Trump und die US-Wahl Die unglaubliche Wucht des Populismus

Die Wahl in Amerika läuft - doch selbst wenn Donald Trump das Rennen um das Weiße Haus verlieren sollte: Sein Wahlkampf wird die ganze westliche Welt prägen.

Trump-Unterstützer bei einer Veranstaltung in Michigan
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Trump-Unterstützer bei einer Veranstaltung in Michigan

Ein Kommentar von , New York


Es heißt jetzt, es werde schon alles gut gehen bei dieser Wahl. Hillary Clintons Maschine funktioniere, in den wichtigen Staaten treibe ihre Mannschaft die richtigen Leute an die Urne. Und dann am Ende, wenn die Statistiker ihren Strich unter die Ergebnisse machen, werde Amerika mit ziemlicher Sicherheit eine vernünftige Lösung für das Präsidentenamt gefunden haben: nämlich Clinton. (Verfolgen Sie alle Ereignisse am Wahltag und in der Nacht hier im Newsblog.)

Mag sein, dass es so ausgeht. Es mag sogar sein, dass Hillary Clinton letztlich sehr souverän aus dieser Wahl hervorgeht, aber das alles sollte nicht vergessen machen, was da vor sich gegangen ist in den vergangenen eineinhalb Jahren und was das für Amerika und für uns eigentlich heißt.

Donald Trump ist nie ein normaler Präsidentschaftskandidat gewesen. Im Verlaufe dieses irrsinnigen Wahlkampfs hat man nur irgendwann aufgehört, jene Momente zu zählen, in denen der Milliardär seine Gegner erniedrigt, Behinderte beleidigt, Diktatoren lobt oder einfach derart dreist lügt, dass viele Amerikaner irgendwann selbst ihre Zweifel an der Wahrheit bekommen. Trump ist ein Mann mit dem Gebaren eines Schulhofschlägers und einer solch frappierenden politischen Halbbildung, dass er unter normalen Umständen niemals auch nur in die Nähe des Weißen Hauses hätte kommen dürfen.

Und dennoch sitzen wir hier und zittern vor dem Wahlausgang.

Trumps Rückhalt ist besonders groß, wo man noch unter sich ist

Es gibt viele Erklärungsversuche für den Aufstieg Trumps. Alle sind irgendwie richtig, aber auch irgendwie unvollständig. Natürlich sind mit seiner Bewegung die Globalisierungsverlierer sichtbar geworden. Jene Schicht weißer Amerikaner, die sich aufgrund der ökonomischen und demografischen Umwälzungen der vergangenen Jahre entmachtet fühlt und alte Sicherheiten zurückhaben will. Aber richtig ist auch, dass unter den Vorwählern, die Trump die Kandidatur verschafften, das Haushaltseinkommen deutlich über jenem der Clinton-Anhänger lag. Die These, es handele sich um eine Armee der Abgehängten, hat also ihre Schwächen.

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US-Präsident zu sein, hat seine Vorteile: Mein Haus, mein Flugzeug, mein Basketballkorb

Sicher wird Trumps Zuspruch auch vom Misstrauen gegenüber der etablierten Politik gespeist. Vergessen sollte man aber auch nicht, dass der aktuelle Präsident in dieser antielitären Welle so beliebt ist wie selten in seiner Amtszeit. Ohne Frage kanalisiert Trump die Wut auf die republikanische Partei. Gleichwohl sind selbst führende Politiker der "GOP" glühende Anhänger des Baulöwen. Und klar: Die Sorge vor dem Verlust der eigenen Identität und das Gefühl der Überfremdung treibt viele ins Lager des Demagogen. Nur Vorsicht: Trumps Rückhalt ist dort besonders groß, wo man noch so sehr unter sich ist, wie nirgends sonst in den USA. Zum Beispiel in Ohio.

Wer gewinnt wo? Prognose für einzelne Staaten

Zwei Dinge lassen sich von dem Wahlkampf ableiten. Es mag wie ein schlichter und naheliegender Gedanke klingen: Aber Trump zeigt - erstens -, welch gewaltige Wucht der Populismus entfalten und wie gesellschaftsfähig er auch in Nationen werden kann, die auf eine lange Geschichte stabiler demokratischer Verhältnisse zurückblicken. Die Ambivalenz in der Frage seines Rückhalts verdeutlicht, dass der populistische Erfolg eben nicht allein von wirtschaftlichen Verhältnissen abhängt oder vom Grad des Hasses auf Regierungsträger. Das macht ihn schwierig einzuordnen und zu bekämpfen.

Es braucht nur eine schillernde, skrupellose Person

Diffuse Ängste können diesen populistischen Erfolg beschleunigen. Und Trump verstand es geschickt, unter Zuhilfenahme moderner Medien, diese Ängste zu stimulieren. Aber seine Beliebtheit fußt im Kern auch auf der seltenen Bereitschaft, sämtliche Regeln des Anstands zu brechen, über die in einer Demokratie gemeinhin ein Konsens besteht. Auf diese Weise hat er eine Anfälligkeit westlicher Gesellschaften entlarvt, sich demagogischen Figuren zuzuwenden, die das Gemeinwesen zu zerstören bereit sind. Das ist das Erschreckende an seiner Kandidatur. Alles, was es braucht, ist eine schillernde Person mit einer simplen Botschaft und einem besonderen Maß an Skrupellosigkeit - und ein wesentlicher Teil des Landes schaltet das Hirn aus. Für die Entwicklungen in Europa, wo in Ungarn, Frankreich und selbst Deutschland längst ähnliche Strömungen ihren Aufstieg planen, verheißt das wenig Gutes.

