verteidigte Barkat sein Amt - genau wie Ron Huldai, Bürgermeister in Tel Aviv, der zweiten großen israelischen Stadt.

Der 54-jährige Software-Millionär Barkat hatte vor der Wahl wenig Zweifel daran gehabt, Bürgermeister Jerusalems zu bleiben. Doch dass es mit nur 51 Prozent so knapp werden würde, hätte er wohl nicht gedacht. Was durchaus von Selbstvertrauen zeugt in einer Stadt, in der die Rabbis nur eine schlechte Nacht haben müssen, um einem Kandidaten ihre Unterstützung zu entziehen. Dann wählen Tausende Ultrareligiöse aller Schattierungen plötzlich anders als erwartet. Auf diese Weise besiegte Ehud Olmert 1993 den ungläubigen Teddy Kollek, dieser war zuvor 28 Jahre lang Stadtoberhaupt von Jerusalem gewesen.

Auf die Unterstützung der Ultrareligiösen hoffte auch Barkats Rivale Mosche Leon im Kampf um das Rathaus. Er war für die Kandidatur eigens ausgesucht worden vom ewigen Strippenzieher der Rechten, Avigdor Lieberman, und dem Führer der ultraorthodoxen Shas-Partei. Barkats Bruder hatte in weiser Voraussicht noch eine App kreiert, um die Barkat-Anhänger auch tatsächlich an die Urnen zu bewegen, die Wahlbeteiligung war trotzdem so gering wie nie zuvor.

Er sei kein zweiter Kollek - und er wolle auch keiner sein, sagt Barkat kurz vor dem Wahltag: Gelassen sitzt er vor einer Vitrine voller städtischer Reliquien im sechsten Stock seines trutzigen Rathauses im Zentrum von Jerusalem. Dieses Zentrum hat er als Bürgermeister in den vergangenen Jahren ziemlich umgemodelt: Die Jaffa-Straße, eine Hauptachse der Stadt, die Ost und West miteinander verbindet, ist zur Fußgängerzone geworden. Sie zieht sich vom Rathaus nun fast bis zum berühmten Machane Jehuda-Markt, genannt Souk. Dort gibt es jetzt auch ein paar Bars, für die sogar Tel Aviver den Weg nach Jerusalem auf sich nehmen.

Mit Barkat wurde Jerusalem ansehnlicher

Barkat erzählt dann davon, wie schrecklich alles früher war, und wie gut es seit ziemlich genau fünf Jahren ist. Ausgeglichener Haushalt, mehr Kultur, dreimal so viele Jobs wie vor seinem Amtsantritt. Dank ihm und seinem Stadtrat ist Jerusalem für einen Großteil der Bevölkerung tatsächlich ein wenig komfortabler geworden. Und ansehnlicher, zum Beispiel durch die Fußgängerzone.

"Wir haben zuerst die Makroebene verändert, jetzt wenden wir uns der Mikroebene zu", sagt Barkat, nach wie vor Businessman. Er will weiter die Stadt begrünen, auch drei neue Trambahn-Linien sollen in den nächsten Jahren gebaut werden. Kurz: In den kommenden fünf Jahren werde Jerusalem immer mehr aussehen wie eine normale mitteleuropäische Metropole.

Teddy Kollek jedenfalls wäre wohl nicht auf die Idee gekommen, Jerusalem mit London zu vergleichen. Es war ihm bewusst, dass die Stadt nicht nur eine der ältesten ist, sondern auch eine der umkämpftesten: Zankapfel nicht nur in Nahost; Heiligtum der drei großen monotheistischen Weltreligionen. Kollek hat damals zumindest versucht, in seiner Stadt den Ball flach zu halten zwischen Juden, Christen und Muslimen.

Betrachtet man, anders als Nir Barkat, eben diese "Makroebene", herrscht der Bürgermeister de facto über eine geteilte Stadt. 37 Prozent der rund 800.000 Bewohner sind Palästinenser, sie leben überwiegend im Ostteil der Stadt. Dort ist der Lebensstandard um einiges niedriger als im Westen. Hier kommt nicht nur die Müllabfuhr seltener, es gibt auch weniger Schulen, weniger Ärzte und weniger Jobs.

Er kämpfte erst gar nicht um die Stimmen der Palästinenser

Nur ein Zehntel des städtischen Budgets geht nach Ost-Jerusalem. Auf neun Postämter hier kommen 42 im überwiegend jüdischen West-Jerusalem. Im Ostteil gibt es zehn Kindergärten, im Westteil dagegen 173. Die israelische Menschenrechtsorganisation B'Tselem wirft der Gemeindeverwaltung deshalb "systematische Diskriminierung" vor. Barkat streitet das ungehalten ab, er sagt: "Wir kümmern uns um alle Bürger." Er gibt aber zu, erst gar nicht um die Stimme der Palästinenser geworben zu haben. Das habe "keinen Sinn", sagt er. Der Großteil von ihnen boykottiert sozusagen traditionell die Wahlen.

Für Barkat, Duz-Freund von Premierminister Benjamin "Bibi" Netanjahu, ist die Jerusalem-Frage, ewiger Knackpunkt der Friedensverhandlungen früher wie heute, bereits gelöst. Der Status seiner Stadt sei nicht verhandelbar, sagt Barkat. Das ungeteilte Jerusalem ist die Hauptstadt aller Juden, und zwar ausschließlich ihre.

Egal, ob es um den Felsendom mit der Aksa-Moschee geht - das drittwichtigste Heiligtum des Islam - oder um die Grabeskirche: Auch die Kontrolle über die heiligen Stätten obliege allein den Juden, findet Barkat. Jerusalem sei eine jüdische Stadt.

Dass die Palästinenser, mit internationaler Unterstützung, das 1967 von der israelischen Armee eroberte Ost-Jerusalem als ihre Hauptstadt beanspruchen, ficht ihn nicht an. "Sie können Ramallah haben", sagt er SPIEGEL ONLINE. Deshalb fördert Nir Barkat nach Kräften eben nicht nur den Ausbau der Trambahn, sondern auch die jüdische Besiedlung des Ostteils der Stadt . "Wir Juden sollen überall wohnen dürfen", sagt er. Fragt man ihn, ob er denn an eine Zweistaatenlösung glaube, antwortet er: "Ich weiß nicht so recht, was das bedeuten soll."

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