Wahlfälschungsvorwurf Schüsse bei Massendemonstration in Teheran

Bei Protesten von mehr als hunderttausend Oppositionsanhängern sind in Teheran Schüsse gefallen. Das berichten Augenzeugen - Sicherheitskräfte haben einem Reporter der Nachrichtenagentur AP zufolge mindestens einen Menschen erschossen. Die Demonstration mit Reformkandidat Mussawi fand trotz eines Verbots statt.

Aus Teheran berichtet


Eskalation bei der Oppositionsdemonstration in Teheran: Iranische Sicherheitskräfte haben nach Angaben eines AP-Fotografen auf demonstrierende Anhänger des Reformkandidaten Hossein Mussawi geschossen - und mindestens einen Menschen getötet. Auch das iranische Staatsfernsehen berichtete: "Es gab vereinzelt Schüsse da draußen. Ich kann sehen, wie Menschen davonlaufen", sagte ein Reporter des englischsprachigen Senders Press TV.

Die Demonstration war offiziell für illegal erklärt worden - doch die Menschen waren trotzdem gekommen. Um vier Uhr Nachmittags sammelten sich mehr als hunderttausend Anhänger des unterlegenen iranischen Präsidentschaftskandidaten Hossein Mussawi am Teheraner Platz der Revolution, um gegen den von ihnen vermuteten Wahlbetrug zu demonstrieren. Schweigend zog ein nicht enden wollender Protestzug gen Westen.

Auf dem Azadi-Platz, auf dem das Wahrzeichen Teherans steht, sollten Mussawi und der ebenfalls unterlegene Reformkandidat Mahdi Karrubi die Menge begrüßen. Ob sie würden sprechen können, war lange nicht klar - weil das Innenministerium die Demonstration für illegal erklärt hatte, stand keine Lautsprecheranlage zur Verfügung. Doch dann brandete plötzlich Beifall auf, "Mussawi, Mussawi"-Rufe wurden laut. Zwei Autos in einem Pulk von Leibwächtern bahnten sich den Weg durch die Massen, dann wandte sich der Oppositionskandidat an seine Anhänger: "Wir sind bereit, wieder an einer Präsidentschaftswahl teilzunehmen", sagte Mussawi. "Die Wahl des Volkes ist wichtiger als die Person Mussawi oder irgendjemand anders."

Die Zuhörer blieben stumm - keine Parolen, keine Slogans, hatte Mussawi seine Anhänger beschworen. Die Polizisten griffen zunächst nicht ein. "Polizei, Polizei, danke", riefen die Demonstranten. Aber auch Drohungen wurden skandiert: "Wenn sich der Betrug bestätigt, wird etwas Großes passieren in Iran." In den vergangenen zwei Tagen hatten die Sicherheitskräfte Proteste wegen der mutmaßlichen Wahlfälschung mit brutaler Gewalt niedergeknüppelt.

Nach SPIEGEL-ONLINE-Schätzungen waren es mehr als hunderttausend Menschen, die die schnurgerade Straße zum Azadi-Platz entlang marschiert waren, Augenzeugen bestätigten diese Einschätzung. Ein Polizist schätzte die Zahl der Kundgebungsteilnehmer laut der Nachrichtenagentur AFP auf 1,5 bis zwei Millionen.

Noch eine Stunde nach Beginn strömten immer neue Pulks aus den Seitenstraßen, schlossen sich dem friedlichen Protest an - es hatte sich herumgesprochen, dass die Lage noch friedlich war. Viele, die gezögert hatten, eilten herbei.

Zehntausende reckten das Victory-Zeichen als Symbol des Unmuts in die Höhe, ab und an hob ein Grüppchen zu einem Sprechchor an. Die Umstehenden brachten sie durch leises Zischen zum Schweigen. Der Polizei und den Spezialeinheiten, die in Hundertschaften in den Seitenstraßen wartete, sollte keinerlei Vorwand zum Angriff gegeben werden.

Dass die Demonstranten trotz des Versammlungsverbots gewähren durften, musste man als Zugeständnis der Machthaber im Land begreifen. Schon die Ankündigung von Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei am Morgen, eine Überprüfung der Wahlen vorzunehmen, war ein erstes Zeichen, dass das Regime sich genötigt sieht, den Protest ernst zu nehmen. Am Dienstag werde sich der allmächtige Wächterrat mit Mussawi und Karrubi besprechen, meldete das iranische Staatsfernsehen außerdem - ein weiteres Eingeständnis, dass die Wut der Straße nicht mehr zu ignorieren ist.

Millionen Iraner konnten sich beim persischsprachigen Satellitenkanal der BBC davon überzeugen, dass einige der am Samstag verhafteten Oppositionellen wieder auf freiem Fuß sind. Mohammed Resa Chatami, Bruder des ehemaligen Präsidenten und Mussawi-Mentors Mohammed Chatami, fand sich am Azadi-Platz ein. Auch der ehemalige Teheraner Bürgermeister Gholam Hossein Karbastschi, der Samstag abgeholt wurde, war im Gefolge Mussawis.

mit Material von dpa, AP, Reuters und AFP

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