Wahlkampf der Bibeldeuter Kerry und Bush buhlen um die Frommen

Die frommen Christen in Amerika könnten bei der Präsidentschaftswahl im November zum Zünglein an der Waage werden. Während George W. Bush seit je sein Verständnis des Christentums vor sich herträgt, wendet sich nun auch Herausforderer John Kerry den Gläubigen zu. Der Katholik hat jedoch einigen Ärger mit Rom.

Von Alexander Schwabe


Kerry in der Kirche: Mit Bibelzitaten gegen Bush
AP

Kerry in der Kirche: Mit Bibelzitaten gegen Bush

Als der Schlagzeuger losschlug, der Pianist in die Tasten griff, der Saxophonist die Klappen öffnete und der Chor fromme Weisen vortrug, da sammelte sich John Kerry noch einmal, bevor er vergangenen Sonntag in einem fast dreistündigen Gottesdienst in St. Louis das Wort ergriff.

Wohlbedacht ist der Präsidentschaftskandidat der Demokraten in der Baptistenkirche eines mehrheitlich schwarzen Vororts in der Südstaatenmetropole aufgekreuzt - und zieht gegen seinen Gegner zu Felde, Präsident George W. Bush, der sich seinerseits der Rhetorik nach zu schließen als so etwas wie die rechte Hand Gottes versteht.

Kerry weiß: Ohne die Stimmen der Schwarzen wird er niemals zum mächtigsten Mann der Welt werden. Er kennt die Zahlen: 12,7 Prozent der amerikanischen Bevölkerung sind schwarz. Bei der letzten Präsidentschaftswahl gaben 56,8 Prozent der Afro-Amerikaner ihre Stimme ab. Die Mehrheit wählt traditionell demokratisch (90 Prozent votierten 2000 für Al Gore, 84 Prozent 1996 für Clinton). Es gilt, die Wahlbeteiligung unter den Schwarzen zu erhöhen und sie hinter Kerry zu scharen.

Bush unterm Kreuz: "Jesus Christus hat mein Herz verändert"
REUTERS

Bush unterm Kreuz: "Jesus Christus hat mein Herz verändert"

Wie weiße Evangelikale sind auch schwarze Protestanten wenig geneigt, ihren Glauben beim Gang an die Wahlurne an der Garderobe abzugeben. Nur bei weißen Durchschnittschristen - Katholiken wie Protestanten - hat die Religion wenig oder keine Auswirkung auf die Wahlentscheidung. Die schwarze Wählerklientel in der Kirche abzuholen, ist daher strategisch geschickt.

Vor der versammelten Gemeinde weicht Kerry am Lesepult von seinem Manuskript ab: "Hier wird die Wahrheit gesagt. Denn wie schon in der Bibel steht: Die Wahrheit wird euch frei machen." Die Gläubigen stimmen Kerry lautstark zu - was ihn bewegt, sich als Exeget der Heiligen Schrift zu versuchen.

Zitat aus der strohernen Epistel

"Die Schrift sagt", fährt Kerry auf Bush abzielend fort, "was nützt es, mein Bruder, wenn jemand sagt, er glaube, doch er kann keine Taten vorweisen?" Erneut stimmt die Baptistengemeinde laut vernehmbar zu. Bei so viel Euphorie für den Katholiken Kerry fällt ihr gar nicht auf, dass das Zitat aus Jakobus 2,14 ihrer eigenen, protestantischen Lehre von der Rechtfertigung durch Glauben allein vollständig zuwider läuft - weshalb Martin Luther den Jakobusbrief als "stroherne Epistel" abtat.

Kerry legt nach: "Wo sind die Werke des Mitgefühls? Wo sind die Taten?" Drei Millionen Jobs weniger seit Bushs Amtsantritt, 43 Millionen Amerikaner ohne Gesundheitsversicherung - und nun behaupte Bush auch noch, mit der Wirtschaft gehe es wieder aufwärts. "Unsere gegenwärtige politische Führung bringt uns vielleicht eine Wende, doch es ist eine Kehre, die in eine Sackgasse führt, eine Sackgasse, geteert mit gebrochenen Versprechen", so Kerry.

Der wahlkämpferische Prediger fährt fort, die "Politik der Falschheit und der Furcht" gelte es zurückzuweisen. Sie ziele darauf ab, Schwarz und Weiß zu trennen, Reich und Arm, Nachbarschaft von Nachbarschaft.

Missbrauch der Heiligen Schrift

Kerrys Auftritt bei den Brüdern und Schwestern provozierte umgehend die Gralshüter einer christlich verbrämten Politik im Weißen Haus. Argwöhnisch äugten sie auf die fromme Offensive des Konkurrenten. Bushs Sprecher Steve Schmidt warf Kerry vor, die Heilige Schrift für einen politischen Angriff missbraucht zu haben.

