Wahlen in Kanada Trudeau braucht jetzt einen Partner

Für Kanadas Premier Justin Trudeau wird das Regieren künftig schwieriger: Bei den Wahlen verloren die Liberalen die absolute Mehrheit. Sein Rivale Andrew Scheer spekuliert bereits auf einen baldigen Machtwechsel.

Carlo Allegri /REUTERS

Trotz deutlicher Verluste bei den Parlamentswahlen kann Kanadas Premierminister Justin Trudeau weiter regieren. Mit voraussichtlich 156 errungenen Sitzen in Ottawa blieben die Liberalen klar unter ihren 184 Mandaten von 2015 - für eine absolute Mehrheit wären 170 Sitze nötig gewesen.

Das Ergebnis bedeutet, dass die Liberalen zum Regieren nun die Duldung kleinerer Parteien brauchen und sich aktiv Mehrheiten suchen müssen, beispielsweise bei den Sozialdemokraten oder dem erstarkten regionalen Bloc Québécois. Minderheitsregierungen sind in Kanada nichts Ungewöhnliches, haben in der Regel aber eine kürzere Halbwertszeit als Kabinette, die sich auf eine absolute Mehrheit stützen. "Wir werden zusammen vorwärtsgehen in eine bessere Zukunft", sagte Trudeau vor Anhängern in Montréal. Sein Team werde für alle Kanadier kämpfen.

Trudeaus Rivale Andrew Scheer: "Wir sind die Regierung in Lauerstellung"
Todd Korol /REUTERS

Trudeaus Rivale Andrew Scheer: "Wir sind die Regierung in Lauerstellung"

Die Konservativen lagen aufgrund des Direktwahlsystems mit wohl 122 Mandaten deutlich hinter den Liberalen, obwohl sie insgesamt die meisten Stimmen erhielten.

An seine Kritiker gewandt sagte Trudeau, er habe ihre Enttäuschung vernommen und werde sicherstellen, dass ihre Stimmen gehört werden. Die liberale Regierung werde fortsetzen, was sie in den vergangenen vier Jahren begonnen habe. Dazu gehörten der Kampf gegen den Klimawandel und gegen Waffengewalt.

Der konservative Spitzenkandidat Andrew Scheer gab sich kämpferisch gegenüber Trudeau: "Seine Führung ist angeschlagen und seine Regierung wird bald vorbei sein", sagte er. Und wenn sie falle, würden die Konservativen bereitstehen. "Wir sind die Regierung in Lauerstellung." Scheer betonte, dass die Konservativen insgesamt mehr Stimmen als die Liberalen erhalten hätten.

US-Präsident Donald Trump gratulierte Trudeau zu seinem "hart erkämpften Sieg", mit dem Kanada gut bedient sei. "Ich freue mich darauf, mit Ihnen an der Verbesserung unserer beiden Länder zu arbeiten", schrieb Trump am Dienstagmorgen auf Twitter.

Schon vor der Wahl im flächenmäßig zweitgrößten Land der Welt hatte sich abgezeichnet, dass Trudeau seine absolute Mehrheit im Parlament verlieren könnte. Rund 27 Millionen Bürger waren in dem G7-Staat dazu aufgerufen, neue Abgeordnete zu wählen.