Zweitens: Das Beispiel Trump zeigt, welche Zerstörungskraft Populismus haben und wie er den Kurs eines Landes prägen kann, selbst wenn am Ende eine Wahl verloren gehen sollte. Denn ganz gleich, wer gewinnt: Dem Freihandel zum Beispiel hat der Republikaner ein so toxisches Image gegeben, dass sich in den USA auf lange Zeit niemand mehr trauen dürfte, neue Verträge anzugehen. Die Bereitschaft, Hilfe suchende Menschen aufzunehmen, hat der Kandidat so sehr mit der terroristischen Bedrohung verknüpft, dass jedes Ausweiten von Flüchtlingsprogrammen von vielen Amerikanern als Verrat am Vaterland empfunden würde. Und Berufspolitiker und Medien hat Trump in einem Maße zum Sinnbild eines angeblich korrupten Systems gemacht, dass sie gar nicht anders können, als sich zu verteidigen - und damit das Misstrauen gegen sich nur noch stärken.

Den Diskurs in den USA in zentralen Fragen verschoben zu haben, ist Trumps eigentlicher Erfolg. Wir werden ihn zu spüren bekommen. Seine Fans in Europa, davon ist auszugehen, werden ihm nacheifern.

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acitapple 08.11.2016
1.
Ist das ernst gemeint ? Seit Jahren, bzw. schon seit Jahrzehnten wird das Bildungsniveau runtergefahren. Die Medien bieten vorwiegend den dümmsten und lautesten Marktschreiern garantiert eine Plattform. Die Politik verwaltet nur noch Geldströme und lehnt jegliche Verantwortung für irgendwas ab. Die Staaten sind nur noch Witzfigueren, die sich von Konzernen, Interessengruppen oder Extremisten auf der Nase rumtanzen lassen. Und nun wundert man sich warum der Populismus so "erfolgreich" ist ?
imlattig 08.11.2016
2. Trump?
Erinnert euch an reagan. Schauspieler. Nicht besser als der trump. Zum schluss noch senil. Hat sich keiner beschwert in den usa. Die sind mit jedem zufrieden die amis, hauptsache die show stimmt
Bundeszentrale 08.11.2016
3. Zustimmung in der Analyse, aber nicht in der Bewertung
Ich kann dem Kommentar voll zustimmen. Als Analyse. Jedoch hätte ich einige Wörter anders verwendet und käme dadurch zu einer etwas anderen Bewertung. Das Wort Demokratie würde ich wahlweise durch Establishment, Political Correctness oder veröffentlichter Meinung ersetzen. Und das Wort Freihandel durch Neoliberalismus ersetzen. Dann kommt es fast hin, nur dass ich die Entwicklung darurch weniger düster sehe, als der Autor oder die Wallstreet. Und was die Kandidaten angeht: Ein Trump wird definitiv ausgebremst, der wäre vom ersten Tag seiner Amtszeit an eine lahme Ente. Clinton hingegen ist ein Falke, der nächste Krieg steht mit ihr vor der Tür und ihre Idee von der syrischen Flugverbotszone riskiert einen sehr gefährlichen Krieg.
stefan1904 08.11.2016
4. Sanders hat den Wahlkampf viel mehr geprägt
Ich verstehe nicht, warum deutsche Medien immer wieder unterschlagen, dass Sanders den Wahlkampf viel mehr geprägt hat als Trump. Er hat Hillary zu linken Positionen gedrängt und Themen wie negative Folgen von Globalisierung, Deregulation des Arbeitsmarktes und Freihandelsabkommen erst auf den Tisch gebracht. 42 Prozent der Amerikaner haben 2014 keinen einzigen ihrer ohnehin spärlichen Urlaubstage genommen. Im reichsten Land der Welt, wo Unternehmen wie Apple, Google, Facebook und Microsoft jedes Jahr Milliardengewinne einfahren. Das ist doch verrückt. Das soziale Gleichgewicht ist in den USA seit den 80ern als der Spitzensteuersatz von 70% auf 28% gesenkt hat, völlig aus den Fugen geraten. Die Ungleichheit in den USA könnte bald wieder genauso schlimm sein wie in den 1920ern.
held_der_arbeit! 08.11.2016
5. Populismus lässt sich nur
...mit Populismus bekämpfen. Hier hätte den USA Bernie Sanders gut getan. Denn Hillary's vielleicht realistische aber letztlich blutleere Agenda verfängt nicht. Das gleiche Problem haben wir in Europa. Die linken Parteien haben jegliche Vision einer besseren Gesellschaft aufgegeben und damit dem Populismus von rechts kampflos das Feld überlassen. "Die Mitte" die man durch dieses Manöver gewinnen wollte, hat man nebenbei zerstört
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