Eine scheinheilige Kritik, versteht es doch keiner so gut, aus religiösen Gefühlen und Überzeugungen politisch Kapital zu schlagen, wie der Methodist Bush. Als er im Wahlkampf vor vier Jahren nach seinem Lieblingsphilosophen gefragt wurde, kam die sachlich falsche, doch glaubhafte Antwort: "Jesus Christus, weil er mein Herz geändert hat." Und dass Kabinettssitzungen in Washington mit einem Gebet begonnen werden, kommt im amerikanischen Bible-Belt gut an.

Der ehemalige Alkoholiker und "wiedergeborene" Christ Bush sieht in Amerika ein von "Gott und der Geschichte auserwähltes Modell der Gerechtigkeit, Integration und Vielfalt ohne Teilung". Sätze von ähnlich religiöser Schwere waren von Kerry bisher nicht zu hören. Kirchlich aufgeheizte Themen wie Abtreibung, Stammzellenforschung oder Homo-Ehe behandelt er nüchterner und liberaler als Bush - und zieht damit den Groll katholischer Erzbischöfe auf sich.

Kerry und Kirche überkreuz

Raymond Burke, Erzbischof ausgerechnet in St. Louis, liegt mit Kerry überkreuz, seit dieser während der Vorwahlen Anfang des Jahres durch Missouri getourt war. Der Kirchenobere warnte Kerry öffentlich davor, an der Kommunion teilzunehmen. Er bezog sich auf Paragraph 915 des kanonischen Rechts, wonach diejenigen zu ächten sind, die "hartnäckig in offenkundig schwerwiegender Sünde verharren".

Kerrys Sünde liegt in den Augen der Heiligen Mutter Kirche darin, dass er sich für das Recht auf Abtreibung einsetzt - obgleich er beteuert, persönlich gegen Abtreibung zu sein. Auch Sean O'Malley, Erzbischof in Kerrys Heimatdiözese Boston, hatte von katholischen Volksvertretern verlangt, der Eucharistiefeier fernzubleiben und Abbitte zu leisten, sollten sie das Recht auf Abtreibung befürworten.

Die amerikanischen Bischöfe pochen auf eine lehrsatzartige Richtlinie, die der Vatikan vergangenes Jahr herausgegeben hat. Darin werden Gesetzgeber katholischen Glaubens darauf aufmerksam gemacht, "die ernsthafte und klare Pflicht" zu haben, jedes Gesetz abzulehnen, das menschliches Leben angreift.

Konservativen nicht römisch genug

Bereits vergangenen August war der ehemalige Ministrant Kerry mit der Amtskirche zusammengerauscht. Damals verwehrte er sich gegen die Forderung Roms, katholische Politiker wie er hätten eine "moralische Pflicht", Gesetze zu bekämpfen, die homosexuellen Paaren Rechte garantieren. Die Nachrichtenagentur AP titelte damals: "Kerry schimpft auf den Vatikan wegen der Homo-Ehe." Dabei nannte er das Ansinnen der Kirche lediglich ein "unangemessenes Überschreiten der Grenze". Er glaube an die Kirche, und sie sei ihm wichtig, doch sei es auch wichtig, dass die Kirche Politiker nicht unterweise.

Nun erinnert der Senator von Massachusetts erneut an die von Thomas Jefferson durchgesetzte Trennung von Kirche und Staat. "Ich sage Kirchenfunktionären nicht, was sie tun sollen, und sie sollten amerikanischen Politikern nicht sagen, was sie im Zusammenhang mit unserem öffentlichen Leben tun sollten", sagte er jüngst dem "Time Magazin".

Kerry hat ein Problem mit Rom. Während der katholische Präsidentschaftskandidat John F. Kennedy vor 44 Jahren bei protestantischen Evangelikalen die Furcht geweckt hatte, er sei der verlängerte Arm des Papstes, hat John F. Kerry, der eigenem Bekunden nach in Vietnam mit einem Rosenkranz am Hals in die Schlacht gezogen war, damit zu kämpfen, dass er konservativen Christen nicht römisch genug ist.

"Time" zitiert einen hohen amerikanischen Funktionär im Vatikan: "In Rom wird man sich zunehmend darüber klar, dass John Kerry ein Problem ist." Sein Verständnis des katholischen Glaubens, insbesondere seine Haltung zur Abtreibung, berge einen Skandal in sich.

Die Opposition der Amtskirche könnte Kerry Millionen Stimmen kosten - doch sie könnte ihm auch zu Gute kommen. Dann, wenn sich herausstellt, dass sich viele Katholiken mit Kerry identifizieren, indem sie sich als Gläubige sehen, jedoch nicht in voller Übereinstimmung mit der römisch-katholischen Lehre.



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