als/dpa

insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
Knack5401 22.10.2019
1. Ja wo ist er denn jetzt, der Herr Scheer?
Angeblich hatte er doch Chancen auf einen Wahlsieg? 122 müde Stimmen sollten den Protzer etwas demütiger reagieren lassen. Dass Trudeau künftig einen Koalitionspartner braucht ist weiterhin positiv.
jh2015 22.10.2019
2. Kanadas Wahl zwischen Oel und Klima
Die Berichterstattung in Deutschland und die Kommentare der kanadischen Medien war ja sehr geprägt von den Fauxpas des MPs und weit weniger von den eigentlichen Sachthemen. Zweifelsohne hat Trudeau diverse persönliche Fehler gemacht , entscheidend für die Wähler waren lt. diverser Umfragen jedoch Themen wie Klima , Bildung, Soziales und Einwanderung. Die Konservativen ( mit einer Basis im Erdöl-reichen, mittleren Westen und einer Affinität zu Trumps Republikanern ) haben versucht , auf die Person Trudeau abzuzielen und dabei zu wenig für die Wähler außerhalb ihrer Stammwähler geliefert. Daher ist der Ausgang eigentlich keine Überraschung (siehe auch 338canada oder CPC Polltracker). Bedenklicher ist hingegen , die auch in Kanada zunehmende Spaltung der Gesellschaft zwischen Städtern in den Küstenprovinzen und der Bevölkerung in den ländlichen Gegenden des mittleren Westens - ganz wie in den USA und im Trend auch vergleichbar mit Deutschland.
arne.gobert 22.10.2019
3. Zweierlei Mass
Also "122 müde Stimmen" hat der angebliche "Protzer" nicht bekommen, sondern die Konservativen stellen 122 Abgeordnete, obwohl sie die meisten Stimmen erhalten haben. Soviel mal zu den Fakten dieser Wahl. Warum regt sich eigentlich keiner über dieses Wahlsystem auf, wo die Mehrheit der Stimmen nicht zur Mehrheit im Parlament führt und dafür für eine Regierung ausreicht? Oder das Wahlsystem in GB? Ach ja, hier regt man sich ja immer nur über Ungarn auf, wo eine Mehrheit der Stimmen auch zu einer Mehrheit im Parlament führt.
mwroer 22.10.2019
4.
Zitat von Knack5401Angeblich hatte er doch Chancen auf einen Wahlsieg? 122 müde Stimmen sollten den Protzer etwas demütiger reagieren lassen. Dass Trudeau künftig einen Koalitionspartner braucht ist weiterhin positiv.
Sie lesen auch nur die Zahlen die Ihnen gefallen oder ? Die Konservativen haben mehr Stimmen als die Liberalen. Steht aber auch im Artikel :) Es ist NUR dem Wahlsystem zu verdanken dass sie weniger Abgeordnete stellen. Ein bisschen so wie in den USA: Donald Trump hat weniger Stimmen beim Peoples Vote und trotzdem regiert er. Das sind halt die verschiedenen Wahlsysteme in den verschiedenen Staaten. Da kann man die Mehrheit der Stimmen haben und trotzdem in der Opposition sitzen.
mwroer 22.10.2019
5.
Zitat von arne.gobertAlso "122 müde Stimmen" hat der angebliche "Protzer" nicht bekommen, sondern die Konservativen stellen 122 Abgeordnete, obwohl sie die meisten Stimmen erhalten haben. Soviel mal zu den Fakten dieser Wahl. Warum regt sich eigentlich keiner über dieses Wahlsystem auf, wo die Mehrheit der Stimmen nicht zur Mehrheit im Parlament führt und dafür für eine Regierung ausreicht? Oder das Wahlsystem in GB? Ach ja, hier regt man sich ja immer nur über Ungarn auf, wo eine Mehrheit der Stimmen auch zu einer Mehrheit im Parlament führt.
Andere Staaten, andere Systeme. So ist das halt und darüber regt sich auch niemand besonder auf. Über das ungarische System hat man sich aufgeregt, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, weil es VOR den Wahlen eine Wahlrechtsreform gab die die Zahl der Abgeordneten erheblich reduziert hat und zwar so dass die großen Parteien erheblich gewinnen. Und so war es wohl möglich dass eine Partei mit rund 44 % der Stimmen oder so eine 2/3 Mehrheit im Parlament hätte bekommen können wofür sie bei den vorherigen Wahlen noch die absolute Mehrheit der Stimmen nötig hatte! Also da hat die regierende Partei offensichtlich zu ihren Gunsten manipuliert und darüber (!) wurde sich aufgeregt. Ich sehe da schon einen ziemlichen Unterschied.
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